enkeltauglich leben
Bildung

Die Idee wird überleben

Das Projekt »Stadt-als-Schule Berlin« musste sich ehrenvoll verabschieden – ein Nachruf.
von Anke Caspar-Jürgens, erschienen in Ausgabe #23/2013
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Gegen Ende der 80er Jahre engagierte sich in Berlin eine kleine Gruppe reform­pädagogisch engagierter Menschen um die Hochschullehrerin Ingrid Böhm und den Hochschullehrer Jens Schneider, um für die Entwicklung und Einführung eines »Lernens in der Stadt« im Rahmen der öffentlichen Schule einzutreten – für Bildungsmöglichkeiten in der Praxis, in städtischen Unternehmen oder Vereinen, was manchen Schülerinnen und Schülern mehr entspricht, als im Klassenzimmer zu sitzen. 1992 gelang es der Gruppe tatsächlich, den Berliner Senat – wenn auch nicht die Schulbehörde – von ihrem Projekt zu überzeugen. Unter dem Namen »Stadt-als-Schule Berlin« wurde ein staatlicher Schulversuch für Schüler der Klassen 9 und 10, die in der Regelschule in Schwierigkeiten geraten waren, genehmigt.
 

Raus aus der Sackgasse
Das Besondere dieses Angebots für Schulmüde, Abbrecher und Unangepasste war, dass sie hier »im Leben lernen« durften, wie es die Gründer nannten. Das Projekt wollte jungen Menschen, deren bisherige Schullaufbahn in eine Sackgasse geführt hatte, neue Perspektiven ermöglichen. Nach einem Vorversuch mit jungen Erwachsenen begann das Schulprojekt mit 32 Schülerinnen und Schülern. Entscheidend war dabei, dass die Jugendlichen aus eigenem Entschluss kamen; eine Zuweisung gab es nicht. In einem Aufnahmegespräch wurden die jungen Leute stattdessen nach ihrer besonderen Motivation für dieses Projekt befragt: ob sie Interesse und Lust am Lernen in der Stadt hätten, ob sie es ernst meinten mit ihrem Entschluss zu einem Neuanfang. Diese Gespräche dienten auch dazu, herauszufinden, ob die Chance zum Aufbau einer Beziehung bestünde – ist doch ohne diese Grundlage eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit besonderen Schülerinnen und Schülern nicht möglich. Die frühere Schulgeschichte dagegen interessierte kaum.
Das wichtigste Element bei der Struktur des Stadt-Schul-Projekts waren die sogenannten Kommunikationsgruppen. Von diesen wurde das Lernen an den verschiedenen Orten vorbereitet, begleitet und nachbereitet. Zusätzlich gab es eine kontinuierliche individuelle Lernberatung. Was den Erfolg des Expriments ausmachte, war, dass die jungen Menschen hier fragen durften, was sie wirklich interessierte. Entsprechend suchten sie sich einen Betrieb, ein Museum, einen Kindergarten oder eine andere Berliner Einrichtung aus, um sich an drei Tagen der Woche mit aktiver Mitarbeit einzubringen und sich mit den dort anfallenden Themen auseinanderzusetzen. Das Ergebnis konnten und sollten sie an den anderen beiden Tagen in der Schule je nach Bedarf im Computerraum, in den Bereichen für Musik, Kunst und Technik aufbereiten und dann ihren Mitschülerinnen präsentieren. Auf diese Weise eigneten sie sich – motiviert durch ihr eigenes Interesse – Fertigkeiten an, die sie sich oft selbst nicht zugetraut hatten. In weiteren Unterrichtsstunden hatten sie schließlich noch die Möglichkeit, gezielt Kenntnisse in Deutsch, Mathematik, Englisch, Naturwissenschaften und Gesellschaftskunde zu erwerben oder auch an spezifischen Schwachstellen zu arbeiten.
Hatten die Schülerinnen und Schüler in diesem Modell die 9. Jahrgangsstufe erfolgreich beendet, konnten sie danach noch ein Jahr anhängen und die Schule mit dem erweiterten Hauptschulabschluss beenden oder bei entsprechender Qualifikation den Realschulabschluss erwerben. Gemäß der Auflage des Schulsenats war die Einrichtung für Jugendliche gedacht, die mit dem Regelangebot von Schule fehlgefordert oder fehlgefördert waren und nach neun oder zehn Jahren den Hauptschulabschluss nicht hatten erwerben können. Besonders interessant war sie aber auch für überdurchschnittlich befähigte Jugendliche, die trotz oder wegen ihrer Begabung die an sie gestellten Leistungsanforderungen in der Regelschule nicht erbringen konnten. Zusätzlich gab es eine Öffnungsklausel von 10 Prozent – bezogen auf die gesamte Schülerschaft – für Jugendliche, die in ihrer Schullaufbahn bisher noch nicht gescheitert waren.
Im November 2007 fand in Berlin eine Fachtagung mit diversen hochrangigen Persönlichkeiten aus der Bildungspolitik unter dem Motto »Die Stadt zur Schule machen« statt, in der das Projekt feierlich gewürdigt wurde. Es hatte inzwischen auch das »Institut für Produktives Lernen«, IPLE, hervorgebracht, das Konzepte für individualisiertes und praxisorientiertes Lernen entwickelt und erprobt. Durch umfassende Begleitung sowie pädagogische Fort- und Weiterbildungen wurden die zentralen Ansätze von Stadt-als-Schule so auch über Berlin hinaus verbreitet.
 

Einen schulpolitischen Tod gestorben
Im April dieses Jahres musste das Projekt jedoch bekannt­geben, dass das erfolgreiche Experiment offenbar nicht in das von der Berliner Schulverwaltung ausgegebene Konzept einer neuen Schullandschaft von Gymnasium und Sekundarschule passt und deshalb von jener eingestellt wird: »Lange und mit viel Kraft haben sich SchülerInnen, PädagogInnen, Eltern, Vereinsmitglieder und andere UnterstützerInnen gewehrt, aber letztlich kamen sie gegen die aktuelle Schulpolitik nicht an«, heißt es in der Erklärung. Hartmut Glänzel, Gründungsmitglied und stellvertretender Direk­tor der Schule, konnte in seiner Abschiedsrede feststellen: »Die Schule war nachweislich erfolgreich, jedenfalls haben das die für uns zuständigen Schulräte, die unsere Schülerinnen und Schüler immer wieder unter die Lupe genommen haben, bestätigt.«
Man muss sich fragen, ob der Schulbehörde auch nur ansatzweise klar ist, welches Kleinod sie hier leichtfertig zerstört hat? Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Handwerk und Politik hatten den zentralen Gedanken des »Lernens in Ernstsituationen« sehr schnell verstanden. Warum passt so ein naheliegender Weg plötzlich nicht mehr ins Konzept? »Aber die Idee bleibt bestehen«, meint Hartmut Glänzel, und er zeigt sich zuversichtlich, dass »sie sich in Berlin und anderswo – unter anderem Namen vielleicht – fortsetzen« wird. Die Erfahrung habe gezeigt, dass Schule auch vollständig anders gedacht und praktiziert werden kann. •
 

Ein Blick zurück und einer nach vorn:
www.stadt-als-schule.cidsnet.de
www.iple.de

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