Buchtipps

Free Play (Buchbesprechung)

von Klaus Holsten, erschienen in Ausgabe #22/2013
Photo

Fast eine Generation nach dem Erstdruck ist eine deutsche Fassung von »Free Play« erschienen, ein Buch über die Spiritualität kreativer Prozesse in Leben und Kunst, dem Lebensthema des amerikanischen Musikers und Künstlers Stephen Nachmanovitch. Der universell gebildete Autor hat seine Wurzeln in der künstlerischen und politischen Aufbruchbewegung der 70er Jahre. Sein Werk erscheint jedoch heute aktueller denn je, nachdem sich das Thema Improvisation aus seiner Nische befreien konnte.
Der deutsche Untertitel »Kreativität geschehen lassen« lenkt allerdings zunächst auf eine zu ­schmale Spur. In der amerikanischen Version lautet er »Improvisation in life and art«, was der kulturellen Tragweite dieses Buchs weitaus besser gerecht wird. Nachmanovitch richtet sich nicht nur an Menschen, die mit Musik umgehen. Vom Anfang bis zum Schluss versteht er es, die universelle Dimension des Improvisierens als Baustein jeglichen kreativen Schaffens im Auge zu behalten.
Bei der Lektüre von »Free Play« hat man das Gefühl, mit dem Autor in ein langes Gespräch über die essenziellen Fragen künstlerischen Tuns einzutauchen, die immer auch die Fragen zu den wesentlichen Dingen des Lebens sind – das Schöpfen, Schaffen, Verfeinern, Reifen, Überwinden von Hemmnissen, das Sich-Verbinden mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart und nicht zuletzt mit dem Mehr-als-Menschlichen. Nachmanovitch überfällt seine Leserinnen und Leser nicht mit einfachen Antworten. Statt zu konstatieren, lenkt er die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Polarität in allem Lebendigen. Dabei dienen naheliegende Phänomene wie Systole und Diastole unseres Herzschlags als häufig verwendete Symbole für Polares und verdeutlichen das ewige Changieren zwischen Vernunft und Intuition, dem Ego und seinem Verschwinden, Fließenlassen und Beurteilen.
In einer wohltuend lockeren Art lädt er zu weiten Blicken in die Kulturgeschichte ein, als sei man ganz selbstverständlich auf Du und Du mit Sokrates, Beethoven oder Kandinsky. Das übersichtlich gegliederte und mit einem Schatz an Anmerkungen und Literaturhinweisen versehene Buch ist durchzogen von inspirierenden poetischen Zitaten und Gedichten der Weltliteratur – von Menschen, die das Hineinfühlen in künstlerisches Schaffen, die Freud und Leid der Inspiration sowie die Wirkung guter Kunst auf ihre Rezipienten meisterhaft in Worte gefasst haben. Wie in einem guten Vortrag durchmischt Nachmanovitch persönliche Erfahrungen und Anekdoten mit Profundem und bringt seine Leserinnen und Leser mit einer unbeschwerten Mischung aus fast flippiger Alltagssprache und philosophischer Gedankenschärfe in Balance zwischen zustimmendem Schmunzeln und lange nachwirkender Nachdenklichkeit. ◆


Free Play
Kreativität geschehen lassen.
Stephen Nachmanovitch
O. W. Barth Verlag, 2013, 271 Seiten
ISBN 978-3426292167
19,99 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #22

Photo
Bildungvon Thea Herzig

Ein Silberstreif am Horizont

Können Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten, wenn sie nicht Lehrer sind? Ist das überhaupt erlaubt? Solche Fragen ­haben ihre Berechtigung, doch inzwischen bin ich entschlossen, das Abenteuer Homeschooling zu wagen, um mir und ­meinem Sohn die vielleicht beste Zeit unseres

Photo
(Basis-)Demokratievon Jara von Lüpke

Denkhüte und Schattenpuppen

Ich sitze in einer hitzigen Diskussion. In vielen verschiedenen Worten wird über das Gleiche geredet – und dennoch aneinander vorbei. Die Kaffeetassen auf dem Tisch sind leer, die Wände um uns herum hängen voller Post-its. Die Mägen knurren, unsere Köpfe brummen. So

Photo
Kunstvon Bea Simon

Improvisation und Demokratie

Schon in meiner Jugend ermüdete ich, wenn ich am Cello saß und ein Notenblatt nach dem anderen aufgelegt wurde. So schön die klassische Musik sich zuweilen anhörte, meine eigene war es nicht. Doch gab es sie überhaupt, diese eigene Musik? Ich suchte und fand. Nach

Ausgabe #22
Entscheidungskunst

Cover OYA-Ausgabe 22
Neuigkeiten aus der Redaktion