enkeltauglich leben

Es geht um die Subsistenz

von Veronika Bennholdt-Thomsen, erschienen in Ausgabe #47/2018
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© Friedolin Walcher

Wie mir Beate Küppers aus der Oya-Redaktion erzählte, »vergessen« Gänse, wie es geht, die Eier, die sie gelegt ­haben, auch auszubrüten, wenn sie selbst über Generationen nur im Brutkasten ausgebrütet wurden. Wenn schon die Gänse – dieses kluge Federvieh – durch die Maschi­nisierung ihrer autonomen Reproduktionsfähigkeit beraubt werden können, wie geht es dann erst uns Menschen – diesen klugen, zweibeinigen Säugetieren –, die wir unser Leben seit Jahrhunderten zunehmend unter den Bedingungen der Megamaschine reproduzieren, ja, diese Megamaschinisierung als Gattung geradezu süchtig nach Fortschritt und Bequemlichkeit vorantreiben? Kein Wunder, dass wir die einfachsten Dinge »vergessen« haben, nämlich uns und unseresgleichen durch gemeinschaftliche Fürsorge ohne Geld am Leben zu erhalten. Wenn der Strom ausfällt, funktioniert der Brutapparat nicht mehr, gibt es keine Gössel.
Eine ähnliche Macht schreiben wir in unserer Epoche dem Geld zu: Wenn das Geld »ausfällt«, meinen wir, verhungern und verdursten zu müssen. Wir fühlen und wir denken auf diese Weise: Unser Kopfgehirn und unser Bauchgehirn (Noam Chomsky), die gemeinsam die Kognition – jene Fähigkeit, zu begreifen – ausmachen, scheinen zu anderem nicht mehr fähig zu sein. Die Geldlogik der stetigen Produktionssteigerung und der abstrakten Arbeit trennt uns vom Stoff, vom Material, von der Erde unter unseren Füßen. Es fehlt die Einsicht in die verbindende Nützlichkeit, mit anderen Worten: in unsere Subsistenz.
Das entsprechende Wissen ist da, vielfach vergessen, aber auch intuitiv vorhanden; ebenso gibt es die konkreten praktischen Kenntnisse, an die – wenn auch keineswegs nahtlos – angeknüpft werden kann. Denn es sind andere materielle wie immaterielle Bedingungen entstanden. Insofern bedarf es neuer, richtiger: erneuerter Schöpfungen, die von den aktuellen Gegebenheiten ausgehen. Es geht darum, die lebenserhaltenden stofflichen Prozesse nicht länger auszublenden, sondern anzuerkennen und hier und jetzt wieder sinnlich zu erfahren. Es geht um die Hinwendung zur Subsistenz.


Veronika Bennholdt-Thomsen
hat die Subsistenzforschung in Deutschland mitbegründet; ihre Einsichten teilte sie mit uns in »Die Politik der Subsistenz« in Ausgabe 31 und »Aus : Tausch« in Ausgabe 44.

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