Nicht weit vom Stamm
Der Mensch ist – historisch, psychologisch und biologisch betrachtet – ein »Gemeinschaftstier«. Beim Aufbau neuer Gemeinschaften profitieren wir vermutlich davon, wenn wir sie nach jahrtausendelang bewährten Mustern anlegen.

»Tiere sind meine Freunde, und ich esse meine Freunde nicht«, bekannte vor mehr als hundert Jahren der Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw. Wer jetzt listig fragt: »Und, was ist mit den Feinden?«, der hat noch nie von »Omnipax« gehört, einer originellen Wortschöpfung des Wortakrobaten Ulrich Holbein: die Versöhnung von allem mit jedem. So finden wir auf seiner mit »Omnipax« betitelten Illustration nicht nur das Schaf friedlich mit dem Wolf vereint, sondern auch Scharon und Arafat mit Friedensjoint und »Dschordsch Dabbeljuh Bush« mit der Sprechblase »Mäk Laff nott Wohr«.
In dem fein illustrierten Büchlein aus dem Packpapierverlag werden alle Argumente wider und für den Vegetarismus dargelegt, jede böse Pointe und Widersprüche beider Positionen benannt. Der »aus Mitleid mit der wehrlosen Schöpfung« bekennende Vegetarier Holbein beschreibt sein »frühes Leid am familiären Essenstisch« im Umfeld seiner »blutigen Blutsverwandtschaft«, in der Kaninchen nicht nur gezüchtet, sondern auch eigenhändig geschlachtet wurden und Parolen kursierten wie »Iß mehr Wurscht, damidde was wirscht!«
Da muss einer, der jede Strafe auf sich nahm, um Fliegen vor der heruntersausenden Hand von Vati zu retten, schon mal die liebevoll von Mutti im Kartoffelbrei versteckten »Leichenteile« in der »blumenlosen, mit Papier ausgestopften DDR-Steingutvase auf dem staubfrei polierten Wohnzimmerschrank« verstecken, bevor er wieder nach draußen darf, um für seine Weinbergschnecke Hippy eine »Wohnung aus Steinen, Tannennadeln und Blättern« zu bauen.
Doch just als unser Autor »adoleszierend« seiner Pubertät entstieg, wandelte die bevorstehende Kriegsdienstverweigerung seine Tierliebe in Humanität, und er erwischte sich immer öfter beim »Verzehr von Bratwurst, Jagdwurst, Mortadella und Fischstäbchen«. Die schönste Geschichte ist wohl »die Weltrettung im Forellenhof«, wo er und Busenfreund Ewald bei der Hochzeitsgesellschaft auf die Forellenspeise verzichten und beim hungrigen Weggang das einzig übriggebliebene Forellenpärchen im leergefischten Wasserbecken entdecken: Ewalds Forelle, Ulrichs Forelle. Welch ein Moment: »Tat tvam asi – Wer ein Leben rettet, hat die ganze Welt errettet.«
In einer imaginären Talkshow vereint Holbein Wortführer für und gegen den Vegetarismus, gepaart mit Pazifismus: Da argumentieren Plutarch gegen Friedrich Engels, Tolstoi gegen Günter Grass und Kurt Tucholsky mit Arthur Schopenhauer. Und er erinnert an den Philosophen Friedrich Nietzsche, der, überströmt von Mitgefühl für die gequälte Kreatur, »am Hals des Droschkengauls schluchzte«, während sein Wille zur Macht und sein Übermenschentum dahinschmolzen. Mäk Laff nott Wohr!
Omnipax
Zwischen Obstparadies und Fleischfabrik.
Ulrich Holbein
Packpapierverlag, 2013, 176 Seiten,
mit zahlreichen Bildern & Collagen.
ISBN 978-3931504038
8,00 Euro

Der Mensch ist – historisch, psychologisch und biologisch betrachtet – ein »Gemeinschaftstier«. Beim Aufbau neuer Gemeinschaften profitieren wir vermutlich davon, wenn wir sie nach jahrtausendelang bewährten Mustern anlegen.

Die Welt sollte den Blick auf Kuba richten, denn hier sieht sie gewissermaßen in die Zukunft: Seit 1991 haben die Bewohner der Karibikinsel dank zahlreicher sozialer und technischer Innovationen ein – in diesem Fall vorgezogenes – Peak-Oil-Szenario überstanden, mit dem alle erdölabhängigen Staaten früher oder später konfrontiert sein werden. Wegweisend erscheint insbesondere die landesweite Tendenz zu einer de-industrialisierten Landwirtschaft – ein weltweit einzigartiges Beispiel.

Können Ökodörfer und vergleichbare Gemeinschaften Lebensmodelle anbieten, die auch der breiten Bevölkerung ein ökologisch und sozial nachhaltiges Leben ermöglichen? Wenn ja, wie können sich ihre Ansätze verbreiten?