enkeltauglich leben
Buchtipps

Drawdown – der Plan

von Ute Scheub, erschienen in Ausgabe #55/2019
Photo

»Das Projekt Drawdown wurde nicht aus Angst geboren, sondern aus Neugierde«, schreibt der US-Visionär Paul Hawken. Seit 2001 fragte er Klimaexpertinnen und -experten, was die wichtigsten Maßnahmen seien, um die Erderhitzung rückgängig zu machen. Später stellte er ein Team von 70 Fachleuten aus 22 Ländern und einen Beirat aus 120 Wissenschaftlern zusammen, die eine Liste der wirksamsten Methoden erarbeiteten. Diese durchliefen einen dreistufigen Prozess der Beurteilung, bevor sie auf der Website »Drawdown« und dem gleichnamigen, von Hawken herausgegebenen Sammelband veröffentlicht wurden.
Das Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht überraschend. Folgt man dem Ranking von Hawkens Team, ist die wirksamste Maßnahme der Verzicht auf Fluorkohlenwasserstoffe (FKW), der zu einer Reduktion von fast 90 Gigatonnen Treibhausgasen führen würde. Diese Kältemittel ersetzten die ozonzerstörenden FCKWs in Kühlschränken und Klimaanlagen, die seit dem Abkommen von Montreal 1987 nicht mehr verwendet werden, sind jedoch 1000- bis 9000-mal klimaschädlicher als CO2. Hier wurde also der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.
Zweite Überraschung: Regenerative Agrikultur wäre sogar die Klimamaßnahme Nummer eins. Das steht nur deshalb so nicht im Buch, weil der Autor einen auf Böden eingeschränkten Begriff regenerativer Landwirtschaft verwendet. Addiert man aber alle von ihm untersuchten Maßnahmen, die laut »Regeneration International« unter diesen Begriff fallen, kommt man auf die gewaltige Einsparsumme von 316 Gigatonnen. Hierzu zählen pflanzenreiche Kost, Reduktion von Lebensmittelverschwendung, Waldgärten, Waldweiden, konservierende Landwirtschaft, Agroforstkulturen, ganzheitliches Weidemanagement, Wiederherstellung von Acker- und Weideland, verbesserter Reisanbau, Reis-Intensivierung, Bambusnutzung, Landnutzung durch Indigene, mehrjährige Biomasse, Kompostierung, Nährstoffmanagement und Pflanzenkohle.
Dritte Überraschung: Die Gleichstellung des weiblichen Geschlechts könnte insgesamt 125 Gigatonnen einsparen und damit ebenfalls die Kühlmittelreduktion toppen. Diese Summe ergibt sich, wenn man die vom Team errechneten Effekte einer besseren Ausbildung von Mädchen und Frauen, mehr Familienplanung und die Förderung von Kleinbäuerinnen zusammenzählt.
Vierte Überraschung: Zusätzlich zu alldem enthält der Sammelband zahlreiche realisierbare »Zukunftsvisionen«, etwa das Anlegen von Seetangfarmen, die den gesamten Eiweißbedarf der Menschheit decken und gleichzeitig Unmengen von CO2 binden könnten. Und, vielleicht das Allerwichtigste: Anders als in den meisten Klimaplänen der Regierungen sind fast alle Maßnahmen im Buch frei von negativen Auswirkungen, finan­zierbar und realistisch.
Wer also in der Klimadebatte Hoffnung tanken will, dem sei dieses großartige Werk ans Herz gelegt.
 

Drawdown – der Plan
Wie wir die Erderwärmung umkehren können.
Paul Hawken (Hg.)
Gütersloher Verlagshaus, 2019
405 Seiten
ISBN 978-3579014722
 28,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #55

Photo
von Hanne Tuegel

Eine andere Welt ist möglich

Was für eine Frau! Als vierjähriges Mädchen erlebt Vandana Shiva, wie ihr Großvater in Hungerstreik für eine Mädchenschule tritt; er stirbt, ehe die Genehmigung eintrifft. Der Werdegang der Enkelin hätte ihm gefallen. Sie studiert zunächst Physik und

Photo
von Matthias Fersterer

Gemeinschaffen – ein »ander Seyn«

In Gesprächen über Commons werden oft reflexartig beschwichtigender Zuspruch oder abwehrender Einwand geäußert: »Ja, ja, Carsharing, Vergemeinschaftung, ökosoziale Marktwirtschaft … das gibt es doch alles schon!« oder »Ja, ja, Kollektivismus,

Photo
von Silke Hoffmann

Wo die wilden Nützlinge wohnen

Der »wilde Nützlingsgarten« der promovierten Landschaftsplanerin Sonja Schwingesbauer hat ein natürliches Erscheinungsbild. In ihrem sogenannten Laissez-faire-Garten greift die Gärtnerin lediglich lenkend ein und lässt dem Garten viel Dynamik und Spontanität,

Ausgabe #55
Gemeinschaffen - wie geht das?

Cover OYA-Ausgabe 55
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion