enkeltauglich leben

Gerettet!

Während eines Besuchs in Berlin tauchte ­
Theresia Funk in die Welt der Lebensmittelretter ein: Immer mehr Menschen holen in Bioläden oder Supermärkten aussortierte Köstlichkeiten ab.
von Theresia Funk, erschienen in Ausgabe #29/2014
Photo
© Theresia Funk

»Woher hast du all dieses wunderbare Obst und Gemüse?« – Auf Nikolays Küchentisch liegt eine große Tüte Brot, und Äpfel, ­Birnen, Trauben, Blaubeeren, Tomaten, Gurken und Karotten leuchten mir entgegen. »Darf ich mir etwas davon nehmen?« »Klar, das ist alles geschenkt!« »Wie – geschenkt?«

Für Nikolay ist es nicht nur selbstverständlich, vor dem Wegwerfen gerettete Lebensmittel an andere weiterzugeben, sondern Teilen ist in allen Lebensbereichen sein Credo geworden. Er programmiert quelloffene Software, und sein Zimmer in einer Berliner WG ist ­jederzeit für Freunde und Bekannte offen. So kann auch ich eine Woche lang bei ihm wohnen. Während dieser Zeit führt er mich ganz nebenbei in die Welt der Lebensmittelretter ein.
Seit gut einem Jahr sei er auf ­www.lebensmittelretten.de registriert, erzählt Nikolay. Die Internetseite hat im deutschsprachigen Raum inzwischen über 7500 Mitglieder. Die »Foodsaver« holen aus Geschäften Lebensmittel ab, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben oder aufgrund mangelnder Frische aussortiert worden sind. Rund 15 Millionen Tonnen Lebensmittel werden allein in Deutschland jährlich weggeworfen. Lebensmittelretterinnen und -retter hätten inzwischen etwa 500 Tonnen gerettet – nach internen Schätzungen seien es 1000 Tonnen, meint Nikolay.
»Alles, was hier auf dem Tisch liegt, haben wir heute in einem Supermarkt abgeholt, und es war noch viel mehr da. Die beiden anderen Foodsaver in meinem Team haben mindestens genauso viel wie ich mit nach Hause genommen.« Ich nehme einen Apfel in die Hand und beiße hinein. Wie gut er schmeckt! Nur weil er ein paar kleine Schrammen hat, wäre er weggeworfen worden …?
Raphael Fellmer – dafür bekannt, dass er mit seiner Familie ohne Geld in Berlin lebt – hat das Projekt »Lebensmittelretten« im Jahr 2013 ins Leben gerufen. Innerhalb kürzester Zeit habe sich daraus eine regelrechte Bewegung entwickelt, erfahre ich von ihm. Wenn junge Organisationen so schnell wachsen, stellt die Anpassung der internen Strukturen eine große Herausforderung dar, und dieser Aufgabe widmet sich derzeit das Organisationsteam. Im Internet werden verschiedene Leitfäden, die alle Belange der Lebensmittelrettung beschreiben, zusammengetragen. »Auf welche Art und Weise regeln wir unsere Absprachen?« »Wie gehen wir mit vertraulichen Informationen des Betriebs um, von dem wir das Essen abholen?« – Solche Fragen beantwortet die Online-Plattform. Auch eine einführende Begleitung für angehende Retterinnen und Retter bei den ersten Abholungen wird über die Internetseite vermittelt. Sie informiert auch über die sogenannten Fairteiler: Sammelstellen für Essen, das man nicht mehr braucht und weitergeben möchte, zum Beispiel offene Kühlschränke mitten in der Stadt.
 

Zwei Initiativen verbinden sich
Die Plattform Lebensmittelretten.de war von Anfang an als Ergänzung zu den Aktivitäten des Vereins »Foodsharing«, gegründet von Filmemacher Valentin Thurn, gedacht. Sein Film »Taste the Waste« rückte im Jahr 2011 die Wegwerfpraxis in der Lebensmittelbranche erstmals in die öffentliche Aufmerksamkeit. Aus den Dreharbeiten entwickelte sich der Verein, der sich nicht nur an Menschen wendet, die an andere abgeben wollen, was sie nicht selbst verbrauchen, sondern auch an Firmen und Händler, bei denen ein Lebensmittelüberschuss anfällt. Die von Foodsharing und weiteren Organisationen gestartete Kampagne »Genießt uns« will zukünftig Unternehmen auszeichnen, die vorbildlich mit Nahrung umgehen. Auch von der Politik erhofft sich Thurn entschiedene Schritte. Da Foodsharing und die Lebensmittelretter dasselbe Ziel verfolgen, werden beide Initia­tiven ab Ende dieses Jahres unter der gemeinsamen Seite www.foodsharing.de auftreten.
In den Tagen meines Berlin-Aufenthalts kann ich Nikolay bei seinem nächsten Einsatz begleiten. Sein Team wartet bereits vor dem Laden. Freundlich werden wir von einer Mitarbeiterin empfangen und zu den vorbereiteten Lebensmitteln geführt. »Möchte jemand Käse?« »Nein, ich nicht!« »Du?« »Kannst du gerne haben!« »Ich hätte dafür gerne etwas mehr Salat, ist das in Ordnung für euch?« »Ja, aber bitte lass mir zwei Köpfe übrig!« Auch ich versuche mein Glück: »Darf ich mir die Bananen nehmen?« – etwas ängstlich blicke ich als Neuling in die Runde. »Na klar! Herzlichen Glückwunsch zu deinem Einstieg. Jetzt gehörst du auch dazu, Lebensmittelretterin!« Die anderen lachen. •

www.lebensmittelretten.de
www.foodsharing.de
www.geniesstuns.de

weitere Artikel aus Ausgabe #29

Photo
(Postwachstums-)Ökonomievon Nicole Hille-Priebe

Essen ist eine Kultur-Tat

Die Idee ist einfach, und sie sollte sich am besten so schnell verbreiten wie die Bewegung für urbanes Gärtnern: offene Küchen, wo reihum auf Spendenbasis gekocht wird.

Photo
Permakulturvon Ulrike Meißner

Nutze Veränderungen und reagiere auf sie mit Kreativität!

Das zwölfte und letzte Gestaltungsprinzip von David Holmgren fordert uns auf, den Fokus mehr auf die Möglich­keiten als auf die Hindernisse zu lenken.

Photo
von Sabrina Gundert

Work Is Not A Job

Jobben – oder Berufung? Catharina Bruns wollte mehr, als nur monatlich einen fixen Betrag auf ihr Konto zu erhalten. Mehr als einen Job, der sie nicht erfüllte. 2010 schrieb sie ein Manifest, das zu den Leitlinien für ihr Projekt »work is not a job« und zu ihrem

Ausgabe #29
Satt und glücklich

Cover OYA-Ausgabe 29
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion