enkeltauglich leben
Gemeinschaft

Ganz anders reisen

Der Versuch, Lernen und Austausch auf Reisen permakulturell zu optimierenvon Monika Frank, erschienen in Ausgabe #3/2010
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Reisen ist eine Leidenschaft der Kulturkreativen. Das hat der ­Soziologe Paul H. Ray in seiner ersten Studie zum Phänomen der Bevöl­kerungsgruppe, die einen Wandel zu ökologischem und ganzheitlichen Denken einleitet, bereits festgestellt. Diese Menschen lieben es, sich von fremden Landschaften und Kulturen inspirieren zu lassen. Aber wie passt die Reiselust zum »ökologischen Fußabdruck«? Nicht nur auf www.utopia.de, dem Forum für »­grünen« Konsum, werden Fernreisen per Flugzeug als unökologische Versuchung gebrandmarkt.

Seit den 1990er Jahren entwickelte sich im Reisegewerbe der Ausdruck »umwelt- und sozialverträgliches Reisen« als Reaktion auf den Massentourismus der vorangegangenen Jahrzehnte. Verbaute Landschaften, Zunahme des Flugverkehrs und soziale Auswirkungen auf indigene Völker sowie deren Degradierung zu schlecht bezahlten Dienstleistern rückten den Satz ins Bewusstsein: Wir zerstören das, was wir lieben. ­Umwelt- und sozialverträg­licher Tourismus fragt allerdings weiter: Warum reisen wir? Wie können Reisen gestaltet sein, so dass sie vom puren Konsum zu Austausch und Bereicherung für alle Beteiligten führen? Da Reisen für mich als Permakultur-Designe­rin nicht nur eine persönliche Passion, sondern seit einiger Zeit auch Teil meines Einkommens ist, fragte ich mich schon länger, wie eine wahrlich permakulturelle Reise aussehen müsste. Die Definition könnte etwa so lauten:

»Wir verbringen Ferien in Natur- und Kulturlandschaften Europas mit einem aktiven Beitrag zum Natur- und Umweltschutz, unterstützen dabei nachhaltige Wirtschafts- und Lebensweisen, lernen die Bioregion mit Hilfe von ortsansässigen Führern kennen und arbeiten mit lokalen und internationalen Naturschutzorganisationen zusammen.«

Eine Permakultur-Reise sollte nicht nur einen tieferen Einblick in die Region geben, sondern auch der bereisten Gegend einen Dienst im ökologischen und regionalwirtschaftlichen Sinn erweisen. Innerhalb Europas kann auf Flugreisen verzichtet werden, die Anreise ist ein Erlebnis für sich.

Inhalt und Format einer solchen Reise können sehr unterschiedlich sein. Wir reisen etwa zu einem Praxis-Workshop, in dem ein Strohballenhaus gebaut wird, oder sind als individuelle WWOOFer (der Begriff steht für freiwillige Arbeit auf Biohöfen weltweit: World Wide Opportunities on Organic Farms), die Ökolandbau in einer Region erleben, unterwegs. Wir machen eine Wanderreise mit Einblicken in die Landschaftsentwicklung und in Naturschutzfragen oder nutzen eine Bildungsreise zum tieferen Verständnis einer Sprache und einer anderen Kultur.

Bei umwelt- und sozialverträglichen Reisen wird vor allem darauf geachtet, den Transport möglichst »postfossil« zu organisieren und kleine, lokale Anbieter zu unterstützen. Bei meiner Vorstellung der »PermaTours« geht es aber auch um den wirklichen Austausch zwischen Reisenden und Bereisten. Was können wir von den woanders erlebten nachhaltigen Lebensweisen für unseren eigenen Lebensstil lernen? Was bringen wir den Bereisten mit an Wissen, Ideen, Möglichkeiten? Die Reise soll die Bedürfnisse beider Seiten erfüllen, und es soll genug Zeit sein, um das Gesehene und Erfahrene auch zu reflektieren. Und: Gegeneinladungen gehören auch dazu. Erst dann können ein wahrer Austausch und ein Lernen voneinander stattfinden.

Eine Hilfe von offizieller Seite für solche Projekte des Austauschs bietet die EU, die Projektbesuche und Lernpartnerschaften im Rahmen des Programms »GRUNDTVIG – Lebenslanges Lernen« unterstützt. Für 2011 sind Kurse und Workshops in Frankreich geplant, die gegebenenfalls eine EU-Förderung erhalten.

PermaTours 2010
In diesem Jahr plane ich ein erstes permakulturell inspiriertes Reiseprojekt im Ariège auf der französischen Seite der Pyrenäen. Das Konzept ist Selbstorganisation: Am Anfang des Aufenthalts soll das Programm mit allen Teilnehmenden gemeinsam erarbeitet werden. Wanderungen, Treffen mit anderen Permakulturisten und Selbstversorgern, Kennenlernen des Natur- und Kulturraums der Ariège und schließlich die Mitarbeit auf dem Gelände oder die Entwicklung eines Waldgartens – das alles gehört zur Idee von »PermaTours«.

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