enkeltauglich leben
Gemeinschaft

Einfach Gemeinschaft

Ein Bericht nach einem Jahr des Bestehens einer kleinen Gemeinschaft, der helfen mag, Schwellenängste vor der Umsetzung des großen Traums abzubauen. Von Oya-Redakteurin Helen Britt.
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© Karim Dillhöfer

Viele Menschen wünschen sich mehr Gemeinschaft, doch oft zögern sie mit der Umsetzung, etwa weil der Gedanke ihnen zu groß vorkommt oder weil sie gerne weiter in der gewohnten Umgebung leben möchten, in der Nähe ihres bisherigen sozialen Bezugsfelds. Wie können wir trotz solcher Hürden mehr mit gemeinschaftlichem Leben experimentieren und unseren Alltag mit anderen gestalten?

Im Folgenden berichte ich von meinen eigenen Erfahrungen.

Nicht nur Spinnerei

Vor einem Jahr bin ich mit zwei Freundinnen aufs Land gezogen. Wir wollten eine Gemeinschaft gründen und einen Ort schaffen, der für Workshops und Seminare bereitsteht. Drei Tage nach dem Einzug haben wir das Haus »Spinnerei« genannt [nicht identisch mit dem Gemeinschaftsprojekt »Eine Spinnerei«, siehe Oya 33 und 59] – inspiriert von einem großen Rad, das an der Tür des Geräteschuppens hing, von den vielen Fäden, die wir in der Waschkammer fanden – und auch, weil wir uns beim Einzug ein bisschen verrückt vorkamen. Das Haus gehört den Eltern einer meiner Freundinnen. Sie hatten es gekauft, um ihr Geld nicht einfach so auf der Bank liegen zu lassen. Vor dem Einzug hatten wir uns mit ihnen im Restaurant getroffen; die Eltern auf der einen, wir drei Spinnerinnen auf der anderen Seite des Tischs, dazwischen eine große Pizza und viele Fragen. »Schmeißt ihr uns einfach wieder raus, wenn ihr mehr Einnahmen braucht?« »Wie fühlt es sich für euch an, dass wir Aktivismus machen wollen, weniger arbeiten und deshalb keinen normalen Mietpreis bezahlen können?« »Was ist, wenn wir bald wieder ausziehen wollen?« 

Es war – und ist noch immer – ein lehrreicher Prozess, gemeinsam mit den Eigentümern zu entscheiden, wie wir mit dem Haus umgehen wollen. Und das als Menschen aus unterschiedlichen Welten: In der einen sind Lohnarbeit und Eigentum Normalität, in der anderen, unserer Welt, wird gerade danach gesucht, die Gesellschaft mehr nach Bedürfnissen und Fähigkeiten zu organisieren. Beide Welten sind real, beide geben Menschen Sicherheit und Sinnhaftigkeit – doch begegnen und überschneiden sie sich viel zu selten, als dass sich gemeinsam daran forschen ließe, wie ein gutes Leben für alle aussehen kann. 

Als wir einzogen, hat sich in mir alles dagegen gesträubt, -irgendwo zu wohnen, wo ich wieder ausziehen muss, falls das -Eigentum in andere Hände übergeht. Ich hatte das Gefühl, dass dies meine Fähigkeit beschneidet, mich wirklich an dem Ort zu verwurzeln und eine Beziehung mit dem Land um unser Haus herum aufzubauen. Tatsächlich kann ich mich dort manchmal nicht ganz niederlassen. Gleichzeitig lerne ich viel darüber, dass es in diesen Zeiten vielleicht gar nicht darum geht, alles perfekt zu machen. Dass wir auch als Gemeinschaft mit wenigen Menschen in einem Haus irgendwo auf dem Land experimentieren können. Auch wenn wir derzeit noch nicht das Geld – und auch nicht unsere innere Übereinkunft – aufbringen können, das Land rechtlich zu »befreien«. Auch, wenn im Dorf um uns herum alles noch so läuft, als gäbe es keine Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Transformation, keinen Klimawandel. Es gibt uns dennoch, und auch wenn es unscheinbar aussieht, spiegeln wir die ganze Welt in uns wieder.

Miteinander gestalten

Wenn Menschen mich fragen, wie es denn so in meiner Wohngemeinschaft läuft, spüre ich sehr klar, dass die Spinnerei nicht nur eine WG ist, in der wir nebeneinanderher leben. Wir haben uns vor dem Einzug dafür entschieden, uns bewusst aufeinander einzulassen, auch um uns in unserem Aktiv-Sein in der Welt zu unterstützen und gemeinsam für Ängste und Träume da zu sein. Ich will hier einige unserer Strategien dafür teilen, weil ich glaube, dass sie das Zusammenleben in kleinen Gruppen bereichern können – und zwar nicht nur, wenn Menschen auf Dauer zusammenleben oder sich »Gemeinschaft« nennen. 

