enkeltauglich leben

Tanze wie das Wasser!

In diesem Juni wird wieder weltweit für das Wasser getanzt. Die Global Water Dances
stehen in der Tradition von Rudolf Laban, dem Pionier des Ausdruckstanzes.
von Vivien Beer, erschienen in Ausgabe #32/2015
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© www.schelletter-illustrationen.de

Wie können sich Menschen ­spielerisch und künstlerisch ­politischen und globalen ökologischen Themen ­nähern, sie verbreiten, auf die Bühne bringen? Ließe sich etwa der Tanzimpuls nach ­Rudolf Laban, Pionier des Ausdruckstanzes im 20. Jahrhundert, mit Natur- und Umweltthemen in Verbindung bringen? Diese Frage trieb Karen Bradley um, die im Jahr 2008 als Direktorin des ­Laban/Bartenieff-Instituts in New York wirkte. Um ihr nachzugehen, lud sie damals zu einem Treffen an das Schumacher College in England ein. Während der Tage, die eine kleine Runde von Laban-Bewegten dort verbrachte, regnete es in Strömen. So viel Nass, Tropfen und Geplatsche brachte der Gruppe das Thema Wasser immer näher, und schließlich stand es im Fokus. Wasser als global bedrohte Lebensquelle könnte doch der Kern einer partizipatorischen Aktion werden, die Menschen künstlerisch zusammenbringt und gleichzeitig politisches Bewusstsein schafft – die Idee der »Global Water Dances« war geboren.

Kind der Lebensreform
Auch die Reformbewegungen in der europäischen Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren mit gesellschaftspolitischen Anliegen verbunden. Rudolf ­Laban wirkte während des Ersten Weltkriegs auf dem legendären Monte Verità, einem Zentrum der Lebensreformbewegung, in der so gut wie alle sozialen und ökologischen Themen der heutigen Zeit keimten – von Vegetarismus und Selbstversorgung bis hin zu Frauenrechten und Pazifismus. ­Laban suchte anstelle der starren, festgelegten Formen des klassischen Tanzes nach natürlichen Bewegungsweisen. So wie die Malerei den Weg von der naturalistischen Abbildung zum Expressionismus fand, versuchte auch der Tanz unmittelbar auszudrücken, was die Menschen fühlten. Was ist Bewegung überhaupt? Welche Aspekte hat sie? Was lässt den menschlichen Körper sich auf die eine oder andere Weise bewegen? Solche theoretischen Fragen fanden Eingang in die Tanzszene und gaben dem Ausdruckstanz – auch freier, moderner, expressionistischer Tanz genannt – Geburtshilfe. Paris, als Brennpunkt der avantgardistischen Reformbewegung und Magnet für Kunst- und Kulturreflexion, hatte auch Rudolf Laban im Jahr 1907 in seinen Bann gezogen. Zunächst studierte der gebürtige ­Ungar Architektur und Kunst, widmete sich aber bald ganz den darstellenden Künsten. Seine Schule auf dem Monte Verità genoss bald europaweit Ansehen. Er theoretisierte sein Denken und entwickelte ein System zur Bewegungsanalyse, das seine zahlreichen Schüler international verbreiteten. Heute gibt es weltweit über 25 Laban-Tanzschulen und eine Vielzahl von Aktivistinnen und Aktivisten, die Labans Impulse weiterentwickeln. Genau das tut auch die Global-Water-Dances-Bewegung.

