enkeltauglich leben

Parolen statt Pizzaflyer

Die Hinkelstein-Druckerei in Berlin arbeitet seit 25 Jahren als Kollektiv.
von Johanna Treblin, erschienen in Ausgabe #34/2015
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© Linda Dreisen

Sabine Weber drückt einen Knopf. Ein lautes Piepen kündigt an, dass die Maschine jeden Moment loslegen wird. Sie beginnt zu fiepen und zu rauschen, und schon wirft sie die ersten Bögen Papier aus. Sabine zieht einen vom Stapel und hält ihn gegen das Licht einer Lampe, um zu sehen, ob Vorder- und Rückseite des künftigen Buchumschlags richtig aufeinanderliegen. Es passt. »Für das Buch habe ich auch das Layout und den Satz gemacht. Da macht es gleich noch mehr Spaß zu drucken.«

Sabine arbeitet mit Cora Heitzmann und Thomas Kremer für »Hinkelsteindruck« – eine Druckerei mit Sitz in Berlin-Kreuzberg, die den Beinamen »sozialistische GmbH« trägt. Sie haben keinen Chef, keine Angestellten, sondern sind drei gleich­berechtigte Mitglieder eines Kollektivs, das dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.

Ein Kind der Umwelt-Bibliothek
Die Firma gehört weder zur großen Welle selbstorganisierter Betriebe, die in den 1970er Jahren in Westdeutschland entstanden sind, noch zum neuen Boom aus den 2010er Jahren: Hinkelsteindruck hat seine Wurzeln in der DDR. Die sechs Gründungsmitglieder stammten aus der Oppositionsbewegung, waren zum Teil in der »Kirche von Unten« aktiv oder kamen aus der Untergrunddruckerei der Ostberliner Umwelt-Bibliothek (UB), in der verbotene Bücher und Zeitschriften gesammelt wurden und in deren Räumen in der Zionskirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sich Bürgerrechtler zum konspirativen Austausch trafen – vorwiegend junge Menschen, nicht nur aus der Umweltszene. Dietmar Wolf, der der UB angehörte, beschrieb die Gruppe im Nachhinein als links und anarchistisch. »Sie lehnten die staatssozialistische Kommandowirtschaft genauso ab wie die Wolfsgesetze des kapitalistischen Ausbeutungssystems«, lesen wir auf www.umwelt-bibliothek.de. Auf einer Wachs­matrizenmaschine druckten die Mitglieder der UB mit den »Umweltblättern« – die später »telegraph« hießen – das bedeutendste Organ der DDR-Opposition. Darin berichteten sie auch als erste über einen Neonazi-Angriff auf Besucher eines Konzerts von »Die Firma« und »Element of Crime« im Oktober 1987 in der Zionskirche. Erst durch diese Veröffentlichung sahen sich Tage später auch die Staatsmedien gezwungen, über den Vorfall zu berichten; einige der Täter wurden überführt und verhaftet.
Nach der Wende besetzten die UB-Mitglieder mit anderen Gruppen ein Haus in der Lottumstraße, um dort nicht nur die Bibliothek unterzubringen, sondern auch ein politisches Zentrum zu eröffnen. Schnell war aber klar, dass das Haus zu klein war. Die Umwelt-Bibliothek zog schließlich in die ehemals besetzte Schliemannstraße 23, ebenfalls im Prenzlauer Berg. Einige der UB-Mitglieder hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits von dem Projekt verabschiedet, doch auch sie waren großenteils in der Hausbesetzerszene aktiv, einige zudem in der Antifa. Anfang der 1990er Jahre häuften sich deutschlandweit rechte Gewalttaten. In Berlin griffen Neonazis regelmäßig Hausprojekte und linksalternative Veranstaltungen an, insbesondere in Friedrichshain, wo der große Leerstand zu vielen Hausbesetzungen geführt hatte. Einen schrecklichen Höhepunkt markierte der Tod von Silvio Meier, der in der DDR-Opposition und nach der Wende im linksalternativen Milieu Ostberlins aktiv gewesen war. Er wurde im Sommer 1992 am U-Bahnhof Samariterstraße von mehreren Neonazis erstochen.
Die Hausbesetzerszene brauchte Mittel, um ihre politischen Botschaften zu verbreiten, dafür mussten Flugblätter und Poster her – also auch eine Druckmaschine. Von einem Plakat mit der Aufschrift »Hinkelsteine gegen Römerschweine – 2000 Jahre militanter Widerstand« klauten einige der ehemaligen UB-Mitglieder den Namen für die Druckerei, die sie in der Schreinerstraße in Friedrichshain eröffneten. 1991 ließen sie die GmbH ins Amtsregister eintragen. Eine Ausbildung oder Erfahrung im Produzieren von Printerzeugnissen hatten die wenigsten. »Aber das war zweitrangig«, sagt Sabine. Sie selbst hatte 1990 die »BesetzerInnenzeitung« mitproduziert und stieg ein Jahr nach der Gründung in das Kollektiv ein. »Das Drucken war für uns Werkzeug für unsere politische Arbeit.« Auch die Druckerei selbst diente als Ort politischer Aktionen und Diskussionen. Als Erwerbstätigkeit nahm das Kollektiv das Bedienen der Maschinen nicht wahr. Weil sie keine Miete für Wohnungen aufbringen mussten, wenig Wert auf Besitztümer legten und keiner von ihnen Kinder zu versorgen hatte, brauchten sie nicht viel Geld zum Leben. Durch diverse staatliche Maßnahmen zur Arbeitsplatzförderung stand auch die Wirtschaftlichkeit nicht im Vordergrund. Stattdessen steckten die Mitglieder viel Zeit in politische Arbeit, drehten Filme und organisierten Veranstaltungen.

