enkeltauglich leben

Schiff in der Sonne

Zu Besuch in Schloss Tempelhof auf der ersten deutschen Earthship-Baustelle.von Elena Ball, Vivien Beer, erschienen in Ausgabe #36/2016
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© www.earthship-deutschland.de

um ersten Mal wird in Deutschland ein »Earthship« gebaut. So ein Erdschiff-Haus besteht größtenteils aus recyceltem Material und ermöglicht seinen Bewohnern durch spezielle Bauweisen ein weitgehend autarkes Leben. Der Gemeinschaft Schloss Tempelhof im Hohenloher Land ist es gelungen, eine – mit einigen Auflagen versehene – Genehmigung für solch einen experimentellen Bau zu erringen. Vergangenen Herbst fanden sich dort über 70 Freiwillige aus 17 Nationen zum Bauen zusammen. Innerhalb von acht Wochen wurde vorwiegend in Handarbeit der Rohbau errichtet.
Als wir morgens zum Frühstück der Earthship-Bautruppe in der Tempelhofer »Cantina« eintreffen, herrscht bereits ein reges Treiben. Unschwer erkennen wir eine eingespielte Vertrautheit zwischen allen am Bau Beteiligten. Freundlich und innig begrüßt man sich, und neben all den praktischen Besprechungen geht es auch um viel Persönliches. Einige Minuten nach unserem ersten heißen Tee erinnert eine der Bauhelferinnen auf Deutsch und Englisch an das tägliche Treffen, und es dauert nicht lange, bis sich der große Essenssaal leert. Auch für uns geht es nun weiter auf die Baustelle. Neben Containern voller bunter Glasflaschen, die gesäubert als ­Material für Wände dienen, befindet sich das Baubüro. Dort erstellen die beiden Bauleiter Daniel Petschel und Moein Nohedi den Wochenplan und besprechen mit Roman Huber, der die Projektsteuerung innehat, die Anlieferung von Sachspenden.
Etwa tausend Autoreifen, die mit festgepresster Erde gefüllt sind, verschwinden auf der Baustelle bereits halb hinter Lehmputz. Sie bilden die thermale Masse und einen der Grundbaustoffe der Wände. Wie eine Batterie speichern sie die Sonnenwärme, die durch eine große, nach Süden ausgerichtete Glasfront in das Earthship gelangt. Diese Wärme wird kontinuierlich abgegeben, so dass rund ums Jahr eine Raumtemperatur von 20 Grad ohne Heizung aufrechterhalten bleibt. Ein Ventilationssystem aus Röhren in dem nach Norden hin aufgeschütteten Erdwall sowie aus Oberlichtern versorgt die Hausbewohner mit Frischluft und dient an heißen Sommertagen zur Kühlung. Direkt hinter der Glasfront soll im Haus ein schmales Gemüse- und Blumenbeet angelegt werden, um die Temparatur zu stabiliseren und die Luftqualität zu verbessern.
Strom wird durch Photovoltaik erzeugt. Für die Wasserversorgung ist in einem idealen Earthship ein mehrteiliges Filtersystem für Tau, Regen- und Schmelzwasser vorgesehen, mit dem jeder Wassertropfen prinzipiell bis zu viermal verwendet werden kann. Brauchwasser lässt sich in einem im Haus befindlichen Pflanzen­trog klären und dann erneut zum Waschen, Duschen und Toilettenspülen nutzen. Im letzten Schritt kann es in einer Pflanzenkläranlage außerhalb des Earthships wieder bis hin zur Trinkwasserqualität gereinigt werden.

Ein Pionier weckt Begeisterung
Vor 35 Jahren ersann der Architekt Mike Reynolds aus den USA nach jahrelangem Experimentieren mit unterschiedlichen Baustoffen, die überall vorhanden und leicht zugänglich sind, das Konzept des Earthships. Seine Suche begann ­direkt nach seinem Architekturstudium im Jahr 1969. In der Dokumentation »Garbarge Warrior« beschreibt der Müllverwerter, wie ihn die Frage nach einem sinvollen, enkeltauglichen Leben antreibt. Wegen seiner unkonventionellen Bauten war Reynolds mehrmals in Gerichtsprozesse verwickelt. Der Staat entzog ihm sogar seine Architekten-Lizenz, da beispielsweise das Bauen mit Autoreifen in vielen Ländern als illegale Entsorgung gilt. Das aber verstärkte nur Reynolds’ Drang, anderes ökologisches Bauen zu ermöglichen – mit Erfolg: Mittlerweile wurde seine Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zum Beispiel dem »UK Innovation Award« und dem »Spirit of Activism Award«. Inzwischen existieren weltweit Hunderte seiner Earthships.

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Vor vier Jahren gründete Reynolds die »Earthship Biotecture Academy« in Taos, New Mexico. Hier kann in drei Modulen seine Methode eines nachhaltiges Bauen erlernt werden. Die Richtlinien und Baupläne der Akademie bestimmen, wie das Grundmodell eines Earthships auszusehen hat. Sie sind nicht als Open-Source-Anleitungen frei verfügbar, sondern müssen erworben werden. Um ein Gebäude »Earthship« nennen zu dürfen, sind ausführliche Absprachen und Vereinbarungen mit Reynolds und der Biotecture Academy nötig. In ­Fachkreisen für Ökobau ist das Earthship durchaus umstritten, denn neben recyceltem Baumaterial, das teilweise aus nicht-nachwachsenden Rohstoffen besteht, schreiben die Richtlinien auch konventionelle Dämmstoffe und Beton vor. Dennoch begeistert viele der Ansatz des sich energetisch weitgehend selbst versorgenden Haus-Schiffs.
Shanti Petschel und sein Sohn Daniel organisierten 2014 eine Lesereise von Mike Reynolds in Deutschland. Dabei entstanden die ersten Kontakte zur Tempelhof-Gemeinschaft und Ideen für den Bau eines Earthships. Knapp 30 der inzwischen über 100 Tempelhofer Gemeinschaftsmitglieder waren zur Zeit der Lesereise auf der Suche nach einem Gemeinschaftsraum, da sie alle nur kleine private Rückzugsräume wie Jurten oder Bauwägen bewohnten. Die Vorstellung, ihre gemeinsame Küche, ihr Bad und ihr Wohnzimmer könne ein Earthship werden, inspirierte sie, und so waren sie bereit, über Crowdfunding und Sachspenden die Finanzierung auf die Beine zu stellen.
Nur 155 Quadratmeter Wohnfläche wird das Earthship bieten. Kann das als gemeinsame Infrastruktur für so viele Menschen gutgehen? Stefanie, die sich während der Bauphase um das Fundraising und die Betreuung der Freiwilligen kümmert, betont: »Die Waschmaschine werde ich nur dann anschalten können, wenn die Sonne scheint, nicht nachts um drei; gleichzeitig muss ich mich mit meinen Mitbewohnern absprechen, da Wasser und Strom nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.« Sie hofft, dass auf diese Weise Sensibilität für die ­eigene Mitwelt gefördert wird.

Verhandlungen mit dem Bauamt
Bislang war in Deutschland noch kein Earthship genehmigt worden. So übersetzten die Tempelhofer die Baupläne aus dem Amerikanischen und passten sie an deutsches Baurecht an. Sie hatten gute Hoffnungen auf Erfolg, denn seit der Gründung von Schloss Tempelhof pflegt die Gemeinschaft den Kontakt und den Austausch mit dem örtlichen Landratsamt, das das Tempelhofer Gelände als Feld für experimentelles Bauen ausgeschrieben hat. Also stand der außergewöhnlichen Architektur zumindest keine Gestaltungssatzung im Weg. Leider stellten die Behörden die Bedingung, dass das Earthship an die Wasser- und Abwasserversorgung angeschlossen werden muss. Aus der Traum vom Autarkie-Experiment? Der Wasserkreislauf im Tempelhofer Earthship ist deshalb verkürzt; das gesammelte Grau- und das Regenwasser kann lediglich für die Toilettenspülungen wiederverwendet werden. Das Schwarzwasser wird auch nicht vor Ort geklärt, sondern fließt direkt in die Kanalisation. Prinzipiell ist das Earthship allerdings so gebaut, dass es auch ohne diese Anschlüsse eine autarke Wasserver- und -entsorgung ermöglichen könnte.
Im Januar 2015 wurden Behördenvertreterinnen zu einer Bauantragskonferenz nach Schloss Tempelhof eingeladen. Hier konnte das Projekt vorgestellt werden und es gab Gelegenheit, Fragen und Bedenken zu diskutieren. Ralf Müller, der als Architekt die Planung verantwortet, erzählt begeistert von der Zusammenarbeit mit den Behörden: »Die waren total offen!« Auch über den Gemeinschaftsgeist während des Bauens staunt Ralf; so etwas habe er in seiner Laufbahn noch auf keiner Baustelle erlebt. »Die Freiwilligen bauen ja nicht für sich selbst, sondern für eine ihnen zunächst unbekannte Dorfgemeinschaft, die dann einzieht. Obwohl sie nicht bezahlt werden und es körperlich anstrengend ist, ziehen alle am gleichen Strang. Das ist völlig anders, als ich das sonst von meinen Baustellen kenne – da behaupten die Vertreter aller Gewerke immer nur, dass der jeweils andere an allen auftauchenden Unzulänglichkeiten schuld sei; es gibt kein gemeinsames Ziel, an dem alle arbeiten.«

