Eine Andere Welt
Das Gelände eines ehemaligen Telekommunikationszentrums der DDR in Strausberg verwandelt sich in ein Gemeingut.

Die Dichter kehren wieder. Ich weiß es genau. Bin ich doch vor wenigen Jahren Georg Trakl (1887–1914) im Zug gegenübergesessen und habe W. G. Sebald (1944–2001) auf einer Berghütte getroffen. Manchem Literaten ist nicht nur eine Wiederkehr, sondern eine regelrechte Wiedergeburt beschieden. So geschehen im Fall des walisischen Dichters Dylan Thomas (1914–1953), der nur ein knappes Jahr nach seinem Tod in New York das Licht der Welt in Stralsund wiedererblickte. Diesmal sollte er nicht Dylan, sondern Peter, nicht Thomas, sondern Runkel heißen. Als dieser als Vierzehnjähriger eine Aufnahme von Dylan Thomas im Radio hörte, erkannte er sich in einer Art Erweckungserlebnis als dessen Seelenzwilling: »Ich bin du. / Du bist ich.« Vier Jahrzehnte später schrieb Peter, der inzwischen Wawerzinek heißt, eine Hommage an den Dichterzwilling, die im vergangenen Herbst, pünktlich zu Thomas’ 100. und Wawerzineks 60. Geburtstag, als bibliophiles Doppelportrait erschienen ist.
»ICH DYL AN ICH« ist ein poetischer, persönlicher Reisebericht auf den Spuren des eigenen und des andern Ich. Es ist nicht nur eine Liebeserklärung an den geistesverwandten Dichter, sondern auch an die walisische Landschaft, die in Wawerzineks Prosa mit dessen eigenen biografischen und seelischen Landschaften verschmilzt: Wir folgen ihm in die torfigen Grün-, Braun- und Gelbtöne der walisischen Hügel, von denen er schon als Kind in Mecklenburg träumte, schwingen uns mit ihm auf in die möwenbestirnten Himmel über Laugharne und Rostock, um kurz darauf in die von Bier und Whisky geschwängerte Atmosphäre einschlägiger Pubs zwischen Swansea und Greenwich Village zu sacken.
Mit raubeinigem Charme besingt der Autor den Dichterbruder und führt dem Leser frappierende Ähnlichkeiten vor Augen: In Statur, Gemüt, Leidenschaften und sogar der von Singsang durchzogenen Vortragsweise gleichen sie einander zwar nicht wie ein Ei dem anderen – dazu sind beide zu sehr Originale –, aber doch wie Seelenverwandte, deren Werk an eine bardische, bänkelsängerische literarische Tradition anknüpft, die sich aus der regionalen Landschaft speist und am besten laut zu lesen ist.
Das durch Linolschnitte des kürzlich verstorbenen Künstlers Schoko Casana Rosso illustrierte Bändchen ist ein berührendes Zeugnis einer innigen Dichterfreundschaft über das Leben hinaus: »And Death shall have no dominion« – »Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben«.
ICH DYLAN ICH
Peter Wawerzinek
Corvinus Presse, 2014, 32 Seiten
ISBN 978-3942280303
20,00 Euro
Weiterlesen: Dylan Thomas: Porträt des Künstlers als junger Hund • Peter Wawerzinek: Schluckspecht

Das Gelände eines ehemaligen Telekommunikationszentrums der DDR in Strausberg verwandelt sich in ein Gemeingut.

Die zarten Finger der zierlichen Japanerin zielen auf die Tasten. Konzentriert ihr Blick, verzaubernd ihr Spiel. Plötzlich: Eine andere Frauengestalt kriecht heran, sinnlich, in einer milchigen Schlangenhaut, will die Klaviatur erobern, wenn es nicht anders geht, mit den Füßen. Die Japanerin spielt weiter, wehrt sich mit hohen Tönen; das fremde Wesen greift, klammert, es kommt zum Gerangel; aus dem Klavier tönt der Soundtrack zum Duell. Finale. Applaus.

Wie ließe sich das Leben der Obdachlosen in Wien erleichtern? Zu dieser Frage hatte der Kulturwissenschaftler Wolfgang Zinggl im Jahr 1993 sieben Künstlerinnen und Künstler in das ehrwürdige Ausstellungsgebäude der »Wiener Secession« eingeladen. Der Platz