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Anpassung an den Klimawandel in Chile

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Seit einigen Jahren beinhaltet -Klimapoli-tik nicht mehr nur die Reduzierung von Treibhausgasemissionen, sondern auch die Anpassung an die schon nicht mehr zu verhindernden Folgen der derzeitigen und zu erwartenden Erwärmung der Atmosphäre. Wie dies in einem Staat versucht wird, und warum es nicht gelingt, studierte Elisabeth Holzner in ihrer mit einem Preis ausgezeichneten Masterarbeit, die auch als Buch veröffentlicht wurde. Dabei erweist sich Chile als Vertreter des »neoliberalen extraktivistischen Modells von Entwicklung«. Dass Holzner vor allem offizielles politisches Handeln anhand von Dokumenten analysiert und widerständige Bewegungen etwa gegen die Privatisierung von Wasser nur am Rande erwähnt, ergibt sich daraus, dass sie eine materialistisch-historische Policy-Analyse nach Ulrich Brand vornimmt. Sehr verdienstvoll ist die Vorstellung von Begriffen, die bei der Einschätzung von Klimapolitik, auch über Chile hinaus, wichtig sind. Dabei wendet sich die Autorin immer kritisch gegen gängige Begriffsbestimmungen, wenn sie eher technokratisch ausgerichtet sind. Stattdessen verweist sie konsequent auf die Einbettung ökologischer Probleme in soziale Verhältnisse. Die »Vulnerabilität« (Verletzlichkeit) der Menschen gegenüber den Folgen der Erderhitzung hängt beispielsweise nicht nur von technischen Gegebenheiten ab, sondern vor allem von Zugangsrechten, der Verteilung von Macht und von strukturell-gesellschaftlichen Verhältnissen. Auch die Anpassung ist nicht nur ein technischer Vorgang, sondern hängt eng »mit Fragen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Ressourcenverteilung und -zugang« zusammen. In Chile wird die politische Ökonomie des Extraktivismus, also der »übermäßigen Ausbeutung immer knapper werdender, meist nicht erneuerbarer, natürlicher Ressourcen« nicht verlassen. Subsistenzlandwirtschaft und indigene Bewirtschaftungsmethoden werden nicht in Betracht gezogen. Insgesamt ist schon die Problemwahrnehmung sehr selektiv, soziale Belange werden nicht berücksichtigt. Aus diesem Grund kommt es mehr und mehr zu gesellschaftlichen Konflikten und Verteilungskämpfen. Die Gründe für das Scheitern eines angemessenen Umgangs mit der Klimaproblematik liegen dabei weniger in Wissens-  oder Verständnisfragen, sondern in der rechtlich festgeschriebenen neoliberalen Hegemonie. Umweltpolitik findet auf einem Terrain statt, das »von spezifischen Selektivitäten durchzogen und stark vorstrukturiert« ist. Mit dieser Erfahrung ist Chile gar nicht weit weg von uns. Deshalb kann die Analyse von Elisabeth Holzer auch für unsere Verhältnisse richtungsweisend sein, sofern es um staatliches und institutio-nelles Handeln geht. Wie wir als Bewohnerinnen und Bewohner aktiv werden können und müssen, ist eine notwendige weiterführende Frage, für die wir derartige Sondierungen des vorstrukturierten Terrains brauchen.


Anpassung an den Klimawandel in Chile
Eine historisch-materialistische Policy-Analyse der Umwelt- und -Klimapolitik.
Elisabeth Holzner
Mandelbaum, 2017
128 Seiten
ISBN 978-3854768180
14,90 Euro


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