enkeltauglich leben
Buchtipps

Red Round Globe Hot Burning

von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #62/2020
Photo

In der an Krisen, gesellschaftlichen Kipppunkten und Revolutionen reichen Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erkennt der US-amerikanische Historiker und Commons-forscher Peter Linebaugh geografisch wie zeitlich entscheidende Scharniere der Weltgeschichte: Zwischen den Schafotten des Empires, den karibischen Kolonial-gebieten, der Werkstatt des Kupferstechers und Lyrikers William Blake sowie politischen Untergrundbewegungen zwischen London und dem ländlichen Irland arbeitet der marxistisch geschulte Geschichtswissenschaftler einen Kristallisationspunkt heraus. Die kapitalistische Verwertungslogik, Weltvernutzung und Einhegung, die uns Menschen westlicher Prägung heute zur zweiten Haut geworden sind, erlebten damals einen frühen Höhepunkt – und mit diesem setzte die »Anthropozän« genannte Epoche ein, in der sich der Mensch endgültig zum Former und Beherrscher der Erde aufzuschwingen versuchte.

Linebaugh – Oya-Lesenden durch sein Buch »The Magna Carta Manifesto« und seine Fragmente einer Sprache des Gemeinschaffens (»Haltet den Dieb!«, Oya 47) bekannt – kontrastiert diese keineswegs zwangsläufige Entwicklung mit den Liebes- und Lebensgeschichten des anglo-irischen Revolutionärs Edward »Ned« -Despard und seiner aus der Karibik stammenden Ehefrau Catherine, genannt »Kate«. Von der Peripherie des Empires kommend, kämpften Kate und Ned bis zum Tod durch Erhängen (er) und darüber hinaus (sie) für ihre Vision eines egalitären, Commons-basierten Zusammenlebens. Dabei ließen sie sich von Werten wie Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit und nicht zuletzt von ihrer Liebe zueinander leiten, in deren Ausprägungen eros, philia und agape Linebaugh ein zentrales Prinzip der Commons erkennt.

In poetischer und assoziationsreicher Sprache liefert Linebaugh wichtige Impulse für das historische Selbstverständnis von Menschen, die sich hier und heute für eine Commons-basierte Gesellschaft engagieren, und erzählt nebenbei eine berührende Liebesgeschichte. Dabei gibt er sich als Historiker mit Haltung zu erkennen, der seinen Hauptfiguren freundschaftlich, ja, geradezu zärtlich zugeneigt ist.  


Red Round Globe Hot Burning
A Tale at the Crossroads of Commons & Closure, of Love & Terror, of Race & Class, and of Kate & Ned Despard.
Peter Linebaugh
University of California Press, 2019
462 Seiten
ISBN 9780520383036
ca. 19,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #62

Photo
von Clemens Huschak

Das Lebensende ist gestaltbar

Seit zwanzig Jahren arbeite ich als Krankenpfleger auf verschiedenen Intensivstationen in den Bereichen Innere Medizin, Neurochirurgie, Neurologische Frührehabilitation, Entwöhnung von der künstlichen Beatmung und Verbrennungsmedizin. Mit dem Besuch des Permakultur-Basisjahrs begann

Photo
von Andrea Vetter

Judith enthauptet Holofernes

Mein Lieblingsbuch war lange »Die Unendliche Geschichte« von Michael Ende. Im ersten Teil besteht Atréju, der junge Held, unzählige Abenteuer, um Bastian, den Leser der Geschichte, in das Buch, das dieser gerade liest, hineinzuziehen, damit Bastian der Kindlichen Kaiserin

Photo

Was ›man‹ so Liebe nennt

Einem spätkapitalistischen Bonmot zufolge ist es leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus; auf ähnlich absurde Weise kann es manchmal naheliegender erscheinen, sich das Ende der eigenen Existenz auszumalen als den Beginn einer gleichwürdigen

Ausgabe #62
Matriarchale Fährten

Cover OYA-Ausgabe 62
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion