enkeltauglich leben

Inventing Peace

von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #31/2015
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Am Ende der Gewalt

Die Möglichkeit und Unmöglichkeit des Friedens ist ein zentrales Thema in Wim Wenders’ Filmen. »Noch niemandem ist es gelungen, ein Epos des Friedens anzustimmen«, sinniert Curt Bois in »Der Himmel über Berlin«. »Was ist denn am Frieden«, fragt er weiter, »dass er nicht auf die Dauer begeistert und dass sich von ihm kaum erzählen lässt?« Dieses Dilemma steht auch am Anfang des Gemeinschaftswerks des Autorenfilmers und der Philosophin Mary Zournazi, das unter dem Titel »Inventing Peace« einstweilen leider nur auf Englisch vorliegt.
Als sich Wenders 2003 im australischen Rundfunk zur Invasion der US-Truppen im Irak äußerte, erkannte die Philosophin in ihm einen Geistes­verwandten und lud ihn zu einem Austausch über den Frieden ein. In ihren ­Email-Konversationen, Gesprächen und Textminia­turen erkunden die Autoren friedensstiftende Worte, Bilder, Wahrnehmungsweisen und die dazu nötigen Bedingungen. »Diese«, schreibt das Autorenduo, »sind nicht utopisch und bedürfen keiner idealen Welt – sie sind gegenwärtig und immer da.«
Gewidmet ist das Buch Martin Buber, dessen dialogisches Prinzip und dessen exakte, feierliche Sprache sich wie ein Grundton durch die Kapitel zieht. Die Autoren versuchen nicht, abschließende Antworten zu geben, sondern tragen Fragmente einer Sprache des Friedens zusammen. Auf der Bildebene sind dies neben Fotografien von Wenders Picassos »Guernica«, Standbilder aus Filmen von Robert Bresson und Yasujiro¯ Ozu oder ein Bild des argentinischen Fotografen Sebastião Salgado, den Wenders jüngst in seinem Dokumentarfilm »Das Salz der Erde« porträtierte.
Der Dialog kulminiert buchstäblich in Erschütterung: In der sakralen Leere der Mojave-Wüste beschreiben die Autoren die körperliche Erfahrung der Detonation von Sprengsätzen, gezündet in einer nahegelegenen Militärbasis. Grund zur Verzweiflung gibt auch das Postskriptum aus dem Kongo, wo Wenders für »Ärzte ohne Grenzen« zwei Kurzfilme drehte, die über einen im Buch enthaltenen Zugangscode online abrufbar sind. An dieser Stelle ist man versucht, jede Hoffnung auf den Frieden fahren zu lassen. Und doch klingt das Buch mit einem Hoffnungsschimmer aus – mit der persönlich an die Leser gerichteten Frage, wie Frieden individuell und gemeinsam im Raum zwischen »Du« und »Ich« zu stiften sei. Durch »echtes ­Gespräch« hätte Martin Buber vielleicht erwidert (siehe Oya Ausgabe 30). Dieser in­spirierte Dialog macht einen Anfang.

Inventing Peace
A Dialogue on Perception.
Wim Wenders, Mary Zournazi
I. B. Tauris 2013, 216 Seiten
ISBN 978-1780766935
ca. 20 Euro

Weiterlesen: Martin Buber: Ich und Du • Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien • Sebastião Salgado: Genesis

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