enkeltauglich leben

Federn, Bilder, Bäume

Überall können Orte der Poesie entstehen.von Sara Mierzwa, erschienen in Ausgabe #32/2015
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© Privat

Auf einer Verkehrsinsel in Sardinien, umgeben von Autos, Ampeln und Zebrastreifen, steht eine Palme. Christine und eine Freundin schmücken sie mit Bildern, Gedichten und Federn. Eine Frau und ihre kleine Tochter bleiben stehen. Die Mutter vertieft sich selbstvergessen in die Bilder, während das Mädchen zwischen den an Fäden herabhängenden Federn hindurchläuft. Schon ist ein Ort des Innehaltens entstanden.

Bei einer Ausbildung in körperorientierter Psychotherapie vor vier Jahren kam Christine unter einem Apfelbaum die Idee zu dieser Form der Installation. Sie arbeitet mit Freunden zusammen und bezieht auch vorbeigehende Passanten ein: »Fällt Ihnen etwas ein zu der Frage ›Was nehme ich im Leben mit, was lasse ich los?‹?« – Mit solchen Themen wendet sie sich an Menschen, die sie neugierig bestaunen. Sie lädt sie ein, aus mitgebrachten Fotografien ein Bild auszuwählen, selbst etwas auf die Rückseite zu schreiben, und es aufzuhängen. Bei einer »PoeTree«-Aktion folgt Christine einem immer ähnlichen Ablauf. Zuerst findet sie »­einen schönen Fleck«: Der Baum muss gut erreichbare Äste haben. Oft arbeitet sie mit Obstbäumen, im Winter versucht sie sich mit kalten Fingern an Nadelbäumen.Dann breitet sie ausgedruckte Fotografien auf dem Rasen aus. Darauf werden lyrische Texte oder Zitate geschrieben – mitgebrachte ebenso wie spontan erfundene.
Die Fotos der Frankfurterin entstehen beim Spazierengehen an den Flüssen Main und Nidda. Sie mag abstrakte Bilder, die dem Betrachter Raum für eigene Assoziationen lassen: Kleidung, Straßenzüge, Spiegelungen und verwischte Naturaufnahmen. Mit Wäscheklammern und pinken Wollfäden bringt sie die Bilder am Baum an. Ganz wichtig dabei sind die rosafarbenen Federn als Erkennungszeichen eines PoeTree. Meist sind die Fotos schnell weg, der Wind oder Menschen nehmen sie mit. Nach ein paar Wochen kehrt Christine zurück und »entschmückt« den Baum wieder.
»Der Baum bietet eine öffentliche Ausstellungsfläche jenseits der klassischen Museen«, erklärt Christine. Kunst soll ihrer Meinung nach nicht etwas rein Intellektuelles, sondern etwas für alle Menschen Offenes sein. »Wenn Menschen sich authentisch selbst ausdrücken und dabei ihre Lebenserfahrung einbringen, erleben sie im eigenen Tun eine große, transformative Kraft.« Schönheit im öffentlichen Raum zu schaffen, ist für sie ein wichtiger Gegenpol zur Werbung. Ein PoeTree will Menschen mit sich selbst in Verbindung bringen, denn »sobald sie sich als selbstwirksam erfahren, kommen sie aus der Konsum-Spirale heraus«, sagt Christine überzeugt.
Die PoeTrees haben Christine selbst verändert. Heute ist es ihr egal, was andere Leute darüber denken, wenn sie im Park einen Baum schmückt. In diesem Sommer wird sie die Idee auch als Workshop anbieten, um einen kreativen Zugang zu ökologischen Themen zu eröffnen und zu neuen Denkweisen anzuregen. Sie hat gute Erfahrungen damit gesammelt, über Wortspiele auch Menschen zur Gestaltung anzuregen, die sich selbst als unkreativ einschätzten. Die Grundfragen sind für sie stets: Was ist mir wichtig? Was möchte ich verändern? Um das Schmücken als co-kreative Praxis zu erfahren, sind aus ihrer Sicht Erfahrungen damit hilfreich, wie in einem kreativen Fluss Tiefe und Intensität entstehen. Es genüge nicht, zu sagen: »Komm, wir dekorieren einen Baum mit Text und Bild.« Die Kunst liege im Prozess selbst, in der Verbindung der Mitwirkenden zueinander und zu einem Baum mit all seiner Schönheit, Eigenheit und Lebendigkeit. • 

www.poetrees.org

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