enkeltauglich leben
Titelthema

Wer genau isst eigentlich?

Oder: Wer bin ich überhaupt?von Johannes Heimrath, erschienen in Ausgabe #29/2014
Photo
© wikimedia commons – mattosaurus

 

Mein Großvater hatte mir auf einem unserer Waldspaziergänge, die meist von tiefen Gesprächen über Verrottungsvorgänge und das Wesen der Pilze geprägt waren, eröffnet, dass die Hasenköttel, die Rehlosung, Hundedreck, ja auch die Kuhfladen und meine eigene Wurst aus dem Rest dessen bestünden, was unzählige Kolibakterien in den jeweiligen Gedärmen aus dem machten, was Hase, Reh, Rind, Dackel Strolchi und ich zu uns genommen hätten, und außerdem seien die unzähligen Leichen dieser einzelligen Mitesser auch gleich mit drin. Seitdem hegte ich den Verdacht, in dieser Eröffnung müsse eine Botschaft stecken, die weit über meine kindliche Vorstellung von einer Art wurligem Sklavenheer in meinem Bauch hinausging: Mit meinem »Ich«, das mich im Lauf seiner Entfaltung zunehmend aus der bedeutungsvollen Wildnis meiner Kindheit hinaus und in die Wirrnis dessen, was der erwachsene Abendländer so für bedeutend hält, hinein zog, konnte etwas ganz Grundsätzliches nicht stimmen!
In vielen Stunden vor dem Einschlafen und später, als im Naturkundeunterricht mehr Licht auf die Sache mit dem Verdauen fiel, aber eigentlich noch viel später, als mir bekannt wurde, dass sterbende Zellen ein Tausendfaches der Biophotonenstrahlung abgeben, mit der sie sonst untereinander kommunizieren – dass sie in den Momenten der Auflösung ihrer Individualität offenbar alles Bedeutende, zu dem sie zu Lebzeiten gelangt sind, der übrigbleibenden Welt in einem Lichtblitz höchster Intensität übergeben –, festigte sich in meinem Maind (englisch: »mind«) die Überzeugung, dass es »mich« – im Singular – überhaupt nicht gibt. »Ich« bin in Wahrheit kein einzelner »Körper« mit einem singulären »Geist« und einer einzigen »Seele«. »Ich« bin vielmehr ein gewaltiges Biotop von Lebewesen, die alle einen Funken Bewusstsein zu »meinem« Bewusstsein beisteuern, die gemeinsam das kollektive Organ, das mensch »Hirn« nennt, bedienen, auf dass es so etwas wie ein »Ich« als nützliche Vereinfachung eines ansonsten irre komplexen Vielfachen »denke«. Da sind die 100 Billionen Zellen – grundsätzlich jede für sich lebensfähig! –, die sich im Lauf ihres meist nur Wochen oder Monate dauernden Lebens ständig dar­auf einigen, unter Verzicht auf Ausleben ihres Potenzials als frei bewegliche Individuen »meinen« »Körper« zu bilden und zu erhalten. Und da sind weitere 100 Billionen Einzeller, die sich in den Hohlräumen, in den Biofilmen und auf den Oberflächen jenes sogenannten Körpers frei bewegen.
Lange bevor man herausgefunden hat, dass der Mut von Mäusen direkt mit der Zusammensetzung ihrer Darmflora – das Wort stammt noch aus der Zeit, als man Bakterien den Pflanzen zuordnete – zusammenhängt, ahnte ich, dass die übliche Vorstellung vom »Ich« ein Irrtum ist: Die Idee von einem »Ich«, das irgendwie eine Art brockenhaftes Ganzes – also nur ein einziges Lebewesen, nämlich »mich« – darstelle, ist nichts anderes als ein aufs äußerste vereinfachtes Konstrukt, das dazu dient, dem Riesenvolk der Bakterien in dem Biotop, zu dem ich »Ich« sage, einen angenehmen Lebensraum mit ständig fließendem Nahrungsstrom zu erhalten. Der Zellverband, der sich den Begriff »Körper« ausgedacht hat, könnte ohne die freien Einzeller gar nicht existieren. Sie, die Billionen Freien, sind es, die die zugeführten Nahrungsmittel – im besten Fall wiederum lebende Zellen, die ihre Lebenserkenntnis im letzten Lichtblitz verstrahlen – in Bestandteile zerlegen, die der feste Zellverband verwerten kann. Und dieses »Zerlegen« ist das eigentliche Verdauen: Sämtliche Kohlenhydrate, Fette, Proteine und Mineralien, die schließlich von den »Körper«-Zellen gefuttert werden, sind – ähem – Bakterienköttel, Losung von Escherichia coli, Streptokokken-Fladen, Laktobazillen-Dreck – Schweiß und Tränen und weitere Säfte, die die wahrhaft Freien und Ewigen aus ihren winzigen Leibern ausdünsten, wenn sie satt sind von dem, was sie sich mit Hilfe der Seh-, Greif-, Kau- und Schluckwerkzeuge jener überdimensio­nalen Konstruktion, die ich »mein Körper« nenne, zugeführt haben.
Das ist die Wahrheit, ich weiß es. Während einer Besiedelung durch ein Fremdvolk – sogenannte Salmonellen – tobte in meinen Eingeweiden ein Gewühle, das »ich« – so will ich einfachheitshalber weiterhin sagen – anfangs als Krieg einstufte. Ich spürte die seltene Chance, einmal ungestört und ausgiebig – wenn auch unter Schmerzen – den unbekannten Kontinent Darm zu bereisen und in direkte Verhandlung mit den vermeintlich streitenden Völkern zu treten. Ich wendete den Sehsinn tagelang ganz nach innen. Siehe da – es war gar kein Krieg, sondern nur ein heftiges Hin und Her beim Versuch der Einheimischen, den Fremdlingen eine gute Durchreise zu ermöglichen. Ich bedauerte, dass ich die Myriaden nicht einzeln benennen konnte, denn das Leben der Millionen von »Petern« oder »Mariannen« währte ja nur kurz. Keine Gesichter, keine körperlichen Kennzeichen, keine Frisuren, keine T-Shirts mit aufgedruckten Marken – und doch waren die Stämme in ihrer Vielfalt wahrnehmbar. Sie teilten »mir« alles über ihren Prozess mit, so dass »mein« Maind begann, ihnen zu vertrauen, und ruhig wurde. Als mein Erkenntnisorgan schließlich vollständig akzeptiert hatte, dass »ich« ganz viele bin – ein Ort, eine Gegend – und nicht »ich« esse, sondern ich nur die Siedlungs- und Speisewünsche der Winzigen ausführe, die »mich« in einem funktionab­len Zustand erhalten, als ich mich also diesem Dienst an der großen Sache, die sich in Menschenworten »mein Leben« nennt, widerstandslos hingeben konnte, vollzog sich der Auszug des Fremdvolks mühelos: Alle schieden in Freundschaft voneinander, und »ich« war »gesund«.
Offensichtlich dient mein ganzes Dasein dazu, den kleinen Burschen und Mädels ein angenehmes Leben in Saus und Braus zu sichern. Doch all das soll wohl unerkannt bleiben – denn weshalb sonst gaukelt »mir« das vereinigte Bakterienreich vor, »ich« sei nur ein einziges Etwas und Herr eines »freien Willens«? Die Winzigen gestatten mir, zu denken, »ich« äße die Birne, so lange nur sichergestellt ist, dass die Birne den Weg in das wohlig warme, dunkle, weiche Habitat im Eingeweidetunnel findet, wo nach jedem Zentimeter eine andere Nation von den Ausscheidungen der vorigen lebt, west und scheißt – und »mich« macht. •

weitere Artikel aus Ausgabe #29

Photo
Naturvon Vivien Beer

Am Feuer ist Platz für alle

Susanne, wir sitzen gerade in deiner offenen Küche, während das Kräuterbrot in der Feuertonne bäckt. So können wir unser Gespräch bei einem gemütlichen Beisammensein beginnen. In vielen deiner Bücher schreibst du über Heilung und Verbundenheit mit der

Photo
von Maja Klement

Kleine Gefühlskunde für ­Eltern

Für ein neues Miteinander »Eltern-Kind-Beziehungen sind in erster Linie Liebesbeziehungen«, zitiert Vivian Dittmar den bekannten Familientherapeuten Jesper Juul am Anfang ihres Buchs »Kleine Gefühlskunde für Eltern«. Wie jede Liebesbeziehung rufe auch

Photo
Permakulturvon Jochen Schilk

Mehr Wachstum! (Folge 2)

Bevor es wieder in heißere, trockenere Gefilde geht, vorab eine Meldung aus dem deutschen Wald: Kaum war nämlich der erste Teil der Aufforstungs-Serie »Mehr Wachstum!« erschienen, da zitierte die Süddeutsche Zeitung eine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass einzeln

Ausgabe #29
Satt und glücklich

Cover OYA-Ausgabe 29
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion