enkeltauglich leben

Verbindung durch zielfreie ­Begegnung

Martina Schäfer sprach mit Almuth Strehlow über den gemeinschaftsstiftenden Wert von künstlerischen Begegnungen, die ohne Ergebnisdruck initiiert werden. von Martina Schäfer, Almuth Strehlow, erschienen in Ausgabe #32/2015
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© Bernhard Rüffert

Almuth, du leitest die Schule für Sozial­wesen im Anthroposophischen Zentrum Kassel und arbeitest mit engagierten, angehenden Pädagogen. Ich frage mich oft: Wie können Menschen, die sich für den gesellschaftlichen Wandel einsetzen, auf einer tiefen Ebene miteinander in Kontakt kommen, so dass sie sich nicht nur Meinungen austauschen, sondern sich inspirieren?

Dazu möchte ich zum Beispiel von unserer letzten Tagung zur sozialen Plastik hier im Anthroposophischen Zentrum, die wir zusammen mit Wolfgang Zumdick und in Kooperation mit »Transition Town Kassel« durchgeführt haben, erzählen. Die Tagung stand unter dem Motto »Was heißt lebendiges Denken – die soziale Plastik«. Wolfgang, der Philosoph und Joseph-Beuys-Experte, hat zum Vorgang des »Durchbruchs« – dem Moment, in dem sich ein neuer, schöpferischer Gedanke seine Bahn bricht – einen Vortrag gehalten: Damit das gelingt, kommt es darauf an, dass ich mir nicht zielorientiert etwas Bestimmtes vornehme, sondern mich in eine Situation hineinbegebe, ohne vorher zu wissen, was dabei herauskommt.

Ist es deiner Erfahrung nach auch möglich, bei Veranstaltungen mit diesem Prinzip zu arbeiten? Du gibst einen Impuls, lässt aber offen, wohin sich der Prozess entwickelt?

Ja. Das zu beobachten, war eben auch bei der Tagung sehr interessant. Nach Wolfgangs Vortrag haben alle erzählt, welche Bilder während des Zuhörens in ihnen aufgetaucht sind und was sie dabei bewegt hat. An zwei, drei Gesichtern habe ich gesehen, dass sie sich bisher mehr Erklärung und mehr Zielorientiertheit gewünscht hätten. Aber ich habe am Anfang gesagt, dass jede und jeder von uns für den Prozess der Veranstaltung mitverantwortlich sei. Ich bin nicht die Leitung, sondern gebe nur den Anstoß. Wir sind in der Runde immer mehr zu einem gemeinschaftlichen Gestalten aus dem Augenblick heraus gekommen. Der Raum, der zwischen uns entstanden ist, wurde immer dichter, und sehr persönliche Schilderungen tauchten auf.

Meine Erfahrung mit Gruppen ist, dass ein Dialog leichter gelingt, wenn wir zuvor mit Körperarbeit zum inneren Spüren einladen. Habt ihr etwas Ähnliches gemacht?

Ja, Übungen zur Körperwahrnehmung gehörten auch dazu. Wir haben uns dabei Fragen gewidmet wie: Wo ist meine Grenze? Wo bin ich gerade? Wie geht es mir im Moment? Dann sind wir miteinander in das künstlerische Arbeiten gegangen. Ich hatte eine riesige Wanne Ton mitgebracht. Gruppen von jeweils drei bis vier Menschen haben sich etwas vom Ton genommen und ihn miteinander mit geschlossenen Augen schweigend bearbeitet. Es gab kein Thema, und keiner wusste, wie lange das Ganze dauern sollte. In der Reflexion ging es vor allem um die unterschiedlichen Qualitäten, die sich im Miteinander der einzelnen in den Kleingruppen ausgeprägt hatten. Sie ließen sich gut an den Tonplastiken ablesen. In einer Gruppe hatte zum Beispiel jeder an einer Ecke seine eigene Höhle gestaltet, so dass nicht viel Wahrnehmung füreinander zu erkennen war. In einer anderen ist eine energetisch kraftvoll wirkende Plastik als Einheit entstanden.
Die Mitglieder dieser Gruppe erzählten anschließend, wie sich der Prozess für sie angefühlt hatte: selbst einen Impuls geben; spüren, dass dieser von den anderen wahrgenommen wird; wiederum die Impulse der anderen spüren und sich selbst zurücknehmen. Die Beteiligten wechselten auch die Perspektiven, indem sie immer wieder einen anderen Platz einnahmen. Ohne sich viel abgesprochen zu haben, brachten sie sich gegenseitig in Bewegung. Dieser Wechsel scheint mir so wichtig – dass ich die Perspektive eines anderen einnehme, über welche Sinneskanäle auch immer.

