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Auf uns kommen viele Aufgaben zu

Wolfram Nolte befragt Silvano Rizzi zu ­seiner Berufsperspektive und seinen Erfahrungen bei der Katastrophenhilfe auf Haiti.von Wolfram Nolte, Sylvano Rizzi, erschienen in Ausgabe #14/2012
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Silvano, du bist im Abschlusssemester des Studiengangs »Nonprofit-, Sozial- und Gesundheitsmanagement«. Was kann man sich darunter vorstellen?

Das relativ neue Studium an der Fachhochschule »Management-Center Innsbruck« ist ein Betriebswirtschaftsstudium mit den Schwerpunkten Nonprofit, Soziales und Gesundheit, das in der Praxis zum Beispiel das Management in Krankenhäusern, sozialen Einrichtungen oder in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit beinhaltet. Da ich später in die humanitäre Hilfe gehen möchte, interessiert mich speziell der Schwerpunkt Nonprofit.

Was hat dich bewogen, gerade dieses Studium zu wählen?

Der Wunsch, mit meiner Arbeit anderen zu helfen, ist mir in der Zeit meines Zivildiensts bzw. Freiwilligen Sozialen Jahrs im Ausland bewusst geworden, vor allem bei meiner Arbeit in der peruanischen Hauptstadt Lima in einer Schule für behinderte Kinder. Die Schule war eine kleine, grüne Oase mit Garten in der riesigen Wüstenstadt – ein wunderschöner Ort für die Kinder, die oft aus sehr armen Verhältnissen kamen. Diese waren für das, was man ihnen gab, so dankbar und haben so viel zurückgegeben, dass mich das tief beeindruckt hat. In diesem Jahr, in dem ich auch viel in Südamerika gereist bin, habe ich zum ersten Mal wirkliche Armut gesehen, wovon ich sehr berührt war. Damals wuchs in mir der Wunsch, diesen Menschen in meiner späteren Arbeit zu helfen, nicht nur in kleinem Rahmen, sondern globaler etwas zu bewirken und in einem größeren Feld tätig zu sein.

Wie bist du auf den Management-Studiengang aufmerksam geworden, und wie geht es dir nun damit am Ende des Studiums?

Nach dem Jahr in Peru habe ich erst einmal in einer Firma für Solaranlagen und als Hochseilgarten-Trainer gearbeitet. Klettern und Surfen sind nämlich meine Hobbys. Nach dieser Zeit zog es mich dann doch an die Universität. Meinen jetzigen Studiengang fand ich per Zufall. Rückblickend kann ich sagen, dass das Studium sehr vielseitig war, da wir in viele Bereiche wie Marketing, Fundraising, Public Health und Teamfähigkeit einen Einblick erhielten. Ich kann zwar nicht sagen, dass ich in irgendeinem Fach Spezialist geworden bin, aber das ist auch in Ordnung. Denn später im Beruf sollte man in einer führenden Position vor allem über einen guten Überblick verfügen. Ich kann einiges ja auch privat vertiefen oder noch einen Master machen. Fundraising ist z.  B. ein Thema, womit ich mich gerne mehr beschäftigen möchte, vor allem mit dem Einsatz der modernen Medien dabei. Zudem habe ich im Rahmen meines Praktikums auf Haiti bei der Welthungerhilfe auch die humanitäre Hilfe für mich entdeckt.

Haben dich die Berichte über den Ausbruch der Cholera nicht abgeschreckt?

Nein, das hat mich nicht von der Reise abgehalten. Auf Haiti konnte ich zu dieser Zeit den Übergang von der humanitären Hilfe in die Entwicklungszusammenarbeit miterleben und in beide Phasen einen Einblick erhalten. Auch wollte ich das Praktikum nutzen, um den Menschen dort zu helfen.

Man hat hier gehört, dass die Hilfe nach dem Beben 2010 ziemlich unkoordiniert und planlos gelaufen ist. Haben dich die Erfahrungen dann nicht desillusioniert?

Auch die Schwierigkeiten der Katastrophenhilfe habe ich kennengelernt. Bei einer Katastrophe muss alles sehr rasch gehen, und die Situation ist immer anders, so dass die Helfer vor Ort schnell und kreativ handeln müssen. Es gab immer wieder Austausch über Verbesserungsvorschläge, wodurch die Kooperationsbereitschaft wuchs. Die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den NGOs zu koordinieren, wäre eine Herausforderung, die mich reizen würde.