Verbinden und lösen
Es ist das letzte Herbstwochenende mit Sommersonne, als ich im Kunststudio in der Breiten Straße in Berlin Pankow ankomme. Alle zwei Jahre finden globale Tanztage zum Wasser statt; in der Zwischenzeit gibt es ein Koordinatorinnentreffen, bei dem die Choreografien geübt werden, Vergangenes reflektiert wird und Neues entstehen kann. An so einer Vorbereitungsrunde nehme ich heute teil. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen sind dafür aus vielen Ländern angereist: aus den USA, der Schweiz, aus England, Polen, Kroatien und Japan. Unter ihnen sind Psychotherapeuten und Flüchtlingsarbeiterinnen ebenso wie Tänzer, Choreografinnen, Studierende und bildende Künstler. In dem großen, hellen Dachgeschoß sitzen und stehen also ganz unterschiedliche Individuen, die sich – bekleidet mit Gymnastikschuhen und bequemen Stoffhosen – erst einmal aufwärmen und dehnen. Der heutige Samstag soll ganz dem Tanz gewidmet sein, nachdem am Vortag Antja Kennedy, Choreografin, Tänzerin und Mitglied des Global-Water-Dances-Komitees, das Treffen mit einem Vortrag über die Entstehung des Tanzprojekts eingeleitet hat. Wir beginnen zur Einstimmung mit der Choreografie einer Tänzerin aus Polen. Wie bewegen sich Menschen, und wie bewegt sich Wasser? Gibt es in den Antworten gemeinsame Aspekte?
Wasser ist ein verbindendes Element; es löst Stoffe und bringt sie zusammen. In sich selbst schaffen die vielfachen Wasserstoff-Brücken millionenfach immer wieder neue Zusammenschlüsse und lösen sich von alten. Nichts bleibt wie es ist. Lösen und verbinden, lösen und verbinden, schwingendes Fließen. Wasser hat eine hohe Viskosität und bewegt sich deshalb verhältnismäßig langsam und in Mäandern fort – das heißt, es versucht, sich selbst immer wieder aufzuhalten und seine eigenen Wege zu verlängern. Wir Menschen bestehen zu gut 70 Prozent aus Wasser, ähnlich wie unser blauer Planet. So wie das Erdenwasser in Flüssen, Bächen, Seen, Meeren, Gletschern und Wolken immer wieder vergeht und neu nachfließt, kommt auch in unseren Körper jeden Tag neues Wasser und schafft noch nie dagewesene Verbindungen. Es gibt keinen Tag, an dem wir dasselbe Wasser wie am Vortag in uns tragen. Wenn wir aus so viel Flüssigkeit bestehen, warum sollten dann nicht auch unsere Gedanken und Tätigkeiten fließen können – immer wieder anders, so wie die mutigen Wasserstoff-Brücken?
Ich merke, dass ich eine Weile brauche, um meine Bewegungen kommen zu lassen und zu spüren. Vielleicht tanze ich zu selten. Es sieht so wunderbar leicht aus, wie sich die vielen Tänzerinnen und Tänzer um mich herum bewegen. Einige brechen aus den vorgegebenen Bewegungsmustern aus. Eine Frau vor mir beugt sich hinunter, schließt ihre Augen und lässt ihre Hände und Arme immer weiter den Boden hinabrollen. Ihre Bewegungen entstehen jeden Moment neu, aber irgendwie schafft sie es, sich trotzdem nicht von der Gruppe und der Choreografie zu entfernen. Ich versuche das auch. Die große Kunst und Herausforderung für mich ist, mich und die anderen zu spüren. Verbinden und lösen, verbinden und lösen – in mich hineinfühlen, mit den anderen mitfühlen, mich bewegen und die anderen bewegen.

Den Wasserkampf spüren
Die Mittagspause verbringen wir in einem kleinen Café unter den Workshop­räumen. Gegenüber ziehen sich Berlins große Straßen in die Ewigkeit. Kleine Läden, Boutiquen, Menschen, die vorüberziehen, snacken und an ihrer Cola oder ihrem Latte macchiato nippen. Nirgendwo sehe ich klares Wasser. Als wir gegessen ­haben, holen auch wir uns einen Kaffee – wieder kein Wasser. Wir leben in einer Welt, in der Wasser so vielfältig verformt und gemixt wird, dass ich es manchmal vergesse. Aber der Kaffee existiert nur, weil es Wasser gibt. An die Vielfalt der Wasserformen zu denken, hilft mir, als wir uns wieder bewegen. Mein Körper muss nicht unbedingt wie ein schön geschwungener Fluss geschmeidig dahinfließen, er kann sich vielleicht auch an dem Nachtischpudding in meinem Magen orientieren, der jetzt in Richtung Darm wandert, während sich kleine Wassermoleküle in Zeitlupe von der schönen Schokolade trennen. Auch diese Bewegung hat mit Wasser zu tun …
Den Tag über leiten verschiedene Choreografinnen und Choreografen Tänze und Übungen an. Zum Motiv des Wassers lässt sich unerschöpflich tanzen. Wir fließen, tropfen, überfluten, schwemmen weg oder trocknen aus. Wo kein Wasser ist, zerfällt Leben. Zuletzt bewegen wir uns in einem Tanzspiel, bei dem alle jeweils eine Wasserflasche bei sich tragen. Zuerst sind wir froh, eine solche zu besitzen, dann erwacht die Angst: Was wäre ohne Wasser? Wir brauchen es so dringend! Ein Kampf beginnt, wir versuchen, mehr Flaschen zu ergattern, jede Flasche mehr bedeutet mehr Leben. Zum ersten Mal an diesem Tag kann ich körperlich nachfühlen, was ein globaler Wasserkampf bedeuten könnte.