  

Gemeinsame Wochenstruktur Wir haben uns eine Wochenstruktur überlegt, in der es sowohl Raum für gemeinsames Tätigsein als auch für soziale Bedürfnisse gibt. Wir versuchen, beim Umgang damit Kontinuität und Flexibilität einzuladen: Wenn mal eine nicht kann, ist das nicht schlimm, doch wir bemühen uns, die Termine so schön zu gestalten, dass alle sich darauf freuen. 

Jeder Sonntag ist ein »Schlaraffentag«, den wir lebenslustvoll verbringen. Manchmal bedeutet das, dass alle allein sind, oft heißt es auch, dass wir gemeinsam in den Wald gehen, Lebensgeschichten teilen, Kunstausstellungen machen oder unendlich viel Kuchen backen. 

Montags bauen wir gemeinsam und putzen danach bei lauter Musik das Haus. Abends ist »ProKon«, also Pro-Konflikt-Zeit, in der wir uns Raum für Schwieriges nehmen. Es ist entspannend zu wissen, dass es jede Woche eine feste Zeit dafür gibt, in der ich eingeladen bin, unangenehme oder ärgerliche Dinge anzusprechen, und in der alle anderen Anwesenden empathisch da sind. Wenn es zwischen uns mal nichts anzusprechen gibt, helfen wir einander bei inneren Konflikten oder bei Auseinandersetzungen mit anderen Menschen. Ich habe das Gefühl, dass meine Konflikt-Kompetenzen dadurch deutlich gewachsen sind.

Dienstags nehmen wir uns in der »Dezentrale« Zeit für Organisatorisches. Dadurch können Aufgaben klarer verteilt werden, und wir behalten einen entspannten Überblick, beispielsweise über die Renovierung oder unsere Finanzen. Da wir die Kosten im Haus solidarisch aufteilen, nehmen wir uns einmal im Monat Zeit, um abzufragen, wie viel Geld gerade nötig ist und wie es uns mit den unterschiedlich großen Beträgen geht, die jede bei-steuert.


Geschichtenzeit und Albernheit Vielleicht liegt es am Namen – auf jeden Fall ist die Spinnerei ein Ort, an dem wir sehr viel lachen. Mit der Zeit haben sich hier Geschichten von der Riesenspinne auf dem Dachboden und von Silke, unserem Poltergeist, gesponnen, und es kommen oft neue unsichtbare Mitbewohnerinnen hinzu. Als wir uns vor dem Einzug unser kulturelles Miteinander erträumten, stand Quatschmachen sehr weit oben auf der Liste. Ich bin dankbar, dass wir dadurch Verspieltheit und Leichtigkeit immer wieder einladen.

Wir haben mit der Zeit festgestellt, dass es unglaublich gut tut, nach einer Zeit des Unterwegsseins all die Geschichten zu teilen, die wir erlebt haben. Für mich ist es immer wieder herausfordernd, mit der Geschwindigkeit der Veränderung in mir und um mich herum klarzukommen. Wenn ich dann zu Hause ankomme und mitteilen kann, wer ich jetzt bin und was mich bewegt, schafft das Raum für Integration und ein Mitwachsen der Gruppe an meinen Erlebnissen. 

Aus diesem bewussten Gestalten unseres Alltags habe ich viel gelernt. Vor allem, dass sich ein Gefühl von Sicherheit in Gruppen leichter einstellt, wenn klar ist, dass es für einige Themen auf jeden Fall Zeit geben wird – und das muss nicht das gemeinsame Putzen oder Anschauen von Konflikten sein. Auch im Urlaub mit Freundinnen und Freunden habe ich es als bereichernd und verbindend erlebt, wenn wir am Anfang unserer gemeinsamen Zeit einige Intentionen gesammelt und diesen dann eine festgelegte Zeit in unserem Urlaub gegeben haben. So wurde das Bedürfnis einer von uns, sich viel zu bewegen, zu einer morgendlichen Bewegungsstunde für alle. Und der Wunsch, über das eigene Leben zu reflektieren, manifestierte sich in einem »Lebenscoaching-Nachmittag«, bei dem wir uns in Zweiergruppen dabei unterstützten, auf unsere Beziehungen und Berufe zu schauen und eine neue Ausrichtung zu finden.

Gemeinschaft bedingt soziale Räume, nicht feste Orte

Ich halte es für sinnvoll, dass Gemeinschaften über materielle Ressourcen verfügen und Strukturen für Landwirtschaft und solidarische finanzielle Sicherheit aufbauen, aber ich sehe auch, dass sich das für viele Menschen allzu groß anfühlt. Vielleicht löst allein schon das »Ja« zu einer Gruppe so viel Angst aus, dass an feste Orte und Verantwortung noch gar nicht zu denken ist, oder dass es sich bereits einengend anfühlt, verbindliche Termine zu vereinbaren. 

Ich habe den Eindruck, dass das Bild, das allgemein von Gemeinschaft vermittelt wird, so viele Fähigkeiten voraussetzt, dass manche Menschen entmutigt sind und gar nicht erst versuchen, ihren Alltag gemeinschaftlicher zu gestalten. Viele denken wohl, es ist erst dann eine »richtige« Gemeinschaft, wenn mindestens dreißig Menschen an einem Ort zusammenleben, die alle Freude an sozialem Miteinander haben und die in ihrem inneren Wachstum alle »weit genug« sind, um ihr Geld und ihre Lebensmittel mit den anderen zu teilen. Mir erscheint es gerade wichtig, dieses Bild von Gemeinschaft aufzuweichen, um mehr Räume zu schaffen, in denen mit Gemeinschaftlichkeit experimentiert werden kann. Dafür sind Häuser wie unsere Spinnerei nützlich, aber auch Lerngruppen, in denen Verbindung geübt wird, sowie Freundschafts- und Nachbarschaftsgruppen oder auch wöchentliche Online-Treffen.

Gemeinschaft ist für mich nicht etwas, das an einen Ort gebunden ist. Es bedeutet einfach, Räume zu haben, in denen ich lernen kann, mich ganz so zu zeigen, wie ich bin. Es bedeutet, von anderen darin Unterstützung zu erhalten und den Mut zu fassen, mich auf andere Menschen einzulassen. Auch wenn wir es nicht immer wahrhaben wollen: Wir Menschen brauchen solche Räume, in denen wir miteinander lernen und uns verbunden fühlen. Sich dessen bewusst zu sein, ist ein großer Schritt, auf den viele weitere individuelle Schritte folgen können. Etwa, sich zu fragen, was im Miteinander wirklich gut tun würde, wo der Alltag gemeinsam mit anderen freudiger werden kann und mit wem wir diesen Alltag wirklich gerne erleben wollen. Dabei können dann weitere Fragen auftauchen – zum Beispiel, wie wir lernen können, Freiheit und Verbindlichkeit zu vereinen, uns gut um uns selbst zu kümmern und gleichzeitig die alltäglichen Notwendigkeiten mitzutragen. Die Antworten auf diese Fragen lassen sich wahrscheinlich beim mutigen und achtsamen Experimentieren finden – in kleinen und in großen Gruppen, in kontinuierlichen Treffen oder in einmaligen Workshops. 

Anfängliche Bedenken haben sich nicht erfüllt

Aus den drei Spinnerinnen, die vor einem Jahr in ein leeres Haus irgendwo auf dem Land zogen, ist mittlerweile ein kleines Gemeinschaftsnetz entstanden. Wir hatten im ersten Winter einige Gäste, denen die Spinnerei ans Herz wuchs, die aber dennoch nicht bereit waren, sich dort für längere Zeit zu verwurzeln. Also entstand das Bild einer Gemeinschaft, die über das Haus hinausreicht und sich entweder vor Ort oder aus der Ferne mit der Kultur der Spinnerei verbunden fühlt und das Haupthaus auch finanziell unterstützt. Derzeit sind wir in unserer virtuellen »Spinnennetz-Telegramgruppe« zu acht, und in mir ist ein schönes Gefühl von Zugehörigkeit entstanden, das auch anhält, wenn ich über längere Zeit nicht vor Ort bin. 

Ich habe in dem Jahr einiges darüber gelernt, wie Verbindung entstehen kann – und das nicht nur in homogenen Kleingruppen, sondern auch im Kontakt mit den Menschen aus dem Dorf. So bekamen wir im März, als wir unseren Seminarbereich fertig renoviert hatten, Besuch von einer benachbarten Familie und konnten den neu entstandenen Raum für ein ausgiebiges Abendessen nutzen. Wieder standen viele der Fragen im Raum, die wir uns selbst beim Einzug gestellt hatten. Wir erzählten von unserem Aktivismus und davon, wie wir mit wenig Geld und vielen Gesprächen einen guten Weg gefunden hatten, den Ort zu hüten. 

Die anfangs noch bestehende Sorge, dass wir bald wieder ausziehen würden, weil uns auf dem Land niemand besuchen würde, kennt inzwischen keine mehr von uns. Viele unserer Freundinnen und Freunde kommen gern vorbei, weil sie unsere Spinnereien und die schöne Natur rundherum genießen. Wenn wir keinen Besuch haben, wird unser Seminarbereich mehrmals monatlich extern genutzt.

Die gemachten Erfahrungen geben mir Kraft, mich für Gemeinschaft zu entscheiden, und auch, mir bewusst zu machen, dass wir die Form des Miteinanders wirklich selbst gestalten
können. //



Helen Britt (22) ist Aktivistin und hat vor einem Jahr das Projekthaus »Spinnerei« nahe Uslar mitinitiiert. Aktuell beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Altes und Neues zu einer transformatorischen Bewegung zusammenfinden können. Die Spinnerei sucht mitlebende Menschen und freut sich über Besuch. nicht-nur-spinnerei.de


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