Freiheit und Geselligkeit
In jedem Copyshop hängen die Druckerzeugnisse der Kunden an den Wänden: Abreißzettel für die Wohnungs- und Jobsuche, Angebote für Gitarrenunterricht und Ankündigungen von Konzerten. Auch bei Hinkelsteindruck hängen die eigenen Drucke an den Wänden. Betritt man den Kreuzberger Hinterhof, in dem der Betrieb seit 2006 zwei große Gewerberäume im Erdgeschoß gemietet hat, fällt schon an der Eingangstür ein Plakat auf: »Kreuzberg sagt Nein zur Asylrechtsverschärfung«. In blauer und roter Schrift stehen darunter Namen von Geschäften und Unternehmen mit Sitz in Kreuzberg, darunter linksalternative Einrichtungen wie der Club SO36 und der Buchladen »Schwarze Risse«. An letzter Stelle steht die Hinkelstein-Druckerei. Das Plakat ist fast frisch aus der Druckpresse: In diesem Mai haben sich damit Kreuzberger Unternehmen, Geschäfte und andere Einrichtungen gegen die Flüchtlingspolitik der Großen Koalition gestellt. Auch wenn Hinkelstein heute hauptsächlich Broschüren und Bücher druckt, kommen hier immer noch politische Pamphlete und Plakate aus der Presse. »Wir drucken keine Pizza-Werbeflyer«, sagt Sabine, »sondern Sachen, die auch politisch interessant sind. Damit ist die Arbeit nicht so entfremdet.« Auf ihrer Homepage versprechen die Hinkelsteine »Gutes zu solidarischen Preisen«. Ob sie damit auch solidarische Löhne erzielen?
»Im Handwerk wird insgesamt wenig verdient«, sagt Cora. Ihr Stundenlohn liege etwa im Durchschnitt anderer Drucker. »Aber wir arbeiten weniger«, ergänzt Sabine. Alle drei Kollektivmitglieder haben Drei- bis Vier-Tage-Wochen, ohne am Ende des Tags darauf zu schauen, wer eine Stunde früher oder später gekommen ist.
»Es ist ein großer Gewinn, so arbeiten zu können«, meint Cora und führt näher aus: selbstbestimmt, ohne Chef, der finanziert werden muss, mit Freiheiten, die sie sich gegenseitig einräumen. Statt zu drucken, fahren die Mitglieder auch mal zu Veranstaltungen, wie im vergangenen Jahr zur Degrowth-Konferenz nach Leipzig, gehen zu Vorträgen und zu Vernetzungstreffen mit anderen selbstverwalteten Betrieben oder halten Seminare zur Kollektivgründung. Auch längere Auszeiten trägt das Kollektiv. Wachstum steht für die Hinkelsteine gar nicht zur Debatte. »Je mehr du dich der Wachstumslogik aussetzt, desto mehr musst du schuften, desto mehr musst du deine Schulden bedienen«, erklärt Cora. Beide wünschen sich zwar ein oder zwei Kollegen mehr, aber nicht, um die Arbeit auf mehr Schultern verteilen oder mehr Aufträge annehmen zu können, sondern allein für den Spaßfaktor. »Wir sind gesellige Menschen«, sagt Sabine. Häufiger mal ein anderes Gesicht – das gefällt beiden gut. Jede und jeder kann in ihre Werkstatt hereinspazieren. »Sie ist wie eine kleine Begegnungsstätte«, sagt Cora. Die anderen Mieter im Haus sehen die Hinkelsteine als »gute Seele« an – und das, obwohl die Maschine beim Drucken ziemlich laut wird.

