enkeltauglich leben

So funktioniert Gemeineigentum

Zum Wirtschaftsnobelpreis für Elinor Ostromvon Achim Lerch, erschienen in Ausgabe #1/2010

Auf das, was gemeinschaftlich der größten Zahl von ­Individuen gehört, wird die geringste Sorgfalt gerichtet – so äußerte sich bereits Aristoteles in der »Politeia« über die problematische Anreizstruktur bei Gemeineigentum. Im Mittelalter war es Thomas von Aquin, der diesen Gedanken von Aristoteles wieder aufgriff. Im Jahr 1833 formulierte William Forster Lloyd eine eigene Theorie des leichtfertigen Umgangs mit Gemeineigentum, und 1954 wurde durch H. Scott Gordon ein analoges Problem im Zusammenhang mit der Fischerei beschrieben. Gordons berühmtes Fazit war, dass jedermanns Eigentum eben niemandes Eigentum sei (»everybody’s property is nobody’s property«).

Trotz all dieser zum Teil prominenten Vordenker wird heutzutage aber vor allem der Name des amerikanischen Biologen Garett Hardin mit der »Tragik des Gemeineigen­tums« verbunden: Unter dem Titel »Tragedy of the Commons« zeigte Hardin in einem der einflussreichsten Aufsätze aus den Sozialwissenschaften am Beispiel der gemeinschaftlich genutzten Weide, dass die rationalen Herdenbesitzer ­diese überweiden werden, da sie den Nutzen einer größeren Herde vollständig privatisieren, die Kosten der Überweidung aber auf alle Herdenbesitzer abwälzen können.

Nicht zuletzt Hardins Beispiel der gemeinsam genutzten Weide führte zu der häufig gebrauchten Übersetzung der Tragedy of the Commons mit »Tragik der Allmende«, was allerdings in geschichtlicher Hinsicht der Relativierung bedarf: Namhafte Historiker bestreiten, dass es bei den verschiedenen mittelalterlichen Allmenden, vom »Open Field System« in England bis zur Almen­bewirtschaftung in den Alpen, zu einer Tragik des Gemeineigentums gekommen sei. Vielmehr ­hatten unterschiedliche Formen des Gemeineigentums in Nordeuropa über Jahrhunderte Bestand.

Letztlich wurde die Übernutzung wohl vor allem durch ein ausgeprägtes Normengefüge verhindert. Die Existenz von Gemeineigentum war historisch immer an bestimmte Regeln gebunden, die einen Missbrauch unterbanden. Diese Einschränkung gilt nun allerdings nicht nur im historischen Kontext. Sie betrifft auch aktuelle Beispiele gemeinschaftlich genutzter Ressourcen, und genau auf deren Untersuchung hat sich Elinor Ostrom spezialisiert.

Die Regeln im Gemeineigentum
Elinor Ostrom bezeichnet sich selbst als Feldforscherin. Damit meint sie, dass sie sich nicht auf die theo­retische Analyse beschränkt, obwohl selbstverständlich auch diese zu ihrem Repertoire zählt. Sie untersucht vielmehr vor Ort, wie verschiedene lokale Gemeinschaften das »Dilemma des Gemeineigentums« durch institutionelle Arrangements erfolgreich gelöst haben.

Am Anfang hatte sie vier Forschungsthemen ausgemacht: die Wassernutzung im kalifornischen West Basin, die Fischerei in ­Alanya in der Türkei, die Landnutzung im ­schweizerischen Toerbel sowie die Landnutzung in den japanischen Dörfern Hirano, Nagaike und Yamanoka. Mittlerweile umfasst ihre Sammlung von Fallstudien, Experimenten und eigener Feldforschung gut 5000 Beispiele.

Elinor Ostrom betont immer wieder, dass es kein Patentrezept zur Lösung der Anreizprobleme im Umgang mit dem Gemeineigentum gibt. Gerade darin unterscheidet sie sich von der sonst in diesem Zusammenhang üblichen Dichotomie zwischen Markt und Staat. Dennoch ist es ihr gelungen, gewisse Gemeinsamkeiten in den erfolgreichen Regelungen zu identifizieren, die dann das Gemeineigentum vom Zustand des »freien Zugangs« (open access) unterscheiden: »Grenzregeln« müssen klar definieren, wer zu der jeweiligen Ressource zugangsberechtigt ist und wer nicht, »Aneignungsregeln« müssen den lokalen Bedingungen angepasst sein. Die Nutzer müssen an Vereinbarungen zur Änderung der Regeln teilnehmen können, so dass eine bessere Anpassung an sich ändernde Bedingungen ermöglicht wird. Auch muss die Einhaltung der Regeln überwacht werden. Bei Regel­verstößen muss es abgestufte Sanktionsmöglichkeiten sowie festgelegte Mechanismen der Konfliktlösung geben. Letztes Glied in der Kette ist die Anerkennung der Selbstbestimmung der Gemeinde durch übergeordnete Regierungsstellen. Ostrom spricht hier von »polyzentrischen Systemen«. Innerhalb dieser Systeme, so zeigt ihre experimentelle und spieltheo­retische Forschung, kommt insbesondere bei »wiederholten Spielen«, also dem für Gemeineigentum typischen Fall der nicht nur einmaligen, sondern längerfristigen Kooperation, den Elementen Vertrauen, Reziprozität und Reputation besondere Bedeutung zu. Dazu sind Institutionen nötig, die den Aufbau von Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit erleichtern.

Die Komplexität der Nutzungsprobleme von Allmenderessourcen verlangt nach Ostrom auch ein komplexes, polyzentrisches Verwaltungssystem, während der Versuch der Problemlösung auf nur einer einzigen – ­zentralen oder dezentralen – Ebene zum Scheitern verurteilt ist. Deshalb kann Gemeineigentum im Einzelfall sowohl dem reinen Privateigentum als auch zentralistisch verwalteten Staatseigentum überlegen sein, wenn es um die Lösung von Nutzungskonflikten bei Ressourcen geht.

Was heißt das konkret? Zum Beispiel, dass wir uns als Bürger eben nicht immer nur auf den Staat verlassen dürfen, sondern selbst in unserem unmittelbaren Umfeld aktiv werden müssen. Bezogen auf eines der drän­gendsten Allmendeprobleme unserer Zeit, der Nutzung der ­Atmosphäre, sagte Elinor Ostrom schon im Oktober 2009 in einem Interview mit ZEIT online, dass wir uns nicht auf ein globales Klimaabkommen verlassen dürfen: »Ich habe nichts gegen weltweite Klimaabkommen, im Gegenteil. Aber wenn wir herumsitzen und warten, bis diese Abkommen zustande kommen, ist es vielleicht zu spät«. Damit verbunden war ihre Aufforderung an uns alle, selbst zu handeln. Diese Aufforderung gilt jetzt, nach der Ernüchterung von Kopenhagen, mehr denn je.

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