Weltpolitikum Wasser
Maude Barlow, Mitbegründerin des Blue-Planet-Projekts und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, ist eine der engagiertesten Aktivistinnen für das Menschenrecht auf Wasser. Für sie ist die Wasserkrise die wohl größte ökologische und existenzielle Bedrohung der Menschheit überhaupt. Laut Schätzungen des UNO-Weltwasserberichts 2014 haben bis zu 3,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Gleichzeitig wird in Gebieten mit sauberstem Quellwasser das kostbare Nass von Unternehmen wie Nestlé abgepumpt, in Plastik verpackt und an die dort lebenden Menschen verkauft. Die globalisierte Ökonomie macht die Wasserangelegenheit der Erde komplex und die Verteilung für einen Großteil der Menschheit prekär. Die Transformation von Trinkwasser in eine Ware, die Privatisierung der Wasserversorgung und die Verschwendung von Wasser durch Industrien – inbesondere die Agrarindustrie – schaffen gewaltige Probleme. Doch ebensowenig, wie wir heute der wirtschaftlichen Globalisierung entkommen können, entkommen wir einer globalen Verantwortung. Mit jedem Kauf von verpacktem Trinkwasser und Lebensmitteln sind wir in einem gigantischen, vernetzten Weltmarkt eingebunden. Gemäß dem Weltwasserbericht 2014 der UNO wird insbesondere aufgrund von industrieller Fertigung der globale Wasserbedarf im Jahr 2050 um 55 Prozent höher sein als im Jahr 2000. 20 Prozent der weltweiten Grundwasserspeicher sind schon heute bedroht. Die Zahlen sind alarmierender als die über die Erdölressourcen, verkündet selbst Peter Brabeck-Letmathe, Verwaltungsratspräsident von Nestlé – und schlägt aus der Knappheit Kapital. Wasser ist längst wertvoller und knapper als Erdöl.

Wer tanzt mit?
Auf dem Laban-Regentreffen in England hatte die Teilnehmerin Marylee Hardenbergh ein Video über das Tanzprojekt »One River ­Mississippi« gezeigt. An über zehn verschiedenen Orten hatten Menschen am Fluß zeitgleich zu derselben Musik getanzt. Das war für alle damaligen Regentänzerinnen und -tänzer die Inspiration für die Ausgestaltung der Global Water Dances. Innerhalb einer global abgestimmten Choreografie sollte es auch einen lokalen, individuell gestalteten Part geben. Wasser fließt nirgendwo exakt gleich, und schließlich hat auch jede Choreografin und jeder Tänzer einen eigenen Stil. Als dann 2011 die ersten globalen Wassertänze stattfanden, waren gleich 60 Orte dabei; dieses Jahr, am 20. Juni 2015, sollen es über 70 sein. Die Tänze beginnen im pazifischen Raum in Sydney und ziehen sich westwärts über die Kontinente bis nach Mexico City. Wer Lust hat, kann mitmachen, auch ohne tänzerisches Vorwissen. Meist wird nahe dem Wasser getanzt, an Häfen, Flüssen, Bächen, Seen, dem Meer, Brunnen oder Quellen. Neben Tänzern und Freiwilligen nehmen auch Umweltorganisationen und -aktivisten teil. Alle sind dazu eingeladen, mit ihrer Tanzperformance gesellschaftliche Resonanz für den ­Lebenssaft der Erde zu wecken. •


Vivien Beer (24) studiert neben anthroposophischer Meditationsschulung Ethnologie und Soziologie in Heidelberg. Sie bildet sich zudem in Landwirtschaft und Permakultur fort.

Wässrig in Bewegung kommen:
Internet
www.globalwaterdances.org
www.laban-eurolab.org
Literatur
Maude Barlow: Die Wasser-Allmende. Eine gute Zukunft braucht gutes Wasser für alle. think Oya, 2013

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