Von einem Netzwerk getragen
Sie tutet, fiept und stampft. Cora und Sabine tragen Ohrenschützer. Tom hat heute seinen freien Tag. Sabine steht auf einem Podest am hinteren Ende der Maschine und guckt zu, wie die DIN-A2-Papierbögen ins Innere gezogen werden. Sie drückt auf ein paar Knöpfe, um den Einzug zu korrigieren. Dann geht sie um den Koloss herum und kontrolliert die Bögen in der Ausgabe. Plötzlich werden ihre Bewegungen schneller, sie schaut durch diverse Öffnungen ins Innere der Maschine. »Papierstau«, sagt sie, schaltet die Maschine aus und reinigt erst einmal die Gummitücher – mit Öl. Auf Lösungsmittel und Alkohol verzichten die Hinkelsteine aus Umwelt- und Gesundheitsgründen.
Fast jeden Tag stehen Cora und Sabine zusammen an der Maschine. »Hier drucken die Frauen«, sagt Sabine. Tom ist für Bildbearbeitung und Buchhaltung zuständig. Jeder Bereich soll jedoch von mindestens zwei der Kollegen abgedeckt werden können, damit nie etwas liegenbleiben muss. So kümmert sich auch Cora neben dem Drucken um die Finanzen, und Sabine ist für Bildbearbeitung und ­Layout verantwortlich.
»Es ist ein Glücksfall, befreundet zu sein und miteinander zu arbeiten«, meint Cora. Sie genießt es, einen Raum zusammen gestalten zu können und ein gemeinsames Projekt voranzutreiben. Klar gebe es auch mal schlechte Laune oder Konflikte im Kollektiv, zum Beispiel ist es immer wieder Thema, wie die Arbeit verteilt werden soll; aber vor unlösbaren Problemen standen sie nie. »Für mich ist es wichtig, zu wissen, dass wir uns jederzeit Hilfe und Beratung aus dem Netzwerk der mit uns befreundeten Betriebe holen können«, sagt Cora. Zweimal haben sie sich bisher von der »AG Beratung« Unterstützung geholt, das ist ein Zusammenschluss von Aktiven aus verschiedenen selbstorganisierten, solidarischen und emanzipatorischen Projekten und Kollektiven, der Gruppen, die Ähnliches gründen wollen, sowie bestehende Betriebe bei ihrer Weiterentwicklung berät. Die Hinkelsteine hatten sich präventiv an die AG Beratung gewandt und sich mit deren Aktiven unter anderem Gedanken über ihre innerbetriebliche Transparenz gemacht. Ein Ergebnis war ein Festhalten an ihrem Rotationsprinzip für den Geschäftsführerposten.
Kollektivbetriebe gelten nicht als ­eigene Rechtsform, und so müssen sich ­Firmen, die auf Chefs verzichten wollen, für eine konventionelle Unternehmensform entscheiden. Manche wählen die GbR, andere die Genossenschaft, viele die GmbH. Jede GmbH muss mindestens einen Geschäftsführer benennen, und so machen manche Kollektive alle Mitglieder zu Chefs, andere vergeben den Posten formell an eine Statthalterperson, bei wieder anderen rotiert er. Bei Hinkelstein ist Cora Geschäftsführerin – das aber schon seit fünf Jahren. Im Binnenvertrag ist jedoch festgeschrieben, dass alle Mitglieder des Kollektivs die gleichen Rechte und Pflichten haben.
Um intern die tatsächlichen Mitbestimmungsrechte zu regeln, geben sich viele Kollektive einen Binnenvertrag. 25 Jahre lang sind die Hinkelsteine ohne ein solches Dokument ausgekommen – erst in diesem Jahr haben sie es aufgesetzt. »Andere Kollektive haben uns das schon seit Jahren ans Herz gelegt«, gibt Sabine zu. Die Unterschriften fehlen allerdings noch. Der Vertrag legt fest, dass die Kollektivmitglieder gleichberechtigt Entscheidungen treffen können, dass alle einen Einheitslohn erhalten, und dass im Streitfall – auch im äußersten – nicht der Rechtsweg eingeschlagen, sondern ein Schiedsgericht angerufen wird. Dazu haben sie zwei Personen ihres Vertrauens zu Schiedsrichtern aus der AG Beratung. Diese sind befugt, im Sinn des Kollektivgedankens Entscheidungen zu treffen, an die sich die Hinkelsteine halten müssen.
Dass sie einmal darauf zurückgreifen müssen, glauben Sabine und Cora nicht – schließlich hat es bisher auch so geklappt. Bevor es zu größeren Streitereien kommen kann, gehen sie lieber zur Beratung, zum Beispiel, wenn größere Anschaffungen anstehen. »Dann besprechen wir gemeinsam, ob das wirklich notwendig ist und welche Investition wir uns tatsächlich leisten können.« Cora ist froh, dass es die AG Beratung gibt – und ein Netzwerk aus selbstverwalteten Betrieben, in dem sie sich über wichtige Fragen austauschen können. »Aber wir müssen noch mehr werden«, wünscht sich Sabine. Dann könnte man sich besser gegenseitig unterstützen und mehr Dienstleistungen oder Produkte von anderen Kollektiven annehmen – so wie Coras Fahrrad, das sie bei der »Radspannerei« in Kreuzberg gekauft hat. »Je mehr wir werden, umso sichtbarer wird diese Form des Arbeitens und Lebens«, so Cora. »Das wäre auch auf gesellschaftlicher Ebene schön.« •


Johanna Treblin (34) ist Politikwissenschaftlerin, Umweltjournalistin und Autorin; besonders beschäftigt sie sich mit Stadtsoziologie.

Zu Geschichte und Gegenwart des Projekts:
www.hinkelstein-druck.de
www.umwelt-bibliothek.de

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