enkeltauglich leben

Die Tagebücher von Adam und Eva

von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #27/2014
Photo

Archetyp und Archetypin

Er will seine Ruhe. Sie möchte reden. – Er will den Tieren Namen geben. Sie kommt ihm immer zuvor. – Er hält sie für emotional überspannt, sie ihn für nicht besonders helle. – Er will keinen Ärger. Sie möchte verbotene Früchte ernten. Sie sind das perfekte Paar. Sie sind nicht nur wie füreinander geschaffen, sie sind füreinander geschaffen: der erste Mann und die erste Frau. Mark Twains fingierte Tagebücher erzählen nicht weniger als die unwahrscheinlichste und zugleich natürlichste Geschichte der Welt: Zwei Menschen begegnen sich und wachsen allen Widrigkeiten zum Trotz zusammen. Mühelos wechselt Twains hinreißende und berührende Erzählung zwischen beißender Satire, selbstironischer Beziehungsstudie und zärtlicher Elegie. Als Vorbild für das urbildliche Paar dienten dem Autor seine Frau und er selbst.
Der erste Teil, »Auszüge aus Adams Tagebuch«, wurde erstmals 1897 als Beitrag zu einem Souvenirbuch über die Niagarafälle veröffentlicht. Der zweite Teil, »Evas Tagebuch«, der die Ereignisse des ersten Tagebuchs aus Evas Perspektive schildert, entstand 1904, kurz nach dem Tod seiner Frau Olivia, genannt Livy. Es endet mit der rührenden postumen Liebeserklärung Adams an Evas Grab: »Wo sie war, war das Paradies.« Während der Arbeit an »Evas Tagebuch« schrieb Twain in einem Brief an seinen Schwager: »Ich bin nun ein Landloser. Wo Livy war, war mein Land.«
Jenen, die Mark Twains Englisch lesen können, sei das Original oder, in Kombination mit Andreas Nohls Übersetzung, die ebenfalls bei dtv erschienene zweisprachige Ausgabe ans Herz gelegt – der Lesegenuss ist ungleich reicher. Auch Lester Ralphs unschuldig verträumter Art-Deco-Tuschezeichnungen wegen, auf die in der zweisprachigen Ausgabe zugunsten zeitgenössischer Illus­trationen verzichtet wurde, lohnt es sich, zum bebilderten Original zu greifen. Kaum zu glauben, dass die erste Frau im »Evas­kostüm« seinerzeit die Zensoren auf den Plan rief! Twain nahm es gelassen. Im Brief an einen Freund schrieb er: »Wenn eine Bibliothek mein Buch verbannt, aber eine unzensierte Bibel für Jugendliche und Alte offen zugänglich herumliegen lässt, ärgere ich mich nicht, sondern amüsiere mich über die tiefe Ironie des Unbe­wussten.«

Die Tagebücher von Adam und Eva
Mark Twain
dtv, 2008, 96 Seiten
ISBN 978-3423252935
7,90 Euro

Weiterlesen: Mark Twain: Meine geheime Autobiographie • Robert Crumb: Genesis • Magnus Mills: Zum König!

weitere Artikel aus Ausgabe #27

Photo
von Julia Fuchte

Rotes Grün

Rot braucht Grün braucht Rot Auch ein Dampfer, auf dem perfekte Sozialstandards für alle Passagiere gelten, kann mit voller Kraft auf einen Eisberg zusteuern. Nach dieser Logik ist es fatal, eine gerechtere Wirtschafts- und Eigentumsordnung ohne ökologische Weitsicht umsetzen zu

Photo
Gemeinschaftvon Xenia Richard

Ent-Bindung und Gemeinschaft

Geschichten über Einsamkeit und Überforderung im Wochenbett können viele Mütter erzählen. Ein Kreis von Frauen am Bodensee schreibt eine andere Geschichte.

Photo
Naturvon Sabrina Gundert

Pflanzenpalaver und Vetternwirtschaft

Pflanzen, die miteinander kommunizieren, sich vernetzen und sozial agieren – das ist neu für viele Menschen. Die Wissenschaft betrachtet Pflanzen heute mehrheitlich immer noch als »lebende Automaten«, die ihr genetisches Programm abspulen und nur reflexartig reagieren. Es

Ausgabe #27
Verbundenheit

Cover OYA-Ausgabe 27
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion