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Die neun Tore (Buchbesprechung)

von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #30/2015
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Am Vorabend des Ersten Weltkriegs verließ der neunzehnjährige Jiří Mordechai Langer sein gutbürger­liches Prager Elternhaus, um sich in der galizischen Stadt Belz in die Geheimnisse des Chassidismus einweihen zu lassen. Im 18. Jahrhundert als mystische Strömung entstanden, betont die chassidische Tradition die Verbundenheit aller Erscheinungen und die Immanenz des Göttlichen. Nach seiner Freistellung vom Kriegsdienst, beantragt aus Glaubensgründen, gewährt aufgrund »geistiger Umnachtung«, lebte Langer bis zum Kriegsende in einfachsten Verhältnissen in Belz. Als Adept des Rabbis Yissachar Dov Rokeach ließ er sich in Kabbalah, Midrasch, Torah und Talmud unterweisen und hörte unzählige mündlich tradierte Erzählungen über »Zaddikim« genannte »Gerechte«, die das Herz der chassidischen Lehre bilden.
Zurück in der Zivilisation der Zwischenkriegsjahre, blieb Langer ein Wanderer zwischen den Welten. Als enger Bekannter Max Brods und Hebräischlehrer Franz Kafkas war er Teil der Prager Moderne, doch sein Weltzugang blieb vom archaischen Denken des Chassidismus geprägt. Wie Martin Buber (siehe Seite 58) vor ihm machte er sich daran, die Geschichten der Chassidim aufzuschreiben. Anders als der Religionsphilosoph schreibt er nicht mit analytischer Distanz, sondern erzählt aus der Innenperspektive des Initiierten.
Als »Die neun Tore« 1937 auf Tschechisch erschien, war die Welt wundertätiger Rabbis, frommer Sünder und jiddischer Gelehrter im Niedergang begriffen. 1939, nach dem Einmarsch der National­sozialisten, wurde das Buch verboten. Als Langer 1943 in Tel Aviv verstarb, war es in Vergessenheit geraten. Diese erste vollständige deutsche Übersetzung bietet nun die Gelegenheit einer Wiederentdeckung.
Dem Uneingeweihten mag es als ein Buch mit sieben Siegeln erscheinen. Wer sich ihm öffnet, entdeckt ein mit Weisheitsperlen gespicktes Stück einzig­artiger, unwiderruflich verlorener osteuropäischer ­Geschichte, erzählt in Geschichten wie jener von Rabbi Šlojmele, der seine Schüler im 18. Jahrhundert lehrte: »Jeder sollte sich klarmachen, dass er auf der Welt der einzige seiner Art ist und dass es einen Menschen wie ihn nie gegeben hat noch je wieder geben wird. Daher soll jeder von uns seine moralischen Anlagen verfeinern und sein Eigensein nach den gegebenen Möglichkeiten vollenden. Denn nur so kommt die Welt zur Vollendung.« ◆ 


Die neun Tore
Geheimnisse der Chassidim.
Jiří Mordechai Langer
Arco 2012
399 Seiten
28 Euro


Weiterlesen: Martin Buber: Erzählungen der Chassidim • Isaac B. Singer: Gimpel der Narr • Jiří Langer: Die Erotik der Kabbala

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