Buchtipps

Scham (Buchbesprechung)

von Christina Stange, erschienen in Ausgabe #36/2016
Photo

Wer als Individuum nicht alle Schuld und Verantwortung für schädliche Auswirkungen des Systems bei sich suchen und auch einmal unüblichere Sichtweisen in Betracht ziehen will, findet in »Scham – Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls« von Jennifer Jacquet eine willkommene Alternative.
Die kanadische Umweltwissenschaftlerin und Biologin provoziert, wenn sie die Beschämung als eine der »erfolgreichsten Waffen des gewaltlosen Widerstands« befürwortet, die auch sie selbst bereits gegen Umweltsünder-Unternehmen eingesetzt hat.
Neutral beschreibt sie die Entwicklung vom Pranger hin zum anonymen Brandmarken im Internet; sie macht sich Gedanken über Menschenwürde und gibt Beispiele für aktuelle und geschichtliche Beschämungs-Praktiken und einzelne Fälle.
Insbesondere untersucht sie Entstehung, Ausprägung und (r)evolutionären Sinn der Gefühle Schuld und Scham. So gilt es in der Norm unserer Gesellschaft bisher eher, Eigenverantwortung zu übernehmen. Schuldbewusst soll der einzelne vor dem Supermarktregal moralische Entscheidungen treffen, um die Welt zu retten. Jacquet ruft dem Leser das mittelalterliche Konzept der Ablassbriefe in Erinnerung, wenn sie sich vorsichtig darüber lustig macht, dass Fluggäste durch Zahlung eines Emissionsausgleichs das eigene Gewissen beruhigen oder andere Konsumenten sich mit teuren Bio- oder Fairtrade-Produkten »einen Platz im Himmelreich« erkaufen. Immer wieder fließen in ihre Schilderung Ergebnisse aus eigenen sozialpsychologischen Experimenten ein, mit denen sie das Verhalten hinsichtlich des Umgangs mit Scham und Beschämung untersucht hat.
Die Autorin verwirft die individuelle Herangehensweise, die vor allem auf Schuld basiert, nicht ganz, sondern erweitert sie um die machtvolle, aber auch gefährliche Komponente der öffentlichen Beschämung. Dabei distanziert sie sich von bewusster Demütigung einzelner, weiß aber gleichzeitig sehr zu schätzen, welch eindrucksvolle Wirkung die Bloßstellung von Großunternehmen zu erzielen vermag. In einem Kapitel »zur effektiven Beschämung« liefert sie daher Kriterien, in welchen Fällen und auf welche Weise öffentliche Beschämung angemessen und wirksam sei (etwa bei Verstößen, bei denen die Öffentlichkeit betroffen ist und die in absehbarer Zeit nicht juristisch belangt werden). Inwieweit privates Handeln als Veränderungsmotor an Grenzen stößt und ob Online-Pranger als probates Mittel für eine bessere Welt akzeptabel sind, muss letztlich jeder selbst entscheiden. 

Scham
Die politische Kraft eines ­unterschätzten Gefühls.
Jennifer Jacquet
S.Fischer, 2015, 224 Seiten
ISBN 978-3100359025
18,99 Euro

weitere Inhalte aus #36 | Enkeltauglich Bauen

Photo
Bildung

Vertrauen bilden

Freilerner-Porträt – Folge 2
Was erleben junge Menschen, die mit Hilfe ihrer Familien ihre Bildung jenseits von Schule organisieren? Oya-Autor Alex Capistran hat eine Reihe von Freilernerinnen und Freilernern eingeladen, ihre Geschichte zu erzählen.

Photo

Der begrabene Riese (Buchbesprechung)

Als Schriftsteller komme man mit fast allem durch, nur ein absolutes Verbot habe die Kritik verhängt: Keinesfalls dürfe in ernstzunehmender Literatur über Drachen geschrieben werden, bemerkte einst der drachenaffine Fantasyautor Terry Pratchett. Dieses Tabu bricht Kazuo Ishiguro in

Photo

Die Liebe zum Lehm

Petra Kreuzer gestaltet als Lehmputzerin Häuser, »in denen man sich fast immer wohlfühlt«. Eine Tischlerlehre führte die gebürtige Münchnerin zur Wende 1989 nach Berlin, wo sie im Rahmen ­eines Architekturstudiums ihre Faszination für den natürlichen Baustoff Lehm entdeckte. Bis heute ist sie damit leidenschaftlich gern als selbständige Handwerkerin tätig. Am meisten begeistert es sie, wenn Menschen für ihr Haus den Lehm in die ­eigenen Hände nehmen.

#36 | Enkeltauglich Bauen

Cover OYA-Ausgabe 36
Neues aus der RedaktionVerteilstationen