Buchtipps

Alles fühlt (Buchbesprechung)


von Leonie Sontheimer, erschienen in Ausgabe #29/2014
Photo

Ich lese gerne draußen. Dabei krabbelt immer mal wieder ein Insekt über mein Buch. Normalerweise schnicke ich es behutsam weg, um in den Seiten fortzufahren. Als ich jedoch Andreas Webers »Alles fühlt« las, fügte es sich zu einem ganz natürlichen Teil meiner Lektüre, dass ich mir Zeit für eine genauere Betrachtung eines solchen Krabblers nahm: Dem zarten Wesen fehlte ein Flügelpaar, und mir schien, als suchte es – erschöpft von gescheiterten Flugversuchen – meine Nähe. »Alles fühlt« hat die Kraft, die Sicht auf das, was uns umgibt, zu verändern. In dieser veränderten Sicht erwacht Begeisterung über Phänomene, deren kausale Erklärungen wir zwar gelernt, aber dabei versäumt haben, uns berühren zu lassen.

Alltäglichen Vorgängen wohnt eine Bedeutung inne, die wir oft nicht erkennen. Für diese öffnet der Biologe und Philosoph Andreas Weber in »Alles fühlt« – das als Neuausgabe bei thinkOya erschienen ist – die Sinne. Er führt die Leserin in die Denkweise der schöpferischen Ökologie, in der Lebewesen nicht länger als Maschinen, sondern als empfindende Subjekte verstanden werden, ein. Kein Lebewesen kann isoliert von seiner Umwelt begriffen werden, sondern nur als »gemeinsamer Ausdrucksprozess«. Die Vorstellung, dass allein Menschen fühlen könnten, ist Weber zufolge so naiv wie das geozentrische Weltbild.

In sechs Teilen lässt er Stimmen aus Biologie, Neurologie, Physik und anderen Forschungsbereichen zusammenfließen und skizziert so vor der Folie persönlicher Naturerfahrung eine Traditionslinie vom Naturforscher Goethe bis zum Biologen Jakob von Uexküll, die in einer Revolution der Lebenswissenschaften mündet – alles in gut verständlicher und hochpoetischer Sprache.
Wie Weber zu betonen nicht müde wird, geht der Verlust der biologischen Vielfalt mit einem Verlust der Liebe einher. Folgt man der schöpferischen Ökologie, stellt sich nicht länger die Frage, ob wir »die uns fremde Natur« schützen sollen: Wir sind Teil der Natur, und sie ist Teil von uns – auch in der artenarmen Agrarsteppe Mitteleuropas. »Wir müssen die Natur für unsere Seele retten«, fasst Weber die ethische Konsequenz seines Buchs zusammen.

Nach wie vor kennen die Naturwissenschaften keine Antwort auf die Frage »Was ist Leben?«. Diese muss wieder gestellt werden und dazu führen, dass wir von unserem Sockel der Rationalität hinabsteigen. Webers Buch begleitet diesen Schritt. Die hier angeregte Verlebendigung des Denkens ist von hoher ­gesellschaftspolitischer Relevanz, ohne dass sich ­Weber dabei in tagespolitischen Forderungen verbeißen würde. Gerade darin liegt das revolutionäre Potenzial seines Buchs: Es öffnet Türen zu einem Selbstverständnis, das den Wandel aus sich heraus befördern wird.


Alles fühlt
Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften.
Andreas Weber
thinkOya, 2014
272 Seiten
24,80 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #29

Photo
Globale Perspektivenvon Julia Herz-el Hanbli

Mein Teller, ­unser Teller

Die Eltern-Kind-Cafés in deutschen Städten gleichen oft Knigge-Kursen für die Kleinsten. Schon früh werden sie in die Kunst des Essens mit Besteck eingeführt.Ohne Besteck isst man in Europa nicht. Ein Mädchen, kaum drei Jahre alt, hat sich offenbar fest vorgenommen,

Photo
von Astrid Emmert

Ackergifte? Nein danke! (Buchbesprechung)

Ute Scheubs Buch zur gleichnamigen Kampagne »Ackergifte? Nein Danke!« (siehe Oya 26) liest sich wie ein Krimi: Es gibt ein schier unglaubliches Verbrechen, es gibt Täter, unzählige Opfer – aber niemanden, der von Amts wegen um die Aufklärung des Falls bemüht

Photo
Naturvon Maria König

Essen ist Begegnung mit Lebewesen

Kürzere Tage, buntes Laub, goldenes Licht, Zugvögel und tieftrübe Regenschleier: Der Herbst verführt zu langen, gedankendurchwirkten Spaziergängen. Wo klarer, frischer Wind mich mit Herbstlaub umwirbelt, spüre ich mehr als sonst mich selbst und die Verbindung zur

Ausgabe #29
Satt und glücklich

Cover OYA-Ausgabe 29
Neuigkeiten aus der Redaktion