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Vom Urpatriarchat zum globalen Crash? (Buchbesprechung)

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Was treibt einen dazu, die Weltgeschichte noch einmal zu erzählen? Und warum sollten wir dem zuhören?
Der Kulturgeschichtler Egon Friedell schrieb ein- mal: »Geschichtsschreibung ist die Philosophie des Geschehenen [...] Der menschliche Geist hat nach der Idee zu forschen, die in jedem Faktum verborgen liegt, nach dem Gedanken, dessen bloße Form es ist«. Und Rudolf Steiner vermerkte dazu sinngemäß, in der Geschichtsbetrachtung habe man darauf zu achten, sich nicht im Gestrüpp der bloßen Tatsachen zu ver- heddern; es ginge vielmehr darum, den roten Faden zu finden, der sich hindurchziehe.
Und genau das tut Bernd Hercksen in seinem Buch »Vom Urpatriarchat zum globalen Crash? – Der Aufstieg einer verkehrten Welt und die Suche nach der richtigen«. Mehr noch als im vielleicht etwas modisch geratenen Titel sagt der Untertitel etwas aus über die Brille, durch die wir hier auf die Geschichte schauen werden: Wir werden eingeladen, keinem geringeren Spektakel durch die Jahrtausende zu folgen als dem großen Ringen zwischen Freiheit und Herrschaft.
Kaum ein studierter und professionell spezialisier- ter Historiker hätte dazu heute den nötigen Weitblick, die Kraft und den Mut. In der Zeit der ausgestorbenen Generalisten kommt ein genialer Amateur und wagt den ganz großen Wurf. Von der Altsteinzeit bis in die Gegenwart spannt Hercksen seinen Bogen. Zu Beginn noch recht übersichtlich und spätestens ab der Mo- derne in beeindruckender Komplexität schildert er die Abfolge, die Unterschiede, aber auch die unsichtbaren Zusammenhänge all der Revolutionen und Reform- oder Befreiungsbewegungen, auf deren sprichwörtli- chen Schultern wir Heutigen stehen.
Stellenweise wird sein Werk zu einer Art Synopse, in der die verschiedenen Facetten nacheinander aufleuchten – Facetten ein und derselben großen Suchbewegung nach Freiheit. Dass diese Facetten oder Segmente einander gar nicht oder nur ober- flächlich und verfälscht wahrnehmen oder gar sich gegenseitig bekämpfen, stärkt die »andere Seite«: ein Herrschaftssystem, das in zahlreichen Transformati- onen sein Antlitz veränderte, aber in seinen Kernele- menten fast immer wieder triumphiert. Demokraten misstrauen Sozialisten, Kommunisten bekämpfen An- archisten, alle zusammen die Spirituellen, welche sich wiederum gern vom politischen oder ökonomischen Denken distanzieren, zwischen allen Fronten dann die Feministinnen, die ökologisch Bewegten und – von al- len ignoriert – die Gemeinschaftsbewegten. In seinem großen Gang durch die (vorwiegend indoeuropäisch geprägte) Geschichte gelingt es Hercksen, die jewei- ligen Wahrheitssplitter der verschiedenen Freiheits- bewegungen in eine Zusammenschau zu bringen. Er verleugnet nicht, dass die Geschichte der Freiheits- bewegungen auch eine Geschichte der Widersprüche, der Fehler und Irrtümer war, aber er betont stets de- ren gemeinsamen psychosozialen Untergrund.
Und wie andere die gegenwärtige Variante des Prinzips Herrschaft als »Megamaschine« oder »glo- bale Plutokratie« umschreiben, so verortet Bernd Hercksen den roten Faden, der die verschiedensten sozialreformerischen Bewegungen durch die Jahr- tausende verbindet, im Kernbereich menschlicher
Sehnsucht und Gemeinschaft. Die Suche nach Frei- heit und Heimat (nicht oder!), nach einem Leben in Selbstbestimmung, intakter Natur und befriedigender Beziehungen ist der rote Faden, der die Suche bis in die Zeit vor dem Patriarchat zurückführt.
Hier ist nicht der Raum, die ganze Problematik der Vorurteile, die sich mit den Begriffen Patriarchat und Matriarchat verbindet, zu erörtern. Wichtiger scheint mir, dass es Hercksen gelingt, als Essenz der Matriarchatsforschung auf nur fünfzig Seiten eine Welt vorzustellen, die nicht nur Anknüpfungspunkt für den genannten roten Faden ist, sondern schon allein
durch die Autorität ihrer historischen Dauer die ober- flächliche Überlegenheit des erst rund 5000 Jahre alten Prinzips Herrschaft souverän in die Schranken weist.
Wenn wir wissen, woher wir kommen, können wir eher bestimmen, wohin wir gehen. Diese Erfahrung, die viele auf der Ebene der individuellen Selbsterfah- rung gemacht haben, wird durch Hercksens Buch auf die kollektive Ebene gehoben. Es ist ein Muss für alle, die heute Gesellschaft nachhaltiger, ökologischer, sozialer und demokratischer gestalten oder auch nur verstehen wollen.
Die Geschichte durch die Brille einer auf Freiheit und Gemeinschaft basierenden vorpatriarchalen Kul- tur zu betrachten, ist ein Nischenthema, an das sich männliche Autoren kaum herangewagt haben. Dabei ist genau diese Geschichte unser Menschheitserbe.
Zu guter Letzt geht Bernd Hercksen noch über die Chronistenrolle hinaus und macht eigene Vorschläge für heute und morgen. Dabei ist klar: Je näher wir der Gegenwart kommen, umso subjektiver werden unsere Schlüsse. Das ist auch bei Bernd Hercksen so. Ich wäre versucht, hier das eine oder andere Detail zu kri- tisieren. Diese Versuchung tritt jedoch in den Hinter- grund gegenüber der Tatsache, dass die spezifische Lesart der Geschichte durch dieses Buch an Gewicht gewinnen wird. Das ist es, was zählt! Von einigen ver- misst, herbeigesehnt, von anderen eher befürchtet, taucht sie nun wieder auf, die große Erzählung. Sie kommt aus der Tiefe der Zeit und will von uns verstan- den werden. Heute! 

Vom Urpatriarchat zum globalen Crash?
Der Aufstieg einer verkehrten Welt und die Suche nach der richtigen
Bernd Hercksen
Shaker Media, 2010,
720 Seiten
ISBN 978-3868584080
39,90 Euro

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