Buchtipps

Leicht auftreten (Buchbesprechung)

von Sabrina Schulz, erschienen in Ausgabe #16/2012
Photo

Hildegard Kurts »Leicht auftreten. Unterwegs zu einer anderen Welt« ist ein persönliches Buch. Ein Tagebuch, um genau zu sein. Wer, wie ich, das Glück hatte, die Autorin einmal in einem Vortrag erlebt zu haben, wird die Lektüre vielleicht mit anderen Erwartungen beginnen: Etwa mit dem Wunsch, mehr über Kunst und Nachhaltigkeit zu erfahren. Über Projekte, die genau diese fruchtbare Verbindung knüpfen. Über Methoden, wie Arbeits- und Denkprozesse so gestaltet werden können, dass nicht die Art, wie man zusammenkommt, schon begrenzend auf das Ergebnis wirkt. Stattdessen sitzt man mit Hildegard Kurt und ihrer Familie beim traditionellen Neujahrsmahl, begleitet die Autorin auf eine Winterwanderung mit ihren Brüdern, ins Theater mit der Enkelin oder liegt mit ihr innehaltend auf dem Diwan. Und wird dabei selbst zum »Gefäß für etwas, das sich vielleicht äußern möchte«.
Die Aufzeichnungen ergeben keinen Methodenkoffer oder Abriss dessen, womit sich die Kulturwissenschaftlerin und Mitbegründerin des Instituts für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit seit Jahrzehnten beschäftigt. Sie sind auch kein literarisches Meisterwerk, sondern fließen der Autorin in einer knappen, schnörkellosen Erzählweise aus der Feder. Und doch gelingt es Hildegard Kurt gerade dadurch, die Verehrungshaltung des laienhaften Lesers, der sich mit dem Buch der Expertin bilden möchte (oder damit gebildet werden soll), zu durchbrechen. Sie entblößt sich als Alltagsmensch auf der Suche nach Antworten auf drängende Fragen, die mit den täglichen Meldungen – etwa zum politischen Scheitern im Umgang mit dem Klimawandel – in ihr Leben genauso einbrechen wie in unseres. Und uns alle oft ratlos zurücklassen.
Vielleicht, so die Idee der Autorin, liegt der Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Welt in der Art, wie wir die alltäglichen Dinge angehen. Und vielleicht ist es heute weder möglich noch notwendig, verbindliche Antworten zu finden, an denen man sein Handeln ausrichten kann. Hildegard Kurt probiert aus, gestaltet, komponiert. Sie lässt uns daran teilhaben, wie sie sich darin übt, andere Perspektiven einzunehmen, ein anderes Handeln zu versuchen. Und zu spüren, was sich dabei im Inneren bewegt. Darin steckt eine große Ermutigung, selbst mit verschiedenen Blickwinkeln zu spielen, Probleme aus neuer Richtung anzugehen. Und sie verschweigt dem Leser nicht, vor welchen Mauern ein solcher Weg manchmal abrupt endet. Das Spielerische, Gestalterische, das leichte Auftreten wird aber dennoch zu einer ehrfurchtgebietenden Kraft, wenn viele damit experimentieren. Und so endet das wunderbare Buch mit der Hoffnung, dass auch dieser Wandel unter der Oberfläche bereits ­begonnen hat.


Leicht auftreten
Unterwegs zu einer anderen Welt. Ein Tagebuch.
Hildegard Kurt
VAS-Verlag, 2011, 231 Seiten
ISBN 978-3888644832
EUR 16,80

weitere Artikel aus Ausgabe #16

(Basis-)Demokratievon Elisabeth Voß

Wem gehört die Stadt?

Als ich 1996 nach drei Jahren in Neustadt an der Weinstraße wieder zurück nach Berlin kam, liebte ich jede Schmuddelecke dieser Stadt. Eine Fahrt mit der Berliner S-Bahn gab mir mehr Denkanregungen als eine Woche Alltag in der Kleinstadt. Berlin ist laut und dreckig, aber auch bunt und

Photo
von Sylvia Buttler

Die Kuh ist kein Klima-Killer! (Buchbesprechung)

Der Titel suggeriert, dass es sich um eine Rehabilitierung der Rinder handeln könnte, deren Ruf in den letzten Jahren arg gelitten hat. Aber Anita Idels Buch ist mehr: Es ist eine ganze Abrechnung mit der indus­triellen Landwirtschaft, die Böden, Klima und nicht zuletzt die Würde

Photo
von Anja Humburg

Vom Gärtnern in der Stadt (Buchbesprechung)

Stiefmütterchen-Plantagen durchbrechen vielerorts das Grau städtischer Verkehrsinseln. Im besten Fall. Oft genug liegen öffentliche Flächen – vom Randstreifen bis zum ehemaligen Parkplatz – in der Stadt brach. Doch bei jedem Besuch in der Großstadt beobachte

Ausgabe #16
Stadt Leben

Cover OYA-Ausgabe 16
Neuigkeiten aus der Redaktion