enkeltauglich leben

Filmen im Rhythmus der Schildkröte

Michael Endes Roman »Momo« wirkt bis heute nach.von Leonie Sontheimer, erschienen in Ausgabe #32/2015
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© Leonie Sontheimer

Ganz unterschiedliche Menschen lockt es an einem Freitagabend im März ins »Sharehaus« in Berlin-Kreuzberg. Auf einer Tafel vor der Tür ist die abendliche Veranstaltung angekündigt: »40 Jahre Momo. Filmvorführung und Gespräch.«

»Ich hatte Momo fast vergessen«, erzählt einer der Besucher in der kleinen Galerie, die heute zum Kinosaal umfunktioniert wurde. Gut vierzig Jahre ist mittlerweile Michael Endes weltbekannte Geschichte über die kleine Momo und die grauen Herren, die durch ihre Zeitgier die Menschheit bedrohen. Im Hintergrund der Erzählung steht eine Kritik am Geldsystem, das der Autor für die Krisen moderner Gesellschaften (mit-)verantwortlich macht. Diese Kritik haben die Filmschaffenden Hanni Welter, Masayo Oda und Oliver Sachs in einem halbstündigen Kurzfilm aufgegriffen. Ihre Interviews mit Menschen aus Endes nahem Umfeld zeigen, wie viel Wertvolles für den Postwachstums-Diskurs in der oft als bloßes Märchen verstandenen Geschichte steckt. Ihr Kurzfilm ist der erste Schritt auf dem Weg zu einem internationalen Dokumentarfilm über all die Themen, die Michael Ende in »Momo« versammelt hat: Geld, Zeit und die Fähigkeit des tiefen Zuhörens. Der Film soll dem gesellschaftlichen Gespräch über Geld eine breite Öffentlichkeit verschaffen – mit berührenden Geschichten statt mit Zahlenkolonnen und Formeln.
»Wir probieren die Veränderungen, die wir bewirken möchten, bereits in unserer kleinen Film-Gemeinschaft aus«, erzählt Hanni und erklärt den Zuschauern, wie sie ihr Projekt komplementär finanzieren: Viele Schenkungen und eine Schwarmfinanzierung sollen die Kosten decken, wozu auch ein gemeinsames ­Grundeinkommen des Filmteams gehört. Hanni und die anderen verbindet eine Vision, die sie in ausführlichen Gemeinschaftsprozessen pflegen. Dies führte sie immer wieder zu der Erkenntnis, dass ein erster Schritt in eine Postwachs­tumsgesellschaft das ausführliche, empathische Zu­hören ist – jene Fähigkeit, die Momo so ­besonders macht. Diese Qualität ermöglicht es dem Team, Konflikte auszustehen, die in allen Arbeitsverhältnissen vorkommen, gewöhnlich aber durch das gemeinsame Interesse »Geld« gedeckelt werden. Selbst Telefonkonferenzen zwischen Berlin und München werden mit einer Übung des tiefen Zuhörens begonnen, die sie vom beschleunigten Alltag ablöst.
Auf der Suche nach einem Publikumsgespräch, das tiefer geht als das übliche Frage-Antwort-Spiel, haben sie sich für eine Kommunikationsmethode entschieden, für die der Saal nach dem Film zu einem geschmückten Raum mit Stuhlkreis umgebaut wird. Die Psychologin und Kunsttherapeutin Katja Rück, eine Freundin des Momo-Filmprojekts, leitet das »Council« (engl.: Rat) an. In der Hand hält sie eine kleine Schildkröte aus Ton – der heutige Rede-»Stab«, der gleich herumgegeben wird. »Beim Council versuchen wir, mit dem Herzen zuzuhören – wirklich, wirklich zuzuhören«, empfiehlt Katja. Dazu gehöre auch, sich keine Gedanken darüber zu machen, was man gleich sagen wird, wenn einen die Schildkröte erreicht – eine schwierige Aufgabe in einer Runde von gut 35 Menschen, die sich nicht kennen. Doch Katja und Hanni haben gelernt, auf die Gruppe zu vertrauen. »Wir erleben bei jeder Vorführung, dass Michael Endes Geschichte eine Kraft hat, die die Menschen verbindet«, erzählt Hanni. Im Council wird immer wieder auf die kleine Heldin aus dem Roman Bezug genommen, und es wird ganz deutlich: Momo öffnet die Herzen! • 

www.40jahremomo.de

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