enkeltauglich leben
Permakultur

Fruchtbare Unordnung

Zu Besuch im Mienbacher Waldgarten.
von Sylvia Buttler, erschienen in Ausgabe #22/2013
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Gut 2000 Besucher kamen am 30. Juni dieses Jahres zum Tag der offenen Tür in den Mienbacher Waldgarten. Das Interesse war groß, und die Gäste staunten über die Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Manch einem erschien der Garten zwar eher als Unordnung, die man im eigenen Garten nicht so gerne sieht. Aber der Respekt vor den prächtigen Tomaten war dennoch vielen ins Gesicht geschrieben. »Das freut mich, denn vor zwei Jahren kam auch noch viel Kritik«, sagt Hannelore Zech. »So ein Permakulturgarten widerspricht eben den Vorstellungen, die die meisten Leute von einem Gemüsegarten haben. Der soll ›ordentlich‹ aussehen.«

»Wo, bitte, ist denn der Wald?«
Mittlerweile haben sich die Mienbach-er Einwohner an den Waldgarten gewöhnt. Seit zwei Jahren gibt es ihn nun. Damals überließ die Familie des angrenzenden Garten- und Landschaftsbaubetriebs der gelernten Gärtnerin mit Permakulturzertifikat das Gelände. »Am Anfang gab es nur die Streuobstwiese und ganz viel Kanadische Goldrute, eine eingewanderte Pflanze, die sich stark ausbreitet«, erinnert sich die 37-Jährige. Mittlerweile hat sich das Areal mit viel Arbeit und Fantasie in ein essbares Paradies verwandelt. »Die Besucher fragen natürlich immer zuerst, wo denn der Wald sei«, lacht die Gärtnerin. »Das sind die Obstbäume, die seit gut zehn Jahren hier stehen.« Sie bilden die oberste Etage des Gartens, der in mehreren Ebenen bis zu den Kräuterbeeten hinuntersteigt.
Die drei Zonen des Waldgartens unterteilen sich in Intensivpflege, Nutztiere und Extensivpflege. Früher war das anderthalb Hektar große Gelände ein Maisfeld, die Erde nach jahrelanger Monokulturbebauung ausgelaugt und durch Erosion abgetragen. »Die Besucher glauben uns oft nicht, dass wir ohne Kunstdünger auskommen, denn wir mussten schließlich erst einmal die Humusschicht wieder aufbauen.« Die Schweine und Hühner haben dabei wertvolle Hilfe geleistet. »Hühnertraktor« heißt der mobile Stall, der immer gerade dort aufgestellt wird, wo er benötigt wird. Die Schweine pflügen den Boden um, und die Hühner hinterlassen wertvollen Dünger.
Aber die Tiere machen nicht nur Freude. Gerade hat sich Hannelore entschlossen, auf eine weniger flugfreudige Rasse umzustellen. Die jetzigen Hühner sind doch ein wenig zu agil im Garten unterwegs und scharren die Kartoffelbeete frei. Auch die beiden Mini­schweine machten am Anfang Schwierigkeiten. Immer wenn die Sau rauschig wurde, brach sie aus dem Gehege aus und machte sich auf den Weg zum benachbarten Schweinehof. »Das wurde eines Tages richtig gefährlich, als der Bauer sich beim Versuch, sie einzufangen, verletzte«, erzählt die Halterin. »Wir haben dann Familienrat gehalten und überlegt, was wir tun sollen. Ergebnis war, dass wir in einen ziemlich teuren, aber sicheren Zaun investiert haben. Wir konnten uns von den beiden Schweinen einfach nicht trennen.« Der Garten ist nämlich auch Familiensitz, also Freizeit- und Erholungsort für Mann und Kinder, die sich alle ihre Lieblingsplätze auf dem Gelände eingerichtet haben. Neben der vielen Arbeit soll der Spaß nicht fehlen. Und so begegne ich unterwegs einem Baumhaus, einer Kinderküche und einer Naturgeister­ecke.
Als Selbstversorgergarten geplant, ernährt das Grundstück zwei Familien mit neun Personen, und wenn ein kleiner Überschuss da ist, wird er im Hofladen der Gärtnerei verkauft. Das Gemüse gedeiht in Hoch- und Hügelbeeten, bepflanzten Baumscheiben und Kartoffelmulchbeeten. Außerdem sind mehrere Kräuterspiralen zu finden. In jeder Ecke wächst etwas. Die zahlreichen Kräuter und Wildkräuter, die im Garten mittlerweile heimisch geworden sind, werden im Laden als Räucherwerk angeboten.