Das erfordert eine feine Sensibilität. Wie kann deiner Erfahrung nach solche Wahrnehmungsfähigkeit geschult werden?

Jegliche Form von Kunst ist dafür ein geeignetes Übungsmittel. Manchmal, wenn wir in der Klasse der Erzieherausbildung zum Beispiel anfangen, ein Bild zu malen, sage ich zu den Studierenden: »Wer jetzt mutig ist, tauscht mal den Platz mit einem anderen und versucht, in dessen Anfang weiterzumalen – und dabei nicht etwas ›Eigenes‹ hineinzudrücken, sondern den bestehenden Impuls aufzugreifen und weiterzuführen. Was wollen mir die Farben, die dort angelegt sind, sagen?«

Ich denke noch über die Situation nach, in der die Tonplastiken in den kleinen Gruppen ohne Anleitung entstanden sind. Woran merkst du, dass eine Gruppe zusammenfindet, dass zwischen den Beteiligten ein kohärentes Feld entsteht?

Mit meinen äußeren Augen sehe ich das freilich nicht. Es ist eher eine Empfindung, die in meiner Herzgegend stattfindet. Dieses Feld, das zwischen den Menschen entsteht – »inter esse« heißt ja »dazwischen sein« – kann als dichte Atmosphäre spürbar werden. Wenn ich von mir absehe und intensives »Inter-esse« habe für diesen Prozess, der zwischen den Menschen stattfindet, dann kann ich die Qualität ihres Zusammenspiels spüren und nachvollziehen. Als Mensch, der seine Wahrnehmung gerne in Farben übersetzt, könnte ich diese Qualität vielleicht als harmonischen Farbbogen zwischen den Menschen oder als farbige ­Zacken, die aneinander knallen, beschreiben. Selbstverständlich muss ich zulassen, dass jemand anderes vielleicht eine unterschiedliche Wahrnehmung hat und den Prozess in eine ganz andere Richtung bringt. Dann begegne ich meiner eigenen Vorstellung, meiner eigenen »Doch-Erwartung« – obwohl ich vielleicht meinte, ich hätte sie bereits weggelassen.

Das Loslassen ist ja die große Kunst beim Begleiten oder Leiten eines Prozesses: wirklich zu fühlen, was jetzt dran ist, was zum Vorschein kommen möchte. Es geht darum, immer wieder die Vorstellung, dass ich weiß, was richtig ist, loszulassen. Auch das hat mit dem »Inter-esse« zu tun – wirkliches Interesse am anderen zu haben und an dem, was ich noch nicht weiß.

Ich habe oft den Eindruck, dass die jungen Leute und die Kinder mir die Zukunft entgegentragen und ich schon ganz viel Vergangenheit in mir trage. Diese Vergangenheit muss ich immer wieder loslassen, um dem Neuen Raum zu geben. Das ist – glaube ich – auch das Anliegen von Transition-Town-Initiativen in vielen Bereichen. Wann schaffen wir es, die alten Formen loszulassen? Denn Ideen, es anders zu gestalten, gibt es ja!

Es gibt bei Transition Town Kassel zum ­Beispiel eine Initiative, die sich »Kraft der Kooperation« nennt. Zu ihren Treffen kamen bisher um die 30 Menschen aus verschiedenen Organisationen zusammen. Sie wollten herausfinden, wie sie ihre Zusammenarbeit fruchtbarer gestalten können – nicht nur auf der sachlichen, sondern auch auf der menschlichen Ebene.