Was sind für dich sinnvolle Projekte in der Zusammenarbeit mit anderen Kulturen, wohin sollte die Entwicklung gehen?

Es gibt viele Ideen und Ansätze für kleine, dezentrale Projekte, wie die Nutzung von Solarkochern, Photovoltaik auf dem eigenen Dach und energieeffiziente Öfen. Das könnte noch ausgebaut werden. Aber um großflächiger etwas bewirken zu können, müsste man auch durch unterstützende politische Maßnahmen – sowohl von innen als auch von außen – wirken. So sollte beispielsweise noch größeres Gewicht auf die Wiederaufforstung gelegt werden, um die Überschwemmungen einzudämmen und den Humus auf den Feldern zu halten. Parallel dazu müsste die Nutzung anderer Energiequellen als Holz, wie z. B. die Sonnenenergie, großzügig gefördert werden.

Was sind für dich die wesentlichen Herausforderungen in der Zukunft?

Da es durch die Klimaerwärmung voraussichtlich immer häufiger Naturkata­strophen und auch weiterhin technische Unfälle und bewaffnete Konflikte geben wird, werden auch die Anforderungen an die Katastrophenhilfe steigen. Da sehe ich viele Aufgaben auf uns zukommen.

Aber sollten nicht vor allem wir hier, in den reichen Ländern, unsere Lebensweise stärker verändern, um den Klimawandel und die absehbaren nachfolgenden Katastrophen zu vermeiden oder zu begrenzen?

Richten wir uns sonst nicht darauf ein, mit vermeidbaren Katastrophen zu leben? Wäre das nicht zynisch?
Viele Ursachen für Katastrophen, wie Erdbeben, kann man nicht beeinflussen, und die Folgen der Klimaveränderung, wie Überschwemmungen und Dürren, sind leider nicht so schnell einzudämmen. Auch haben viele Entwicklungsländer meist nicht das wirtschaftliche Potenzial, sich auf zukünftige Katastrophen vorzubereiten. In der humanitären Hilfe geht es übrigens nicht nur um Nachsorge, sondern auch um Katastrophen-Prävention. Aber selbstverständlich reicht Hilfe nicht aus, Akteure aus Politik und Wirtschaft sind ebenso gefordert.

Wie schätzt du die Entwicklung dort ein, eher positiv oder skeptisch?

Eher positiv, man sollte positiv denken. Ich habe so interessante Projekte, Menschen und Ideen kennengelernt, dass ich optimistisch bin. Ich halte eine positive Entwicklung nicht für selbstverständlich und einfach. Ich sehe auch, dass Naturzerstörung sowie bewaffnete Konflikte zunehmen und sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet – aber es gibt auch einen starken Gegenpol: viele Menschen und Organisationen, die versuchen, das auszugleichen.

Aber in der Politik und Wirtschaft ist das Macht- und Profitstreben noch dominant …

Ich glaube, man muss die großen Firmen stärker in die Lösung der Probleme einbeziehen. Wir müssen die Verantwortlichen für nachhaltige und soziale Lösungen gewinnen. Erst einmal sollte man den Weg der Überzeugung gehen, wenn das nicht hilft, dann durch Gesetze. Es gibt zahlreiche Versuche, auch auf internationaler Ebene, Normen für verantwortliches Handeln von Unternehmen und Organisationen aufzustellen. Ich habe von einer Initiative in Österreich gehört, die möchte, dass Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten jährlich einen Sozialreport vorlegen müssen, der zeigt, wie sehr sie sich am Gemeinwohl orientieren.

Was sind deine persönlichen Zukunftspläne?

Nach meiner Bachelor-Arbeit im September werde ich vielleicht den Master machen oder ein weiteres Praktikum oder mich direkt bei einer Organisation bewerben, die in Richtung humanitäre Hilfe oder Verstärkung der unternehmerischen Sozialverantwortung geht. Am liebsten würde ich von Deutschland aus agieren oder für kurze Einsätze ins Ausland gehen, denn meine Familie und meine Freunde sind mir wichtig. Ich möchte durch meine Arbeit auch andere motivieren, sich zu engagieren. Jeder kann sich einbringen in dem Maß, wie es für ihn passt. Es geht ganz einfach. 



Silvano Rizzi (26) studiert in Innsbruck und war beim ­Katastropheneinsatz in Haiti dabei. silvano.rizzi@gmx.de

Hilfe weltweit:
www.projects-abroad.de
www.helpdirect.org
www.weltwaerts.de

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