enkeltauglich leben

Wie schaffen wir das?

Wieviel Fürsorge verlangt ein Prozess, der über 2500 Gäste möglichst unkommerziell in einer Stadt unterbringt? Susann Reuter erklärt, welche Haltungen und Talente dies ermöglichen.von Lara Mallien, erschienen in Ausgabe #28/2014

»Für mich war es eine neue Erfahrung, mit basisdemokratischen Methoden ein so komplexes Unterfangen zu organisieren«, erzählt Susann. »In der Arbeitswelt habe ich so etwas nie kennengelernt. Zwar habe ich manchmal in Gemeinschaften mitgearbeitet, aber nicht in einer verantwortungsvollen Rolle. Mich hat beeindruckt, dass bei Konflikten alle gehört wurden. Zwischen heißen Diskussionen haben wir manchmal Improvisationstheater gespielt, konnten zusammen lachen und unsere Verbundenheit ganz anders spüren.«

Dass die Degrowth-Konferenz Verbindung zu möglichst vielen Leipziger Projekten sucht, war für Susann eine wichtige Motivation, sich einzubringen. Es zeichne sich zwar auch eine Generationenschwelle ab, meint sie – studentische Projekte seien enger angebunden als diejenigen der »alten Hasen« der Leipziger Alternativszene. »Aber der Prozess ist ja noch nicht abgeschlossen. Ich träume ­davon, dass sich eine wissenschaftliche Begleitung des Regionalgeldprojekts ›Lindentaler‹ durch Vermittlung von Studierenden aus der Organisationsgruppe der Konferenz ergibt.«
Logistik heißt für Susann, Verbindungen herzustellen. Zu ihrem Verantwortungsbereich gehört der Campingplatz, auf dem 300 Konferenzgäste zelten werden. Es wäre schön, dort Kompost-Toiletten zu haben, überlegte die Vorbereitungsgruppe. Prompt fand sich in derselben Straße, in der auch das »Konzeptwerk neue Ökonomie« als zentrales Planungsbüro der Konferenz residiert, die Firma »Ökolocus«. Sie wird nun auf dem Campingplatz ihre Holzkabinen aufstellen – selbstverständlich mit Herzchen in der Tür!
»Welche Ressourcen gibt es vor Ort?« – das ist eine zentrale Degrowth-Leitfrage. Susann übernahm auch die Koordination zwischen Menschen, die ein Quartier in ihrer privaten Wohnung zur Verfügung stellen, und Gästen, die ein solches suchten. Der anfangs gefasste Plan, dies über eine Internet-Datenbank abzuwickeln, wurde verworfen. »So etwas Komplexes kann nur ein Mensch bewältigen. Wenn ein Gast schreibt, er habe eine Katzenhaarallergie und Angst vor großen Hunden, suche ich ein Quartier ohne Haustiere. In ein Zimmer im vierten Stock ohne Fahrstuhl buche ich einen jungen Menschen.« Über 300 Gästen hat Susann Reuter, von Beruf Ingenieurin für Mikroelektronik, durch ihre Kombinations- und Kommunikationsgabe zu Quartieren verholfen. Worüber sie sich besonders freut: »Weit über 1000 Menschen sind sogenannte Selbstunterbringer. Sie finden ohne unsere Bettenbörse bei Leipziger Freunden und Bekannten eine Unterkunft.« Nur 600 der etwa 2500 Konferenzgäste übernachten in Hotels oder Herbergen.
»Wir verkaufen keine Dienstleistung«, erklärt Susann nachdrücklich, »sondern wir machen eine schöne Konferenz. Dabei wollen wir Freude miteinander haben, was sich auch im Tonfall der E-Mails in unserem Team ausdrückt – und auch im Tonfall der Zeltplatzordnung, die ich gerade schreibe. Was ich dazu im Netz gefunden habe, klang viel zu militärisch.« Dass auch die Gäste das Großereignis nicht als Konsumveranstaltung verstehen, zeigt sich daran, dass ein Drittel aller Teilnehmenden zugesichert hat, als Helferinnen und Helfer während der Konferenztage zur Verfügung zu stehen. »An einem Vormittag brauchen wir bei der Volxküche 10 Leute zum Kartoffelschälen, dann müssen Beamer, Stifte, Tische und Tafeln von einem Raum in den nächsten getragen werden …«
Überhaupt, das für die Workshops und Vorträge nötige Material heranzuschaffen, wird die Herausforderung der Tage sein. Dabei soll so wenig wie möglich neu eingekauft werden. »Wir wollen für die Verantwortlichen T-Shirts mit dem Konferenzlogo bedrucken«, erzählt Susann. »Dafür durchsuchen gerade alle ihre Schränke. Auch ich habe eine paar Hemden gefunden, die ich nie anziehe. Die gehen jetzt zu einer kleinen Siebdruckfirma vor Ort.«
Degrowth beginnt auch bei solchen Kleinigkeiten – und vor allem bei der Erfahrung, wieviel Freude es bringt, gemeinsam gute Lösungen zu finden. • 

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