enkeltauglich leben

Kinderwerkstatt ­Recycling-Kunst

von Iselin Gudermann, erschienen in Ausgabe #11/2011
Photo

Ich war eine Dose


Vor ein paar Monaten hörte ich im Fernsehen die Prophezeiung eines Müllexperten. Er sei sich sicher, dass man zukünftig die Müllberge vor den Toren unserer Städte wieder aufbrechen werde, um an all die darin enthaltenen wertvollen Ressourcen zu gelangen. Sollte uns das nicht zu denken geben, dahingehend, dass wir genauer hinsehen und die Möglichkeiten des Abfalls schon heute erkennen, bevor er beerdigt oder anderweitig um die Ecke gebracht wird? Einfälle statt Abfälle! Beim Thema Recycling kommt es auf Fantasie und besonders auf die Perspektive an. Das lässt sich gut an den mitunter wunderschönen Spielzeugen aus Weißblech erkennen, die in den Armensiedlungen der Welt Playmobil und Lego ersetzen. Die Autorin des Buchs »Kinderwerkstatt Recyclingkunst« ist in der DDR aufgewachsen, einem Land, dem der Luxus von Hightech-Wegwerfverpackungen noch fremd war (und das für seinen hohen Grad an Wertstoff-Recycling sowie Versorgung mit regionalen Lebensmitteln erstaunlich selten gelobt wird). Lisa Wagner schreibt im Vorwort, sie sei es gewohnt gewesen, als Kind mit den im Osten üblichen einfachen Verpackungsmaterialien zu basteln, schon die Plexiglasverpackung einer Pralinenschachtel habe damals für sie einen hohen Wert gehabt. Wie gesagt: Es kommt eben auf die Perspektive an, auf ein gewisses Bewusstsein für Ressourcen aller Art. Die Autorin meint, dass man letzteres auch Kindern in Wegwerfgesellschaften nahebringen könne, am besten durch die kreative Umfunktionierung von Wegwerfmaterialien. »Spielerisch und ganz nebenbei«, heißt es im Vorwort, »erwerben die Kinder im kreativ-schöpferischen Prozess vielfältige Kenntnisse über diverse Materialeigenschaften, Kunstgeschichte, Medien und Filmgeschichte, optische Phänomene und Prinzipien, physikalische Funktionsweisen, Mathematik und vieles mehr. So werden den Kindern durch die Verwendung von größtenteils künstlichen Materialien Umweltbewusstsein und der Gedanke der Nachhaltigkeit nähergebracht.«
Schon beim Durchblättern des Buchs bekommt man angesichts der Fülle an Inspirationen und Bastelanleitungen den Eindruck, dass man mit dieser reichen Fundgrube an Ideen locker den Kunst- und Werk-Unterricht der ersten sechs oder sieben Jahrgänge gestalten könnte. Wenn man denn Kunstlehrer wäre. Oder Physik-Pauker, denn da hat das Vorwort nicht ganz unrecht: Das Bauen von Windrädern aus TetraPaks, gummigetriebenen Autos, Filmvorführgeräten aus Pappe, Fallschirmen aus Plastiktüten sowie das Einbeziehen von Phänomenen wie Licht und Schatten lassen die Bastler »ganz nebenbei« optische, physikalische oder mathematische Prinzipien erfahren. Abgerundet wird das Buch von hilfreichen Kapiteln zu Werkzeug- und Materialkunde und Hinweisen zur Materialbeschaffung.

Kinderwerkstatt ­Recycling-Kunst
Vom Milchtütenauto
zum Keksdosenfilm.
Lisa Wagner
AT Verlag, 2011, 160 Seiten
ISBN 978-3038005766
22,90 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #11

Sein & Sinnvon Rupert Sheldrake

Beten verbindet Felder

Auf dem Weg zu einer lebenswerten Post-Kollaps-Gesellschaft ist die Kraft der Vision das stärkste Werkzeug des Menschen. Wir laden herausragende Visionärinnen und Visionäre ein, Oya ihre zukunftsweisenden Gedanken zu schenken.

Permakulturvon Tina Bernecker

Multitalent Biomeiler

Im Frühjahr 2011 wurde auf der »Naturinsel Drachenmühle« im sächsischen Schweta zum zweiten Mal ein Biomeiler errichtet. Die Methode wurde von dem französischen Forstwirt Jean Pain in den 70er Jahren entwickelt, um gehäckseltes Holz ökonomisch und ökologisch zu verwerten. Für Selbstversorger empfohlen.

Literaturvon Matthias Fersterer

Meister der Melancholie

Am 14. Dezember 2011 jährt sich der Todestag des großen Schriftstellers W. G. Sebald zum zehnten Mal. Eine Würdigung von Leben und Werk.

Ausgabe #11
Was soll das Ganze?

Cover OYA-Ausgabe 11
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion