enkeltauglich leben

Am Anfang war das Feuer

Feuer, Wasser, Stahl: Das Schmieden zählt zu den ältesten Handwerkskünsten der Menschheit. Im Dorf Schleis im Obervinschgau fertigt Artur Waldner Tag für Tag Werkzeuge.von Katharina Hohenstein, erschienen in Ausgabe #33/2015
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© Frieder Blickle

Im Schmiedeofen brennt das Feuer, Stahl lehnt an den Wänden. Überall liegen Werkzeuge in verschiedenen Stufen ihrer Entstehung: als Rohlinge gelieferte Beile; Zapinen, die schon geschmiedet, aber noch nicht gehärtet sind; und Stücke, die auf den Feinschliff, die Verzierung, das Waldner’sche »W« warten.

Artur Waldner repariert nicht nur Werkzeug, sondern stellt es von Grund auf her – zwar nicht ganz aus dem Nichts, aber aus einem rohen, klotzigen Stück Stahl. Während seiner Arbeit nehmen es die Augen des 76-jährigen Werkzeugschmieds mit dem Glanz auf, der sich auf einem fertiggestellten Laubmesser, einer Runggl, zeigt. Gerade kamen Spitzeisen eines Steinbildhauers in die Werkstatt. Härten soll er sie, die Spitzen schärfen. Seine Lieblingsbeschäftigung ist das nicht. Waldner nimmt es gelassen, zählt die Eisen und meint lakonisch: »Zehn Stück. Prima. Ich mag gerade Zahlen.«
Seine Werkstatt hat vor zwei Jahren eine runde Zahl überschritten. Der duftende Rußfilm an ihren Wänden stammt von der Schmiedearbeit eines ganzen Jahrhunderts. Sohn Florian, ebenso Schmied und Bauschlosser, ist sich nicht sicher, ob er die Werkstatt weiterführen wird – jene Schmiederei, die bis 1948 keine Elektrizität kannte und seit 1913 auf kleinstem Raum alles herstellte, was die Bewohner des Umlands an stählernem Werkzeug brauchten: die Heutrete, um das Heu aus dem Stock zu schneiden; das Grammlmesser, um altes Brot zu schneiden; die Runggl, unabdingbar für Forstarbeiten, Garten- oder Weinbau; die Schellen-klachl, der Klöppel für die Glocken der Kühe, Ziegen und Schafe; alle erdenklichen Beile, die Schäpser zum Entschälen der Baumrinde und selbstverständlich – unentbehrlich im inneralpinen Trockental Vinschgau, das mit seinem ausgeklügelten Bewässerungssystem der Waale eine frühe Antwort auf trockene Zeiten ersann – die Waalhau, mit der der Waaler den Kanal instandhalten kann.
»Bis zu den 70ern«, sagt Waldner, »ging das Geschäft gut. Wir waren auf rund fünfzehn verschiedenen Märkten im Obervinsch­gau unterwegs.« Als er 1955 die Lehre begann, florierte der Werkzeugmarkt. Er und sein Vater, so Waldner, hätten zwar viel gearbeitet, aber das Geld habe gereicht. Als er selbst eine Familie gründete, wurde der Absatz der Produkte wegen industriegefertigter Massenware zunehmend schwieriger. Waldner unterrichtete deswegen 35 Jahre lang in einer Schule für Land- und Forstwirtschaft; seine Frau war immer berufstätig. »Sonst wäre es nicht gegangen«, sagt er. An einem Rohling, der eine Zapine – ein Holzrückewerkzeug – werden soll, zeigt Waldner, wie nah sein Handwerk der Kunst steht. Jedes Werk ist ein Einzelstück, immer wieder in die Hand genommen, begutachtet, verbessert. Der Stahl darf nicht verbrennen, muss jedoch lange genug erhitzt werden, bis man ihn schmieden kann. Waldner sitzt auf dem Holzsitz, der mit Eisenketten von der Wand hängt und den sein Vater selbst gefertigt hat, vor dem Federhammer. Das wuchtige Instrument wurde in seinen Jugendjahren mit Wasserkraft angetrieben. Heute motorgetrieben, rast der Hammer schnell auf und ab, darunter zieht und drückt und schiebt der Schmied das heiße Eisen in die gewünschte Form. Wieder Erhitzen. Das Gehäuse wird dann mit der Presse ausgeweitet. Auch das Richten der Schneiden beginnt an der Presse und wird mit Hammerschlägen auf dem Amboss fortgesetzt. Erfahrung und ein gutes Auge sind nötig, um die Schneide exakt in die richtige Richtung zu bringen. Mit Wasser wird der Stahl gekühlt, damit er während des Schleifens nicht verbrennt. Eine gute Schneide ist scharf, hart und äußerst langlebig. Die Geschwister von Artur Waldner sagen: »Du kannst was. Etwas Nützliches.« ­Deswegen tanzt das Glück in seinen Augen, wenn er seinem zweijährigen Enkel zuschaut. Mit einem schweren Hammer auf den Amboss zu hauen, beherrscht der Kleine schon gut. »Heute können manche noch nicht mal mehr Holz hacken. Vielleicht lernt der Bub wenigstens, einen Hammer gerade zu halten«, sinniert der Großvater. Ob den Menschen in Schleis und Umgebung »ihre« Schmiede so wichtig ist, dass sie dazu beitragen werden, sie zu erhalten? •

www.waldner.bz.it

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