enkeltauglich leben

Schmelzt das Eis in euren Herzen! (Buchbesprechung)

von Sabine Maiya Storch, erschienen in Ausgabe #4/2010
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Angaangaq, Ältester der Eskimo-Kalaallit aus Grön- land, hat bereits 1978 vom schmelzenden Eis in Grönland berichtet, auch vor den Vereinten Nationen. Sein neues Buch, herausgegeben von dem Theologen und Philosophen Christoph Quarch, der viele Jahre lang die evangelischen Kirchentage ausrichtete, ist ein Aufruf zu einem »geistigen Klimawandel«. Auf den »weltlichen Klimawandel« wird nur noch im Prolog Bezug genommen. Hier zieht Angaangaq Vergleiche zwischen dem Eis auf dem Boden und dem Eis in den Herzen der Menschen. Zu Beginn seiner Wandlung vom politischen Botschafter der Eskimos zum Scha- manen gab ihm seine Mutter nämlich einen wesent- lichen Hinweis: Es geht darum, das Eis in den Herzen der Menschen zu schmelzen. Nur so könne sich die Menschheit ändern und ihr Wissen weise anwenden. »Die Welt braucht nichts, aber die Menschen sind in großer Not«, sagt er selbst.
Nun hat Angaangaq ein Buch über das Leben geschrieben, über die Feier, die Gaben, das Gleich- gewicht und die Zeiten des Lebens. In insgesamt zweiundneunzig kurzen Kapiteln stellt Angaangaq die traditionellen Lehren und Zeremonien der Eskimos Grönlands dar. »Von deiner Bestimmung« heißt zum Beispiel ein Kapitel, oder »Von der Kralle der Robbe«, »Vom Zusammenhang alles Lebendigen« oder »Von der Grenzenlosigkeit« . Damit vermittelt er diese Erfahrungswelt erstmals umfassend und kompakt an die westliche Welt (der deutschen Ausgabe ging die englische voraus). Zum Dialog wird das Buch durch den Abdruck eines Gesprächs zwischen Angaangaq und dem Herausgeber Christoph Quarch.
Angaangaq berichtet, wie er sich selbst lange gefragt hat, ob er würdig und reif genug sei, die Weisheiten seines Volks weiterzugeben, und ob seine Sprachkraft ausreiche, sie in jeder Leserin und jedem Leser lebendig werden zu lassen. So schreibt er in einfachen und kurzen, aber tiefgehenden und klaren Sätzen. Manchmal ist die Sprache lyrisch, jedenfalls bunt und alle Sinne ansprechend.
Besonders schön sind die Passagen, in denen Ang- aangaq von seiner Kindheit und Familie in Grönland erzählt, auch von seinen Ahnen, insbesondere von seiner Großmutter Aanakasaa, die seine Ausbildung zum Schamanen übernahm. Aber Angaangaq ist nicht nur in der Tradition zu Hause, sondern auch in der Moderne, wie Berichte von seinen Erfahrungen als Reisender durch viele Länder der Welt zeigen.
Er wünscht sich, dass sein Buch so gelesen wird, wie man einer Geschichte lauscht, die jemand am Abend erzählt: mit voller Seele, vom Geist durch- drungen. »Nimm dir Zeit! Höre zu! Rieche die Worte! Atme sie ein!« schreibt Angaangaq im Kapitel »Vom Geschichtenerzählen«.
Eine Kostprobe? »Wenn du bei dir zu Hause bist, bist du überall zu Hause. Für uns Eskimos ist das wichtig. Denn wir leben auf der größten Insel der Welt. Und wir sind sehr wenige. Das Land ist immens. Da ist es wichtig, bei sich zu Hause zu sein. Aber nicht nur in Grönland. Überall. Die größte Kirche dieser Welt heißt: Natur. Suchst du sie auf, kommst du nach Hause. Nach Hause zu dir selbst. Nur: Die wenigsten von uns wollen nach Hause kommen. Denn wir wissen nicht, wer wir sind. Wie könnten wir zu uns nach Hause kommen, wenn wir nicht wissen, wer wir sind? Es ist
unmöglich. Also stehen wir vor der Aufgabe, uns zu erkennen. Denn sonst können wir nicht nach Hause kommen. Sonst können wir nicht bei uns sein. Sonst können wir nicht blühen. Das schönste Gebet ist ein blühender Mensch: aufrecht, kraftvoll, schön. Dafür sind wir gemacht. Für alle Zeit.« (Aus dem Kapitel »Vom schönsten Gebet«.)
Wie kann es nun gelingen, das Eis in den Herzen der Menschen zu schmelzen? Das große Eis der Erde schmilzt, Mutter Erdes Tränen fließen. Gefriert das Eis in den Herzen der Menschen dagegen noch fester? Wir können lernen, es schmelzen zu lassen, wenn wir unserer spirituellen Verantwortung gerecht werden, schreibt Angaangaq. So wie wir dem Gebirge aus Eis lauschen können, sollen wir unserem Herzschlag lauschen – eine Berührung des Schöpfers. »Hörst du den Herzschlag der Menschen? Wie stark ist er? Wie kraftvoll könnte er sein? Schau dir die Welt an, in der wir leben. Siehst du, dass wir es sind, die die Verände- rungen ausgelöst haben?« Das Eis in den Herzen zu schmelzen, bedeutet, den Geist zu erheben, den Weg nach Hause zu finden, zu lernen, sich zu lieben und die Welt zu verwandeln.
Angaangaq weiß, dass sein Weg nicht der einzige ist. »My way is not the only way«, zitiert er ganz zu Beginn seine Großmutter. Je mehr ich mich mit der Klimaforschung beschäftige, umso mehr wird mir die vorrangige Bedeutung eines geistigen Klimawandels bewusst. Hoffentlich kann Angaangaqs Buch viele of- fene Ohren und Herzen erreichen.

Schmelzt das Eis in euren Herzen!
Aufruf zu einem geistigen Klimawandel
Angaangaq (Autor) und Christoph Quarch (Herausgeber) Kösel-Verlag, 2010,
240 Seiten
ISBN 978-3466345472
19,95 Euro

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