enkeltauglich leben

Rotes Grün

von Julia Fuchte, erschienen in Ausgabe #27/2014
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Rot braucht Grün braucht Rot

Auch ein Dampfer, auf dem perfekte Sozialstandards für alle Passagiere gelten, kann mit voller Kraft auf einen Eisberg zusteuern. Nach dieser Logik ist es fatal, eine gerechtere Wirtschafts- und Eigentumsordnung ohne ökologische Weitsicht umsetzen zu wollen. Umgekehrt – so schreibt Hans Thie, Wirtschaftsreferent der Linken im Bundestag – brauche aber auch »sattes Grün kräftiges Rot«. Die ökologische Wende, wenn sie mehr als bloßes Greenwashing werden soll, könne nicht ohne die sozialistischen Prinzipien der Kooperation, der Gleichheit und der Planung gelingen. Das traditionelle Marktmodell sei dafür kein geeigneter Rahmen, verdanke es doch sein Leben nur noch der Abwesenheit überzeugender Alternativen. Globale Herausforderungen wie Klimawandel und »Peak Every­thing« seien nur durch internationale Kooperation lösbar, die universelle Gleichheit erfordere. Die wiederum könne nur mit vorsorgender Planung gelingen.
Mit Kooperation meint Thie den gemeinsamen Einsatz für eine lebenswerte Zukunft, nicht bloß Gerangel darum, das Falsche einzudämmen (etwa durch Emissionsrechte). Gleichheit – ökologisch gesehen – bedeutet: »Du sollst nicht verzehren deines Mitmenschen Lebensbasis.« Ökologische Menschenrechte müssten anerkannt, gemeinschaftlich genutzte Güter demokratisch verwaltet werden – und nur mittels Planung in Form von reformiertem Verkehrs-, Bau-, Agrar-, Energie- und Steuerrecht würde optimaler Wohlstand bei minimalem Ressourcenverbrauch möglich. Das dafür relevante Wissen müsse öffentlich und transparent sein: Klage- und Initiativrechte der Bürger, »Liquid Democracy«, Volksentscheide. Der freie Markt allein könne eine sozial-ökologische Gesellschaft kaum koordinieren – so gelingen der Privatwirtschaft zwar ökoeffiziente Elektroautos, aber keine umfassend nachhaltigen Mobilitätskonzepte.
Der an den drei oben genannten Prinzipien ausgerichteten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entsprächen eine durch Commons organisierte Daseinsvorsorge sowie starke Kommunen mit Bürgermacht. Wissen soll frei werden, denn es ist umso produktiver, je öfter es geteilt wird. Thie plädiert nicht generell gegen Privatwirtschaft und einen Markt, der weiter seine Funktion hätte, sondern gegen den der Wirtschaft inhärenten Wachstumszwang.
Das Buch greift daher viele Ideen aus der Postwachstumsdebatte auf. Mögen hier Kooperation, Gleichheit und Planung sicherlich wichtige Prinzipien sein, fragt man sich jedoch, ob sie nicht spezifiziert werden müssen. »Mehr Gleichheit!« etwa hat, als universelle Parole missverstanden, bekanntlich fatale Konsequenzen. Analog zum Dampferbild stellt sich außerdem die Frage: Verlangt die »Große Zukunfts-Erzählung« nicht noch nach mehr als kräftig-sattes Rotgrün – einen Regenbogen zum Beispiel?

Rotes Grün
Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft
Hans Thie
VSA, 2013, 200 Seiten
ISBN 978-3899655520
16,80 Euro

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