Gemeinschaftsbau
An einer der verschiedenen kleinen Baustellen um das wachsende Earthship herum finden wir am Fuß der breiten Steintreppe eine Gruppe von sechs ­jungen Männern und Frauen um einen Tisch. ­Unter ihnen befinden sich zwei Schüler der Tempelhofer Schule für freie Entfaltung, außerdem Emil von der Schülerinitiative »Funkenflieger« und Judith – Mutter, Schreinerin und Erzieherin, die an der Biotecture Academy studiert. Sie waschen die abgeschnittenen Altglasflaschen, schleifen die scharfen Kanten und kleben die Korpusse von je zwei Flaschen zusammen. Neben dem Arbeitstisch stapeln sich bereits drei Kisten voller Glasbausteine, die als buntes Mosaik in die Wand um die Eingangstür eingebaut werden sollen. Einer der Bastler erzählt, wie er zum Earthship-Bau kam: Sein Interesse galt zuerst dem Handwerklichen. Nach mehreren Wochen hielten ihn aber – neben dem guten Essen – vor allem die Gemeinschaftserlebnisse und die Gemeinschaftszeit weiter am Platz.

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Um die Organisation der abendlichen Gruppenzeit bemühen sich Henry Farkas und Sara Serodio, die auf Earthship-Baustellen in den verschiedensten Ländern als sogenannte Instruktoren oder Lernbegleiter mithelfen. Vor zwei Jahren gründeten sie mit einem Freund »Earthship Deutschland«, doch sie verstehen sich nicht als Bauunternehmen. »Wir möchten Gemeinschaftsprozesse in die Baustelle integrieren und eine Plattform bilden, die alle Beteiligten verbindet«, erzählt Henry. Ihre Vorgehensweise auf den Baustellen bezeichnen die beiden als »organisiertes Chaos«. Die Freiwilligen können sich jeden Tag aufs Neue nach Interesse einem der Aufgabenbereiche, die am Morgen vorgestellt werden, zuordnen. »Was zwischenmenschlich passiert, ist den Teilnehmenden erst gar nicht bewusst«, meint Henry. »Sie kommen, um zu bauen; fünfzig Prozent der Lernerfahrung besteht aber aus dem gemeinschaftlichen Schaffen. Das Erlebnis, sich bei der Arbeit zu berühren, sich zu öffnen, Beziehungen aufzubauen, ist sehr eindrucksvoll.« Wer gibt wem Anweisungen, wer entscheidet worüber? Eine Baustelle bringe auch das Thema »Macht« auf den Tisch, berichtet die Tempelhoferin Stefanie. »Auch die Frage, ob ich mich zugehörig fühle oder nicht, kommt hoch, ebenso Männer-Frauen-Dynamiken; deshalb sind Befindlichkeitsrunden und Gemeinschaftszeit mit Männer- und Frauen-Kreisen, Wir-Prozessen, Musik und Tanz wichtig.«
Ein Earthship-Bau kann so auch zu einer Baustelle für Menschen werden, die für individuelle Prozesse und Erfahrungen Raum schafft. Henry und Sara ziehen derzeit von Baustelle zu Baustelle. Sie haben nicht einmal mehr eine eigene Wohnung. »Mir fällt es sehr schwer, für eine Wohnung in Berlin Miete zu zahlen, nachdem ich erfahren habe, dass sich in einem Haus autark leben lässt«, erzählt Sara.
Das Organisationsteam der Earthship-Baustelle dokumentiert täglich die Bauschritte und auftretenden Schwierigkeiten. Dies soll es ermöglichen, zukünftig unabhängig von den Plänen der Biotecture Academy auf noch nachhaltigere Weise ähnliche Häuser zu bauen. Es gibt viele
Zukunftspläne, zum Beispiel die Idee, sogenannte FabLabs – offene Werkstätten – zu integrieren. »Die Geräte, die für den Bau und die Reparatur von Earthships benötigt werden, könnten vor Ort hergestellt werden«, meint Greg, einer der Instruk­toren. In seiner Abschlussarbeit an der Biotecture Academy möchte er diese Idee umsetzen und ein »Fabship« in Taos bauen.
Als es in Tempelhof schon dunkel ­geworden ist, gehen wir von der Baustelle nochmals in die Bibliothek. Durch die Fensterfront der Turnhalle sehen wir, wie die Baucrew in einem Spiel durcheinanderläuft. Die Gemeinschaftszeit hat heute bereits begonnen.•


Elena Ball (24) nahm nach der Schule an dem Freiwilligenjahr »project peace« teil. Heute studiert sie Psychologie und Psychotherapie in ­Witten/Herdecke.

Vivien Beer (24) studiert Ethik und Organisation in Witten/Herdecke. Sie bildet sich zudem in Permakultur und biologisch-dynamischer Landwirtschaft fort.

Interesse an der Navigation von Erdschiffen?
www.earthship-tempelhof.de
www
.earthship-deutschland.de

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