enkeltauglich leben

Altes neues Handwerk

Sabrina Lorch sprach mit dem Stellmacher
Theo ­Malchus über seinen Weg zu einem Gewerbe, das es amtlicherseits nicht mehr gibt.
von Lorch Sabrina, erschienen in Ausgabe #33/2015
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© Die Drei/Siebeli

»Früher wurden die Stellmacher immer dann gebraucht, wenn es um Mobilität ging«, klärt mich Theo Malchus auf. In diesem Beruf fanden im Mittelalter die Tätigkeit des Wagners, der Gestelle für Fahrzeuge fertigte, und diejenige des Rademachers, der Holzräder baute, zusammen. Stellmacher galten als die Ingenieure des Mittelalters; sie waren verantwortlich für die Konstruktion von Kutschen, Karren, Acker- und Streitwägen. Selbst im Eisenbahnbau des 19. Jahrhunderts waren die Fertigkeiten der Stellmacher für den Waggonbau noch gefragt, ebenso wie in der aufkommenden Automobilindustrie. Bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts bauten Stellmacher die Karosserien für Personen- und Lastwagen, doch später ersetzte industrielle Fließbandproduktion die aufwendige Holzhandarbeit. Im Jahr 1965 schließlich verschwand die Stellmacherei durch eine neue Handwerksordnung von der Liste der möglichen Ausbildungsberufe. Wo konnte ein Experte wie Theo Malchus dann sein Handwerk lernen? Warum hat es ihn in seinen Bann gezogen?

Ende der 1980er Jahre bastelte der junge Kunststoffmechaniker Malchus mit einem Freund am hölzernen Fahrerhaus eines alten Lastwagens. Die Konstruktionsweise von Oldtimern faszinierte ihn, und die Arbeit mit Holz machte ihm weitaus mehr Vergnügen als sein Brotberuf. Dem blieb er allerdings noch ein paar Jahre treu. »Erst Mitte der 90er Jahre kam eine Zeit, in der ich mein Leben ändern wollte«, erzählt Theo Malchus. »Ich wollte nicht nur als Hobby, sondern auch beruflich etwas tun, das mir Freude macht.« Aus dem Basteln wurde nun ernsthafte Forschung. Theo Malchus begann in der Braunschweiger Universitätsbibliothek zu recherchieren und sammelte Literatur sowie Zeichnungen rund um das alte Handwerk des Stellmachers. Im Internet ersteigerte er Originalaufzeichnungen, und entsprechend vorbereitet machte er sich auf die Suche nach Menschen, die die Stellmacherei noch ausgeübt hatten. »So bin ich auf alte Handwerker gestoßen, die heute gar nicht mehr leben. Sie haben ihr Wissen gerne mit mir geteilt. Nachdem sie Vertrauen in mein Interesse gefasst hatten, waren sie sogar bereit, mir ihre alten Maschinen für die Werkstatt zur Verfügung zu stellen.« Stolz zeigt er mir einige der Prachtstücke, die heute kaum noch zu finden sind. »Ich liebe alte Sachen!« Eine der Maschinen hat er auf Grundlage alter Zeichnungen selbst konstruiert. Mit Hilfe einer Seilkonstruktion kann sie Holz biegen. Vorher wird es plastifiziert – mit Wasserdampf weichgekocht –, dann eingespannt und in die gewünschte Form gebracht. Derart bearbeitetes Holz sei wesentlich stabiler als verschraubtes, erklärt Theo Malchus.
 

Selbst zum Hüter einer Tradition werden
Mit der Zeit hat er sich die Fähigkeit angeeignet, Oldtimer und alte Wagen aller Art originalgetreu nachzubauen. Einige Male drohte er an der Komplexität der zu restaurierenden Objekte zu scheitern, doch letztlich fand er anhand alter Aufzeichnungen immer einen Weg. Die Fertigung von Ausstellungsstücken für Museen, wie traditionelle Laufräder, oder aufwendige Karosseriearbeiten für Oldtimer-Enthusiasten bedeuten präzise Millimeterarbeit. Der Neubau von Fahrzeugen bietet wiederum Freiraum für die eigene Kreativität. Auch ein noch nie dagewesenes, verrücktes Holzgefährt würden »Die Drei« mit vereinten Kräften umsetzen. Teamarbeit ist ihnen wichtig. »Uns ist auch daran gelegen, dass das Wissen um die Fähigkeiten des Stellmachers weitergegeben wird«, betont Theo Malchus, und so gibt es im Betrieb auch eine Auszubildende, die sich bereits im Wagenbau versucht. Mit Blick auf die vergangenen zwanzig Jahre ist Theo Malchus froh darüber, dass er damals dem Wunsch, ein Handwerk auszuüben, nachgegeben hat. Auch wenn er es nicht romantisieren will, da es an seinem Arbeitsplatz meist laut und staubig ist, weiß er genau, weshalb der aussterbende Beruf des Stellmachers von Interesse ist: »Das hat ganz viel mit dem Wandel der Zeit zu tun. Die Menschen möchten wieder kreative Dinge tun. Es ist doch etwas anderes, wenn du mit der ­eigenen Hand etwas schaffst, als wenn du Fließbandware produzierst. Handwerk kommt aus dir selbst.« • 

www.tischlereidiedrei.de

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