enkeltauglich leben
Commonie

Das As im Ärmel der Commoners

Ein Kartenset hilft, Commons besser zu verstehen, die eigenen Erfahrungen auszudrücken, zu reflektieren und individuelle Wege in Gruppen zu finden.von Luisa Kleine, erschienen in Ausgabe #62/2020
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© Robin Dirks

33 illustrierte Karten zu den Mustern des Commoning (siehe Oya 55) mit abstrakten Bildern und Worten, wie »Sich in Vielfalt gemeinsam ausrichten« oder »Im Vertrauensraum transparent sein«, liegen verteilt auf dem Boden unseres Bewegungsraums. Wir wandern umher, heben mal hier, mal da eine Karte auf, mitunter ist ein erkenntnisreiches »Aha« zu hören. Für viele der Anwesenden sind die Muster des Commoning, die auf den Karten gesammelt wurden, neu; manche Worte wie »poolen« oder »gemeinverantwortlich« wirken noch etwas fremd. Mir, die ich Oya 55 gelesen habe, kommen die Muster hingegen schon wie Freunde vor; jede Karte fühlt sich anders an und ich entdecke schnell meine Lieblingsmuster »Commons mit halbdurchlässigen Membranen umgeben« und »Gegenseitigkeit behutsam ausüben«. Am Ende der Übung bleiben wir alle jeweils bei einer Karte stehen, die uns interessiert. Wir wohnen nun seit vier Monaten zusammen, teilen viele Dinge, leben funktional, organisieren unsere Projekte und die Sorgearbeit gemeinsam und haben eine gemeinsame Ökonomie. Da gibt es viel, worüber wir reden und reflektieren können. Die Karten werden freudig als hilfreiche Krücken begrüßt. Passend zu der Karte, die wir uns ausgesucht haben, erzählen wir Geschichten aus unserem Gemeinschaftsleben. 

Das Kartenset enthält Muster für insgesamt drei Bereiche: »Soziales Miteinander«, »Selbstorganisation durch Gleichrangige« sowie »Selbstbestimmtes & (für-)sorgendes Wirtschaften«. Mit diesen Mustern werden universelle Lösungen für die alltäglichen harten Nüsse des Gemeinschaffens beschrieben. Vereint üben wir uns in der Mustersprache, die sich aus den Beschreibungen ergibt, und fragen uns, was die ausgewählten Muster miteinander zu tun haben. Wir hangeln uns von einem zum anderen, und die Erklärungen und Beispiele auf den Rückseiten der Karten helfen uns, persönliche Erfahrungen einzuordnen und besser auszu-drücken.

Später, als alle Karten wieder in unserer Mitte liegen, entsteht in der großen Gruppe ein angeregtes Gespräch über unsere Geldkultur, den Umgang mit Widerständen, über Sorgearbeit und die spannende Beziehung zwischen Lust und Notwendigkeit. Es scheint mir, als würden die Karten weise über unsere Probleme schmunzeln. Immer wieder verweisen wir auf eine Karte, heben sie auf, legen sie neben eine andere, die gerade gut zu ihr zu passen scheint, und lesen uns die Rückseiten vor, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Langsam kommen auch die Menschen, denen diese Mustersprache bislang neu war, in den präzisen Formulierungen an, die von einer Menge an Erfahrungen, Diskussionen und analytischem Denken zeugen, und die von Mercedes M. Tarres schlichten Illustrationen begleitet werden.

Uns kommen schier unendlich viele Ideen, wie sich das Set anwenden ließe, und wir finden im beiliegenden Heftchen, in dem es auch kurze Erklärungen zum Commoning, zur Mustersprache und zur Entstehungsgeschichte der Karten gibt, noch viel mehr Inspiration. Alle Anwesenden erhalten drei Bohnen und verteilen sie auf den Mustern, mit denen wir uns noch schwer tun. Wir bekommen Lust, diese Muster zu verkörpern und im Impro-Theater einander begegnen zu lassen, Musterkarten als Tarot zu legen, Scharade zu spielen oder einfach jeden Morgen eine Karte als Inspiration zu ziehen. Die Karten laden zum Spielen ein!

Schon nach diesem einen Nachmittag kann ich das Kartenset gemeinschaffenden Menschen nur wärmstens empfehlen! Es ist ungemein hilfreich dabei, eine Sprache für die Erlebnisse beim Commonig zu finden; die Karten helfen beim Reflektieren und geben kluge Impulse für individuelle Wege statt verallgemeinernder Ratschläge und Handlungsanweisungen. Auch Menschen, die das Buch »Frei, Fair & Lebendig« (transcript 2019) von Silke Helfrich und David Bollier nicht kennen und die völlig neu im »Commonsversum« sind, können anhand der relativ niedrigschwelligen Karten bereichernde Impulse erhalten.  


Die Karten können unter MusterspracheCommoning@commons-institut.org bestellt werden (Ermöglichungsbeitrag 10 bis 30 Euro).

Unter mustersprache.commoning.wiki gibt es auch eine Online-Fassung in Form eines Verbund-Wikis sowie einen kostenlosen PDF-Download zum Ausdrucken von Karten, Schachtel und Anleitung.

Freier PDF-Download des Buchs: kurzelinks.de/freifairlebendig

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