enkeltauglich leben
Gemeinschaft

In der Mitte steht eine Eckbank

Ein kleines Loblied auf mein Lieblingsmöbelstück
und die Kraft der informellen Räume.
von Luisa Kleine, erschienen in Ausgabe #62/2020
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© Robin Dirks

Mein liebster Platz in meiner Gemeinschaft in der »Fuchsmühle« ist unsere Eckbank. Sie ist aus Eichenholz, und auf ihr liegen eigens für sie geschneiderte Sitzkissen mit blauen Karos. Die Bank steht in unserem geheizten Esszimmer. Wärmequelle ist ein weißer Grundofen, auf den immer wieder Menschen ihre Hände legen wie auf einen alten, tröstenden Freund. 

Auf unserer Eckbank bin ich mitten im Geschehen – und kann mich dort nötigenfalls auch verstecken. Schon als Kind liebte ich es, mitten im Geschehen und trotzdem verborgen zu sein. Saßen viele Menschen um unseren großen Tisch, konnte ich ihnen die Hausschuhe klauen und sie an den schutzlosen Füßen kitzeln, so dass sie den Kartoffelbrei über den Tisch prusteten. Diese Leidenschaft kann ich jetzt unter dem großen Eichentisch der Fuchsmühle wiederentdecken. 

Der Tisch und die Eckbank waren übrigens schon da, als wir einzogen. Die Garnitur stand da mit ihren dutzend Plätzen und wartete auf uns, als wäre sie nur dafür gemacht worden, dass eine Horde neugieriger Gemeinschaffender sich niederlassen kann.

Wenn ich an unsere Gemeinschaft denke, dann höre ich zuerst das Stimmengewirr in diesem Raum, in dem so vieles passiert. Die Wichtigkeit eines offiziellen Plenums wirkt gar lächerlich, wenn man bedenkt, welche Themen, Konflikte und Entscheidungen an unserem Küchentisch meist unbemerkt und informell ausgetragen und getroffen werden. Auch Gäste, Nachbarsleute und Freundinnen werden hier empfangen, es werden Geschichten erzählt und es wird bis in die Nacht diskutiert, gelacht, geweint, gestritten, sich wieder versöhnt, geträumt, geplant und gefeiert. Der Küchentisch ist das Zentrum unserer Gemeinschaft, und viele Gesichter der Menschlichkeit finden an ihm Platz. Ich darf das alles versteckt erforschen. Wie eine Forscherin hinter einem Busch verborgen ein neuartiges Wesen durch ihr Fernglas beobachtet, mache ich mich auf den karierten Kissen unsichtbar und lausche dem Stimmengewusel.

Oftmals erscheinen uns diese informellen Räume nicht so wichtig. Sie sind das vergnügliche »Zwischendurch«, bevor dann das »Eigentliche« in den Plena passiert: in Sozialplena, Orgaplena, Finanzplena und Arbeitsgruppen. Dort haben die gesprochenen Worte immer ein klares Ziel, sind strukturiert, lösungsorientiert und linear. Anders die Küchengespräche: Besprochen wird dort, was gerade spontan ansteht. Es gibt kein Ziel, und die Gespräche bewegen sich meist kreisend, nicht-wissend, impulsgesteuert. Mal steht jemand auf und geht, eine andere kommt und setzt sich dazu, irgendwann überkommt alle ein Gefühl von Genüge, und die Wege zerstreuen sich. Wieder – wie wir das schon aus so vielen anderen Bereichen kennen – wird das rationale Plenumsgespräch, bei dem es um Produktivität, Struktur und technische Absprachen geht, dem nährenden, reproduktiven, prozessorientierten, fließenden Küchentischgespräch übergeordnet. 

Ich plädiere für eine Ehrung der Eckbank! Für die bewusste Wertschätzung der Räume, in denen wir unkonzentriert, schlürfend, angekuschelt (das kann man nämlich auf Stühlen nicht  – ein weiterer Punkt für die Eckbank!) das bewegen, was uns bewegt. Sie sind nicht der Füllstoff, der Zeitvertreib, bis dann das Eigentliche passiert. Diese Räume sind das Wesentliche, das für mich Gemeinschaft ausmacht und mich nährt. Sie sind das Zentrum, in dem wir pflegen und gestalten, was wir sind. 

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