In solchen Zusammenhängen scheint es mir wichtig, dass niederschwellige Wege, entstehen, um die Menschen in Kontakt zu bringen. Unsere Picknick-Decke zum Beispiel ist dafür ein gutes Werkzeug. Letzten September habe ich mit den Studierenden einen Projekttag unter dem Motto »Fairteilen« organisiert. Wir haben viele Lebens-mittel, die sonst in den Müll geworfen worden wären, gesammelt und damit in der Fußgängerzone auf unserer langen Picknick-Decke eine leckere Mahlzeit aufgebaut. Dann haben wir Obdachlose eingeladen, mit uns gemeinsam zu essen, und haben uns dabei mit ihnen über ihre Lebenswege unterhalten.
Das Picknick war eine Augenweide! Die Ästhetik spielt für mich ja auch immer eine wichtige Rolle. Das Gespräch am Tisch, die Tafelrunde, das Miteinander-Essen hat etwas ganz Verbindendes. Da begegnet man eigentlich jedem auf Augenhöhe.

Ja, essen müssen wir alle! Und zwischenmenschlicher Kontakt und Wärme entstehen bei einem solchen Essen auch, das ist auch nährend.

Einer von den Obdachlosen stand die ganze Zeit etwas außerhalb. Ich ging zu ihm und wollte ihm etwas zu essen bringen. Da sagte er, er wäre schon vom Anblick satt geworden. Das fand ich sehr berührend.

Wir haben jetzt darüber gesprochen, wie Kommunikation und Begegnung gelingen. Aber was steht dem im Weg? Oft gerät eine Diskussion durch Rechthaberei in eine Sackgasse. Wie lässt sich das vermeiden und das »Inter-esse« am anderen stärken? Könnte man nicht etwa als Regel vereinbaren, dass eine Runde sich für eine Minute Stille entscheidet, wenn irgend­jemand im Raum das Gefühl hat, es wird eng?

Dafür ist der Mut wichtig, »Stopp« zu sagen. Neulich war in einer Studentengruppe, die einen Elternabend vorbereitete, so eine Spannung. Ich habe vorgeschlagen, dass wir unterbrechen und uns in einer Befindlichkeitsrunde der Frage »Wie geht es mir?« widmen. Hinterher haben mir die Beteiligten gesagt: »Das war, als hätten wir den ganzen Raum umgekehrt!« So etwas geschieht, wenn wir unseren Innenraum wieder befreien. Innerlich sind Menschen so oft von ihren unterdrückten Gefühlen besetzt. Das hängt auch mit der Art der heutigen Bildung zusammen. Kindern wird oft gesagt, wie sie fühlen sollen, anstatt sie zu ermutigen, das wahrzunehmen, was sie spüren: »Ja, das hat dir wehgetan?«

Kehren wir noch einmal zu der Gruppe zurück, die ihre Tonfigur nur an der jeweils eigenen Ecke gestaltet hat: Was hat sie am gemeinschaftlichen Tun gehindert?

Vielleicht die Angst davor, Körperkontakt zuzulassen. Es ist schlimm, wenn aus Angst vor Übergriffigkeit Berührung vermieden wird, dabei ist sie die Voraussetzung für Verbindung und Beziehung. In Deutschland sind wir so berührungslos. In Südamerika sehe ich, dass die Menschen einander dauernd berühren, das tut gut.
Ein weiteres Hindernis ist, dass unsere Gesellschaft permanent auf Perfektionismus aus ist. Ich versuche immer, den Studenten klarzumachen: Perfekt ist eine Vergangenheitsform! Wenn etwas perfekt ist, kann ich eigentlich in die Kiste hüpfen und den Deckel schließen. Erst das Unperfekte macht die Welt doch verlockend! Dann habe ich die Chance, etwas zu erleben, ­weiterzumachen, etwas auszuprobieren. Das Explorationsverhalten, das ein kleines Kind hat, können auch wir Erwachsenen uns ­bewahren!

Können wir noch einmal über den Zauber sprechen, der entstehen kann, wenn dieses freie Experimentieren beginnt? Am Anfang unseres Gesprächs, als du von der gemeinsam gestalteten Tonplastik erzählt hast, war er für mich spürbar – auch im Leuchten in deinen Augen. Wahrscheinlich lässt sich dieser Zauber nicht absichtlich »machen«, sondern ist ein Geschenk, das pötzlich ­gegeben wird.

