enkeltauglich leben
Gesundheit

Kann ich mich hören?

Wie Menschen gesund werdenvon Susanne Weiß, erschienen in Ausgabe #2/2010

Der Raum um mich ist dunkel. Ich bin allein. Ich schreie. Niemand hört mich. Eine dunkle Gestalt taucht auf, drückt auf meine Brust, will, dass ich aufhöre, zu schreien. Ich bin zwei Monate alt.

Diese Erinnerung kam in einer Therapiesitzung. Anlass der Therapie war meine Frage, wie ich in meiner Arbeit mehr Erfüllung, mehr Lebensqualität finden könnte. Meine Aufgaben abzuarbeiten, das war ich gewohnt. Selbst wenn ich spürte, dass es zu viel war, sagte es in mir: »Das ist egal, du musst weitermachen. Es muss fertig werden.« Ich stellte hohe Anforderungen an mich selbst und andere und war entsprechend häufig verspannt. Manchmal half dann der Gang ins Wellness-Bad. Anerkennung von außen war mir wichtig. Blieb sie aus, geriet mein Inneres aus dem Gleichgewicht.

Meine Eltern hatten mir oft erzählt, dass ich als Baby viel geschrien hätte und sie mich, um schlafen zu können, nachts in ein entferntes Zimmer gestellt hätten.

Ich will jemanden rufen, aber meine Stimme ist zu schwach. Ich werde nicht gehört.

Atemholen
Als ich dreißig Jahre alt war, lieh mir eine Bekannte ein Yogabuch. Ich saugte den Inhalt auf wie ein trockener Schwamm. Wo ich ging und stand, machte ich die Atemübungen, die ich aus dem Buch gelernt hatte. In einem Buch von Selvarajan Yesudian und Elisabeth Haich über Yoga fand ich eine Ahnung davon, welche Dimen­sionen menschliches Dasein haben kann. Bei uns zu Hause war alles, was über das Materielle hinausging, verpönt gewesen. Religion sei Opium fürs Volk, hieß es.

Die Ahnung mündete bei der Geburt meiner zweiten Tochter in eine tiefe Erfahrung. Seitdem suchte ich nach einer Anbindung an etwas Größeres, über mich Hinausgehendes. Ich begegnete Buddhisten, Sufis und Christen. Aber die Suche nach diesem »Größeren« blieb für mich im Körper verwurzelt: Yoga fordert mich ständig heraus, geistig wie körperlich.

Ich fühlte mich beweglich und kraftvoll, aber oft seltsam stumm. Irgendwann kam der Wunsch, meine Stimme ausbilden zu lassen, und so hatte ich meine erste Gesangsstunde – mit zweiundfünfzig Jahren. Wie gelingt es, die eigene Stimme zu erheben? Ich wagte es lange nicht. Mein Lehrer ermutigte mich, laut zu singen. Er werde mir schon sagen, wenn es zu laut sei. Auf einmal hörte ich eine Stimme, die ich nicht kannte. Kam das wirklich von mir? War das meine Stimme? War ich so stark? Konnte ich mich hören? Das Singen hatte etwas Ekstatisches. Der ganze Körper war daran beteiligt.

Es war nicht neu für mich, zu singen. In unserer Familie wurden Opern- und Operettenmelodien unentwegt geträllert, gepfiffen und situationsbedingt als Zitate verwendet. In der Küche gemeinsam mit den Eltern und Geschwistern abzuwaschen, war immer ein willkommener Anlass, mehrstimmig zu singen. Als Jugendliche machte es mir Spaß, im Schulchor zu singen. Aber was meine Stimme wirklich zu sagen hatte, das erfuhr ich erst jetzt.

Als Kleinkind durchlitt ich eine ­lebensbedrohliche Lungenentzündung. Meine Eltern waren verzweifelt. Sie besuchten mich zwar im Krankenhaus, durften aber keinen direkten Kontakt mit mir haben. Das war so üblich, weil man die Aufregung der Kinder nach ­solchen Besuchen vermeiden wollte.

Die Angst umarmen
Als Erwachsene litt ich oft unter existenziellen Ängsten. In Konflikten wurde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Oft verstärkte ich das Gefühl des Alleingelassenseins in mir, indem ich mich selbst isolierte. Nicht in diesen Strudel hineinzugeraten, kostet viel Kraft. Aber inzwischen kann ich das Kind, das allein in seinem Zimmer weint, innerlich in den Arm nehmen und es in den Schlaf singen. Dabei hilft es, wenn ich in meinen Körper hineinspüre, wenn ich meine Kraft in Bewegungen spüre, wenn ich bewusst atme, wenn ich tanze und mein Körper sich auszudrücken kann, wenn ich ihn schwingen und klingen lasse. Viele Selbsterfahrungs-Trainings und therapeutische Begegnungen haben mir auf diesem Weg geholfen. Ich habe gelernt, mich mit meinem Inneren zu verbinden und die Gefühle von Trauer und Wut in mir zu akzeptieren. Die Angst, von diesen Gefühlen aufgefressen zu werden, ist der Freude gewichen, im Annehmen dessen, was ist, Sinn und Schönheit zu finden. So entsteht Balance – jeden Tag aufs Neue.

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