enkeltauglich leben

Bäume auf die Dächer – Wälder in die Stadt (Buchbesprechung)

von Jochen Schilk, erschienen in Ausgabe #44/2017
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»Bäume auf die Dächer – Wälder in die Stadt!« Der zweite Teil des programmatischen Buchtitels von Conrad Amber ließ mich aufhorchen.  Das bewährte Konzept »Bäume in der Stadt« durch »Zukunftsstädte unter Bäumen« zu ersetzen, ist ein Gedanke, der mich bereits in einem Buch des Wissenschaftsautors Jim Robbins über die Arbeit des US-Baumaktivisten David Milarch faszinierte.
Die (Wieder-)Aufforstung der Erde dürfte diesen Planeten zu einem schöneren, fruchtbareren, gesünderen und auch zu einem kühleren Ort machen; letzteres ist angesichts der Klimaüberhitzung ein kaum zu unterschätzendes Argument. Auf das große Potenzial von urbaner Begrünung hinzuweisen, erscheint demnach als ein lobenswertes Unterfangen. Conrad Amber tut das äußerst engagiert. »Projekte und Visionen eines Naturdenkers« heißt sein Buch im Untertitel, und während man die angekündigten konkreten Projekte des Autors vergeblich sucht, ist seine ökologische Visionskraft tatsächlich groß. Es gelingt ihm, die durchaus bereits weltweit in zahlreichen Städten erprobten Ansätze wie Fassadenbegrünung, Flachdach-Gärten, die ökonomisch nutzbare Aufforstung von Straßenrändern (»Autobahnwald«) usw. zu einem Bild zusammenzudenken, in dem die schönen grünen Möglichkeiten für eine gute Zukunft deutlich aufscheinen. Bäume und andere Pflanzen vermögen das Mikroklima von Gebäuden und ganzen Siedlungen deutlich zu kühlen; sie filtern Luft und Wasser, verbessern Böden und vergrößern deren Wasseraufnahmekapazität (was Überschwemmungen im vielfach versiegelten Stadtraum zu verhindern hilft); sie schenken Früchte, Schönheit, Tier-Habitate und gesundheitsförderliche Aerosole; schon ihr Anblick verbessert die Gesundheit der menschlichen Anwohnerinnen messbar. Amber wird nicht müde, all die Vorzüge von urbanem Grün aufzuzählen – wobei es leider ebenso zu mehrfachen Wiederholungen kommt wie bei seinem Lieblings-Aufreger »Baumfrevel durch falsches bzw. überflüssiges Beschneiden«.
»Bäume auf die Dächer…« wäre sicherlich als eine Art Pflichtlektüre für behördliche Stadtplaner geeignet, doch auch genossenschaftliche Baugruppen oder Stadtgrün-Aktivistinnen dürften hier Inspiration finden. Unter anderem in London ist die ökologisch ebenso wie ökonomisch sinnvolle Flachdachbegrünung bereits behördlich vorgeschrieben. Der weitgereiste Autor bringt noch viele weitere Positivbeispiele, die zeigen, dass ein Umdenken auch im deutschsprachigen Raum bereits im Gang ist – Hamburg, Wien, Leipzig, Berlin, München, Kassel oder Frankfurt am Main zeigen auf je eigene Weise, was alles möglich wird, wenn sich der Wille zu mehr Natur in der Stadt durchsetzt.
Ambers Vorschläge sind einerseits auf angenehme Weise von einer konsequent naturnahen, ökologischen Perspektive geprägt, doch wurde es mir mitunter auch allzu detailliert, ja, überengagiert. Weniger wäre an vielen Stellen mehr gewesen! Das gilt auch für die verzichtbaren Schlusskapitel (über Wälder, Gärten, Bauernhof-Hausbäume und landschaftliche Kraftorte), die das zentrale Buchthema der Stadt ver- und den Eindruck von Beliebigkeit hinterlassen. Das ist schade, denn zur Frage der Straßen- und Dachbegrünung hat Amber einige wichtige Dinge zu sagen. Die Zusammenschau zahlreicher Positivbeispiele inklusive schöner Fotos lohnt alles in allem die Anschaffung.
 

Bäume auf die Dächer – Wälder in die Stadt
Projekte und Visionen eines Naturdenkers.

Conrad Amber
Kosmos, 2017
272 Seiten
19,99 Euro

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