Dafür muss ich Raum lassen können – ­einen inneren Freiraum. Hildegard Kurt (siehe Seite 34) spricht immer von einem »inneren Atelier«. Die Türen dazu zu öffnen, kann geübt werden. Ganz sicher öffnen sie sich nicht, wenn ich dauernd einen festen Programmablauf im Kopf habe.

Oder wenn ich ständig darauf bedacht bin, alles richtig zu machen. Wichtig ist – glaube ich – dieses Gefühl von: Ich bin grundsätzlich angenommen in meinem So-Sein und mit dem, was ich sage.

So ein Zauber stellt sich für mich oft ein, deswegen arbeite ich auch so gerne mit Menschen. Er ist das Geschenk der Begegnung. Das ist ja auch das, was Joseph Beuys mit seinem Ausspruch »Die Kommunion findet am Bahnhof statt!« meint. Was zwischen uns passiert, ist das Wesentliche.

Auf dem Weg zu unserem Treffen habe ich noch einmal das Beuys-Zitat »das Atelier ist zwischen den Menschen« gelesen. Das drückt auch diesen Zauber aus.

Es kann aber erst entstehen, wenn ich in mir selbst, in meinem eigenen Atelier, zu Hause bin. Vielen Menschen wurde es als Kind verwehrt, ihre schöpferische Kraft freizulassen – dann bedeutet es Arbeit, dieses innere Atelier auszubilden. Aber es ist jederzeit möglich! Fühle ich mich sicher in meinem Atelier, kann ich die Türen öffnen, so dass es – wie Beuys schreibt – zwischen mir und einem anderen entstehen kan.

Ja, ich kann mich dann ohne Gefahr dem anderen wirklich zuwenden.
Vor dem Hintergrund von all dem, wo­rüber wir bisher gesprochen haben – hast du eine Idee, wie zwischen den verschiedenen Gruppen hier in Kassel – die Transition-Town-Initiative, das Projekt »Essbare Stadt«, das Anthroposophische Zentrum, Vorhaben direkt von der Stadt Kassel – Brücken gebaut werden könnten, so dass ein gelingender Dialog stattfinden kann?


Zentral scheint mir, dass alle versuchen, die anderen an dem teilhaben zu lassen, was ihnen selbst wichtig ist. Im November zum Beispiel wollen wir unser Zentrum öffnen, um Dialogräume zu schaffen. Es soll darum gehen, gemeinsam etwas zu erleben und aus diesem Gemeinsamen in ein Gespräch zu kommen – ohne ein konkretes Ziel. Durch persönliche Begegnung kann etwas Verbindendes wachsen.

Das gemeinsame Erlebnis ist dann die ­Basis, um sich auszutauschen, innezuhalten, sich gegenseitig zu inspirieren …

… und um in das Fremde hineinzuschauen! Ich fahre jetzt mit drei Frauen in die Türkei, um verschiedene Sufis und Imame zu besuchen und zu hören, was sie bewegt. Die Medien geben nur einen gefilterten Ausschnitt wieder, der mit der Realität dort gar nichts zu tun hat. Sich selbst ein Bild zu machen, ist wichtig. In Bezug auf die heutige Pädagogik habe ich da große Sorge, weil durch die Bildungspläne und -verordnungen, durch die Vorgabe, »das Kind schulfähig zu machen«, den jungen Menschen die Neugier und die Freude abgewöhnt werden. Sie müssen sich dauernd Antworten auf Fragen anhören, die sie nie gestellt haben. Was sie wirklich interessiert, zählt nur wenig. Um das zu verändern, bin ich jeden Tag hier.

Damit wünsche ich dir gutes Gelingen! Hab vielen Dank für das intensive Gespräch. •

 

Almuth Strehlow (55), Erzieherin mit Zusatz­qualifikation in Psychomotorik und künstle­ri­scher Therapie MA, ist seit 1992 Dozentin am Rudolf-Steiner-Institut in Kassel.

Martina Schäfer (36), Kulturpädagogin, übt und lehrt die Kunst der Berührung durch Wort, Klang und Körper. Ihr besonderes Interesse gilt derzeit der sozialen Plastik.


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www.steiner-institut.de
www.ttkassel.de

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