Bienenkugeln und Kräuterkinder
Wo eine Streuobstwiese ist, dürfen Bienen nicht fehlen. Und selbstverständlich begegne ich auf meinem Spaziergang auch hier einigen Völkern. Diese leben in »Warré-Beuten«, benannt nach ihrem Erfinder, dem französischen Imker und Pfarrer Émile Warré (1867–1951), der eine für die Bienen wesensgemäße und für den Imker praktische »Volksbeute« entwickelte. Bald wird im Waldgarten auch eine ganz neue Art der Bienenhaltung Einzug halten, die Bienenkugel. Ihr Erfinder Andreas Heidinger hat sich lange mit den Vorlieben der Bienen beschäftigt und sich gefragt, warum man sie eigentlich zwingen muss, in eckigen Kästen zu ­leben, wo sie doch von Natur aus in Baumhöhlen wohnen. Er entwickelte eine Kugel, in der seine Bienen prachtvoll gedeihen und die er deshalb zum Patent anmeldete.
Besonders liegen Hannelore Zech die Projekte mit Kindergartengruppen und Schulklassen am Herzen, die sie regelmäßig in den Garten einlädt. »Wenn die Kinder eine Wildkräutersammlung machen wollen, finden sie in unserer bayerischen Kulturlandschaft fast nichts mehr«, beklagt sie. »In unserem Garten ist das anders, da haben wir schnell einen Korb Kräuter zusammen.« Die Kinder können anschließend auf dem liebevoll angelegten Barfußpfad ihre eigenen Erfahrungen mit verschiedenen Materialien machen und im Garten auf Entdeckungsreise gehen. Auch einen Regenwurmkurs bietet die Gärtnerin an. Dabei lernen die Kinder nicht nur, dass es unterschiedliche Arten gibt, sondern auch deren Aufgaben in der Natur sowie ihre Lebensweise kennen. Das Begreifen und Erleben spielt im Garten eine große Rolle. Die jungen Besucher sind eingeladen, zu schmecken und zu riechen, zu fühlen und zu tasten. Dann wird die Natur zum Abenteuer.



Gebunden und frei zugleichNur den Garten zu bewirtschaften, reichte Hannelore aber nicht. Immer mehr Menschen haben das Bedürfnis, sich mit gesunden Lebensmitteln aus eigenem Anbau zu ernähren, benötigen aber Unterstützung bei diesem Vorhaben. So beschloss sie, dass der Raum über dem Hofladen einen wunderschönen ­Seminarraum hergeben würde, und gründete die Selbstversorgerakademie. Sie konnte namhafte Referentinnen und Kursleiter gewinnen und bietet seit geraumer Zeit Seminare rund um die Selbstversorgung an. Vom Filzen bis zum Imkern, vom Lehmofenbau bis zum Brotbacken mit Ur-Saaten können die Teilnehmer alles lernen, was ein Selbstversorgerleben erfordert. Den Schwerpunkt bildet die Permakultur. Das vielfältige Programm wird ständig erweitert. Die Mienbacher Kurse erfreuen sich wachsender Beliebtheit, wollen aber auch organisiert werden, zumal es Übernachtungen nur im Nachbardorf gibt.
Während unseres Spaziergangs erzählt Hannelore von ihren Plänen, die sie demnächst verwirklichen will. Vielleicht möchte die Familie auf dem Gelände sogar irgendwann einmal wohnen. Wird ihr das alles nicht manchmal zu viel? Wie in jedem Projekt gibt es sicherlich auch hier Rückschläge, vor allem wenn, wie in diesem Jahr, das Wetter nicht mitspielt. Sie denkt kurz nach. »Manchmal ist es schon arg«, sagt sie dann. Letztens habe das Bayerische Fernsehen bei ihr angefragt; man wollte einen Beitrag zum Thema »Freiheit« drehen. Da habe sie lange darüber nachgedacht, ob sie sich eigentlich frei fühle, mit all den Verpflichtungen, die ihr Leben mit sich bringt: »Aufstehen, Kinder in die Schule bringen, selbst frühstücken, in den Garten fahren, die harte Arbeit, blaue Flecken, wieder heimfahren, Mittagessen kochen, Ernte verarbeiten, am Computer die Seminare organisieren – abends falle ich todmüde ins Bett. Im Gegensatz zu jemandem, der in der Stadt Karriere macht, bin ich vielleicht frei, aber auf der anderen Seite auch abhängiger. Trotzdem – ich bekomme so viel zurück: die Freude an der Natur, an den Tieren, am Genuss des tollen Essens, an lustigen Erlebnissen und schönen Gesprächen. Ja, genau so möchte ich leben«, lacht sie.
Das Fernsehen hat sich schließlich für einen Beitrag über einen Mann entschieden, der »frei« auf einer Wiese lebt. Aber Hannelore ist rundum zufrieden. Und das kann ich gut verstehen. •


Sylvia Buttler (43) züchtet auf ihrem Bauernhof im Bayerischen Wald bedrohte Haustierrassen. www.am-schimmelbach.de

Mehr Ordentliches und Unordentliches:
www.waldgarten.wordpress.com
www.warre-bienenhaltung.de
www.bienenkugel.de

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