enkeltauglich leben
Kunst

Gandalf denkt …

… über Geld als Herrschaft nach.von Gandalf Lipinski, erschienen in Ausgabe #8/2011

Neben dem Tabuthema Tod gehört das Geld zu den in der Tiefe meistgemiedenen Themen unserer Kultur. Nicht dass wir nicht darüber reden würden – im ­Gegenteil! Nicht ein betretenes Schweigen, sondern ein infla­tionäres Geplapper umhüllt das Tabu Geld und gibt ihm seine mystischen Weihen. Einen eigenen Wert soll es haben, ein ­Zeichen für Arbeit und Leben soll es sein, für Gottgefälligkeit, für Wohlstand. Vom Eros des Geldes ist die Rede, es sei Ausdruck wertfreier Energie oder gar von Geist und Spiritualität. Demgegenüber steht die kritische Distanz fast aller religiöser Traditionen zum Geld, das christliche Mittelalter zählte das Zinsnehmen sogar zu den Todsünden. Ob wir in ihm nun den Segen oder das Herz des Bösen erkennen wollen: Geld bietet die Projektionsfläche für unsere geheimsten Gefühle.

Der Versuch, seine Funktionen nüchtern zu analysieren, benennt, wenn’s hochkommt, drei davon: Geld sei in erster Linie ein Tauschmittel und als solches ja sehr begrüßenswert, da wir deshalb nicht jeden Haarschnitt mit einem selbstgebackenen Kuchen oder den Erwerb einer Dauerwurst durch Rasenmähen ausgleichen müssen.
Geld sei in zweiter Funktion ein Wertspeicher. Im Prinzip, meinen die meisten, habe es unzweifelhaft Vorteile, sich in guten Zeiten lieber Geld- als Lebensmittelvorräte anzulegen, um dann in schlechten Zeiten frische Nahrung kaufen zu können. Auch bei größerem Reichtum, der die Fähigkeit des einzelnen Besitzers, ihn zu verbrauchen, überfordere, sei es günstiger, diesen statt in vergängliche Werte lieber in Gold, Juwelen oder eben Geld zu transformieren. Allerdings, so die Kritiker, könne man Geld oder Gold, wenn es denn wirklich hart komme, eben leider nicht essen.
Während wir die erste Funktion des Geldes eher begrüßen, scheint die zweite ambivalenter, und die dritte wird heute von vielen sehr kritisch gesehen. Sie kommt ins Spiel, wenn Banken, Versicherungen und Börsen mitmischen. Das Geld wird dann selbst zur Ware. Vor dem Ausbruch der Finanzkrise Ende 2008 galt es als akzeptabel, mit Geld Geld zu verdienen. Fast schon wurde mitleidig herabgeschaut auf die, die ihr Einkommen noch mit realen Waren oder Dienstleistungen erwirtschaften mussten. Heute haben Derivate, faule Kredite und andere hochspekulative »Finanzprodukte« eher den Beigeschmack krimineller Energie als seriöser Geschäfte. Und dennoch, Justiz und Politik der mächtigsten Staaten gehen in die Knie vor ihnen, statt sie im Interesse ihrer Bürger und Volkswirtschaften abzustellen.
Damit kommen wir zur einer verborgenen, vierten Funktion des Geldes. Sie ist seine älteste, die okkulteste und bis heute wichtigste Funktion: Geld ist ein Herrschafts­mittel. Das ist es seit dem Siegeszug des Prinzips Herrschaft über die alten Gemeinschaftskulturen und unabhängig von den jeweiligen Staatsformen, in denen sich die Herrschaft organisierte und organisiert. Plutokratische (die Herrschaft des Geldes betreffende) Elemente waren in den Militärdiktaturen der Antike (Rom), den monarchistischen Systemen des Mittelalters oder des Absolutismus, den bürgerlich-repräsentativen Parlamentssystemen oder ihren staatssozialistischen Pendants zwar unterschiedlich deutlich ausgeprägt, wohl aber immer vorhanden. Die Herrschaft des Geldes, formal abgesichert durch eine eigens dafür entwickelte Justiz und durchgesetzt durch das Erzwingungsmonopol des Staats, ist zwar in den genannten Staatsformen unterschiedlich ausbalanciert, bleibt aber als Basis rechtsstaatlicher Verfasstheit bis heute unangetastet.
Wem das historisch oder politisch zu abstrakt bleibt, der möge einen Blick darauf werfen, wie Arbeit in unserer Gesellschaft organisiert ist. Unendlich viele Menschen sind gezwungen, einen Großteil ihres Lebens mit »Geldverdienen« zu verbringen. Die meisten müssen dazu ihre Arbeitskraft, ihre Zeit, ihre Lebensenergie »verkaufen«. Die allermeisten müssen daher eine Arbeit verrichten, die sie zwar finanziell versorgt, die sie aber oft gar nicht können oder gar nicht wollen. Und sehr viele davon halten ihre Arbeit für anstrengend, langweilig, sogar für sinnlos oder schädlich in dem, was sie bewirkt. Warum tun sie sie dann trotzdem? Weil sie »realistisch« sind und »wissen«, dass sie Geld zum Leben brauchen. Weil sie »wissen«, dass sie nicht (oder nur selten) für die Arbeit bezahlt werden, die sie selbst tun wollen, können oder für sinnvoll halten.
Man muss kein Genie sein, um zu begreifen, dass viele Menschen auf diese Weise ein Leben lang unter ihren Möglichkeiten bleiben. Wer kommt schon dazu, sein wahres Potenzial zu entdecken oder gar zu entfalten, wenn er dauerhaft mit Überleben beschäftigt ist (wie der Großteil der Menschen in der Dritten Welt oder an den unteren Rändern der westlichen »Prekariate«) oder vom Erfolgs- und Konsumzwang gebeutelt wird (wohl noch das Schicksal der Mehrheit in den Metropolen)?
Eine Kultur, die will oder zulässt, dass ein Großteil ihrer Mitglieder wie Sklaven in Abhängigkeit gehalten wird, ist und bleibt eine Herrschaftskultur, egal wie ihre Verfassungen formuliert sind. Eine Gesellschaft, die es unterlässt, ihre Menschen in den größtmöglichen Zustand substanzieller Freiheit zu versetzen, sabotiert die menschliche Evolution und das Wohl des Planeten und verfehlt die »conditio humana«.  

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