enkeltauglich leben
Titelthema

Muster für gutes Haushalten

Auch diese Ausgabe spürt den Mustern
des Gemeinschaffens nach.
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Auf den Seiten 50/51 der vorigen Oya-Ausgabe, »Gemeinschaffen – wie geht das?«, findet sich eine Übersicht aller Muster, die Silke Helfrich und David Bollier als Diskussionsgrundlage für die Entwicklung einer Mustersprache des Commonings vorschlagen. Wir empfehlen die Lektüre ihres Buchs »Frei, fair und lebendig«, das im transcript Verlag erschienen ist, auch frei zugängliches PDF: kurzlink.de/muster. Zur Vertiefung des Themas »Sorgendes Wirtschaften« existiert reichlich Literatur, zum Beispiel »Ecommony« von Friederike Habermann, »Wirtschaft ist Care« von Ina Praetorius oder »Geld oder Leben« von Veronika Bennholdt-Thomsen.

In der vorangegangenen Ausgabe von Oya haben wir 28 »Muster« vorgestellt, die gemeinschaffendes Tun beschreiben. Sie stammen aus dem im Frühjahr 2019 erschienenen Buch »Frei, fair und lebendig« von Silke Helfrich und David Bollier. Gegliedert in die drei Bereiche »Soziales Miteinander«, »Selbstorganisation durch Gleichrangige« und »Sorgendes und selbstbestimmtes Wirtschaften« bilden sie den Anfang einer »Mustersprache« für das Phänomen des Gemeinschaffens. Anders als Regeln, Ideale oder Prinzipien sind Muster nicht »ausgedacht«, sondern werden in gelingender Praxis »gefunden«. Für diese Ausgabe haben wir unsere Leserinnen und Leser gefragt, in welchen Projekten in ihrem Umfeld sie Muster des Commonings finden. Interessanterweise fanden wir in den zahlreichen Beipielen, die uns erreichten, vor allem Muster des sorgenden Wirtschaftens. Auf den folgenden Seiten geben wir einige Beiträge wieder und knüpfen dabei ­Bezüge zu Mustern aus anderen Bereichen, denn die Muster entfalten ihre Wirksamkeit erst im Kontext von anderen Mustern.

Gemeinsam erzeugen und nutzen
Im fürsorgenden und selbstbestimmten Wirtschaften steht das Geldverdienen nicht an erster Stelle. Vielmehr geht es darum, sich und andere gut zu versorgen. Dies verdeutlicht das Muster »Gemeinsam erzeugen und nutzen«. Ein Beispiel dafür ist das »Säen und Ernten von Wasser«, wie es die Menschen in der peru­anischen Gemeinde Quispillaccta praktizieren: Ganze Dörfer sind beim Anlegen und Pflegen einer Wasserstelle beteiligt, und alle, die Land in ihrer Nähe bewirtschaften, erhalten Zugang (siehe Seite 26). Die Logik dieses gemeinsamen Haushaltens ist eine ganz andere als die des Wettbewerbs und die des Eigentums. »Gemeinsam erzeugen« heißt, etwas selber zu machen – aber eben nicht allein, sondern »in losen Verbünden von kleinteiligen Strukturen und Initiativen, die nicht direkt miteinander konkurrieren, sondern sich eher gegenseitig befruchten«, schreiben Silke Helfrich und David Bollier.

Das Produktionsrisiko gemeinsam tragen
Im Rahmen der kapitalistischen Verwertungslogik ist Wirtschaften ohne Geld freilich nur begrenzt möglich. Es lassen sich jedoch Formen finden, die das Geld und die Frage nach Gewinn oder Verlust, also nach Überleben oder Scheitern, in den Hintergrund treten lassen. Der Unverpacktladen »Tante LeMi« (Seite 30) zum Beispiel hat sich von einer Einkaufs-Kooperative nicht zu einem konventionellen Bioladen entwickelt, der darum ringen muss, seine Angestellten und seine Miete bezahlen zu können, sondern wurde ein Mitgliederladen. Hier verschwimmt der Unterschied zwischen den Konsumierenden und den für das Projekt Verantwortlichen, denn der Laden wird mit Hilfe von Freiwilligendiensten organisiert. So gibt es bei diesem Projekt kein großes Risiko. Auch die von Sigrun Preissing beschriebene Konstruktion einer Genossenschaft, die Immobilien für gemeinschaftliche Wohn- und Arbeitsprojekte als Commons sichern soll (Seite 42), minimiert und verteilt das Risiko, zu scheitern: Es werden keine Kredite aufgenommen, niemand will etwas an der Vermietung verdienen, lediglich Nutzungsgebühren zur Finanzierung des ­Erhalts von Gebäuden werden gemeinsam verwaltet.
»Wenn Menschen das Produktionsrisiko gemeinsam tragen, verändert sich alles: die Machtverhältnisse, die Entscheidungsprozesse darüber, was und wie produziert wird, die Geldflüsse und, offensichtlich, die Vermögensverteilung. Daher ist dieses Muster für die Überwindung einer kapitalgetriebenen Wirtschaftsweise und eines am Marktgeschehen ausgerichteten Denkens so wichtig«, heißt es in »Frei, fair und lebendig«.

(Für)Sorge leisten und Arbeit dem Markt entziehen
Es ist kein Zufall, dass sich gleich zwei Beiträge in diesem Heft um das Thema »Pflege« drehen, und auch in der vorigen Ausgabe war schon ein Artikel der Sorgearbeit gewidmet. Sie ist der wesentliche Teil des Haushaltens und Wirtschaftens, doch genau dieser wird von der geldfixierten Gesellschaft an den Rand gedrängt. Dass wir sowohl ein Pflegeunternehmen mit Commons-Aspekten wie »Care4Me« (Seite 48) als auch eine Nachbarschaftsinitiative wie »Kiss« (Seite 32) vorstellen, zeigt, dass es bei diesem Muster nicht darum geht, bezahlte, professionelle Pflege gegen Nachbarschaftshilfe auszuspielen. Beides kann sich ergänzen, wie das niederländische Modell »Buurtzorg« zeigt.

Beitragen, weitergeben, poolen, deckeln, aufteilen …
Alle bisher genannten Beispiele begreifen sich als Pionierprojekte, die ihr Wissen gerne mit anderen teilen. Das Muster des freiwilligen Weitergebens von etwas, das mehr wird, wenn wir es teilen – Wissen oder auch Lebensfreude – ist allen Commons eingeschrieben. Selbst dort, wo eine begrenzte Ressource gesammelt wird, wie in den Wassermulden von Quispillaccta, geht es darum, sie gut zu verteilen. Zunächst entstehen viele Sammelstellen. Silke Helfrich und David Bollier nennen diesen Vorgang »poolen«, auch wenn nur selten ein Wasserbecken damit gemeint ist, sondern generell das Zusammentragen von nützlichen oder gar lebenswichtigen Dingen, auch Geld. Die verfügbare Menge wird entsprechend dem allgemeinen Bedarf nach selbstgewählten Regeln verteilt. Das Verfügbare wird immer begrenzt sein, also wird die Menge, die die Einzelnen entnehmen können, »gedeckelt«. Nicht alle müssen immer das Gleiche bekommen, und »mein« Anteil muss nicht unbedingt etwas darüber aussagen, wie viel ich selbst beigetragen habe. Wichtiger ist es, sich an realen Bedürfnissen zu orientieren. Dieser Prozess wird in den Commoning-Mustern mit »Umlegen« beschrieben. Bei der Altenpflege im Rahmen der Kiss-Genossenschaften wissen die Aktiven nicht genau, wie viele Stunden Zuwendung sie selbst im Alter erhalten werden. In einem Vertrauensraum spielt das auch keine Rolle. Alle können sich darauf verlassen, angemessen versorgt zu sein.

Ein Vertrauensraum mit halbdurchlässigen Membranen
Das Muster »Im Vertrauensraum transparent sein« zieht sich durch alle Texte dieser Ausgabe. Es bildet die Basis dafür, dass Menschen bereit sind, offen über alle notwendigen Angelegenheiten auf Augenhöhe zu kommunizieren. »Transparent sein« in diesem Sinn hat nichts mit »Sich-nackig-Machen« oder »Ständig-kontrolliert-Werden« zu tun, sondern mit einem Raum, in dem Wohlwollen und Offenheit (Durchlässigkeit) kultiviert werden.
Dieser Raum verlangt wiederum nach einem gewissen Schutz – vor Einhegung ebenso wie vor Übernutzung. Auch Commons brauchen Grenzen. »Zugleich müssen sie für die Energieflüsse und Anregungen aus der Außenwelt offen sein, denn so erhalten sie sich«, schreiben Silke Helfrich und David Bollier. Sie vergleichen die Membranen, die Commons umgeben, mit der Blut-Hirn-Schranke im Organismus Mensch. Der Verlag Periplaneta (siehe Seite 35) mit seinem Literaturcafé ist ein Beispiel für ein System aus mehreren halbdurchlässigen Schutzhäuten. Die dort organisierten Leseabende stehen noch für ein weiteres Muster: »Rituale des Miteinanders etablieren«. Gemeinsame Aktionen und Feiern stärken immer wieder das Vertrauen ins gemeinschaftliche Haushalten und können unser Tun auch in größere Zusammenhänge, wie den Jahreskreis, einbetten.
In solchen Mustern entfaltet sich Schritt für Schritt eine Wirtschaftsweise für alle Bereiche des Produzierens, Verteilens und Sorgens, in der Commoning etwas ganz Naheliegendes ist.

 

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