enkeltauglich leben

Bis auf die Haut

Mit Fett und Engelsgeduld gerbt der Wildnispädagoge Matthias Kitzmann aus Wildtierhäuten feines Leder.von Anja Humburg, erschienen in Ausgabe #33/2015
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© privat

Aus der großen, schwarzen Bütte zieht der Gerber Matthias Kitzmann triefnasse Damwildhäute. Einschusslöcher und Messerschnitte erinnern an den Tod der Tiere. Hätte der Wildfleischer die Häute wie üblich in die Tierkörperbeseitigungsanstalt gegeben, wären sie längst verbrannt worden. Doch warum nicht möglichst das gesamte, kostbare Tier nutzen?

Matthias schabt mit einem stumpfen Ziehmesser erst rote Fleischfetzen und weiße Fettstreifen auf der einen und dann die Haare des Fells auf der anderen Seite der Haut ab. Er stemmt sich gegen den Gerbbock, auf den er die Haut aufgelegt hat, damit sie nicht wegrutscht. Modriger, fleischiger Geruch liegt in der kühlen Maimorgenluft. Immer wieder schiebt er das Ziehmesser über die zähe, störrische Haut – mit Vorsicht an den dünnen Passagen.
Nach einem Vormittag liegt ein halber Quadrat­meter Rohhaut blank und schier da. Sie würde hart und durchsichtig werden, trocknete man sie jetzt. Trommeln ließen sich damit bespannen. Bis sie auf der Wiese hinterm Forsthaus Triesch im waldhessischen Nentershausen zu Leder verarbeitet ist, werden noch ein paar Tage vergehen. Eine Gerberei braucht Matthias dazu nicht. Davon gibt es ohnehin nur noch rund ein Duzend in Deutschland – in den 1970er Jahren waren es noch knapp 200,  im 19. Jahrhundert mehrere Tausend. Menschen in Indien und Bangladesch gerben heute für den Massenmarkt. Das Gerberviertel Hazaribagh, ein Stadtteil von Dhaka in Bangladesch, zählt laut Black-smith Institute durch seine chromhaltigen Abwässer zu den fünf am stärksten verseuchten Orten der Welt. Matthias gerbt nach der alten indianischen Methode der Fettgerbung mit Hirn. Die Ausrüstung für dieses Handwerk kostet 40 bis 50 Euro: kein Hightech, keine großen Geräte, keine Säuren. Alles passt in den Kofferraum seines weißen Renault Kangoo.

Wildnisszene als Wissenshüterin
Von den Wildnislehrern Rainer Besser, Argus Eymann und Tom Brown Junior lernte Matthias grundlegende Techniken des Gerbens. Das meiste aber hat er sich selbst beigebracht. »Durch die Industrialisierung ist viel Wissen, das die Menschen zehntausend Jahre lang gepflegt haben, nahezu verlorengegangen. »Was ich hier mache, konnte vor einigen Jahrzehnten kaum jemand mehr.«, sagt Matthias, der seit zwölf Jahren das Gerben mit Naturmaterialien an der Wildnisschule »Wildniswissen« bei Leiter Wolfgang Peham lehrt. Einige Schüler wollen in diesen Maitagen von Matthias lernen. Unter ihnen sind Jäger, aber auch Lehrerinnen und ein angehender Rettungsassistent. Seit einigen Jahren zeigt Matthias auch künftigen Schuhverkäufern einer Berliner Berufsschule, was es bedeutet, Leder zu gerben.
Auf dem Feuer steht ein Kessel mit warmem Wasser. Langsam löst sich darin ein Klumpen Schweinehirn auf. Süßlicher Geruch zieht über die Arbeitsstätte. Ein Tier habe so viel Gehirn, sagt Matthias, dass es ausreicht, um seine Haut damit zu gerben. In der milchigen Hirnsuppe wird die Rohhaut geknetet. Sie wird butterweich – wie auch die Haut unserer Hände – denn sie saugt sich mit dem tierischen Fett voll. Eine Vegetarierin im Kurs nimmt Eigelb statt Gehirn. Pflanzenöl und Seife oder Avocado seien ebenso gute Weichmacher.
Die Häute werden zusammengerollt, aufgehängt, kräftig ausgewrungen und dann vorsichtig gedehnt, um das Netzwerk der Kollagenfasern in der Lederhaut durchlässiger zu machen. Wieder kommt die Rohhaut in die Suppe. Wir kneten, wringen, dehnen – und beginnen wieder von vorne; ein langwieriger Prozess von drei, sechs, acht Stunden. »Wenn ich so mit der Natur arbeite, entsteht eine tiefe Verbundenheit«, sagt Matthias. Gerben sei für ihn Beziehungspflege mit der natürlichen Welt.
Bei Rehfleischeintopf am Lagerfeuer wird der Wildnispädagoge am Abend zum Geschichtenerzähler. »Früher habe ich ehrenamtlich Berliner Wände koloriert«, sagt Matthias schelmisch. Er wuchs als Berliner Großstadtkind auf, wechselte vor Langeweile vom Gymnasium auf die Hauptschule und holte das Abitur erst später nach. Er sehnte sich nach etwas Handfestem, etwas Handwerklichem, bis er 1998 auf die ersten Wildnisschulen traf, die sich damals in Deutschland etablierten, inspiriert von der seit 1978 existierenden US-amerikanischen »Tracker School«. Deren Leiter, Tom Brown jr.  aus New Jersey, gilt als Großvater der hiesigen Wildnisschulen; sein Schüler Jon Young baute die Szene während seines Aufenthalts in Deutschland wesentlich mit auf. »Das Wildniswissen hat mich völlig in seinen Bann geschlagen. Jeden Kurs, den ich kriegen konnte, habe ich mitgenommen«, sagt Matthias, der auch bei Tom Brown Junior selbst in Übersee in die Lehre ging. Beim Gerben funkte es am meisten.
Während seines forstwissenschaftlichen Studiums in Dresden widerstrebte Matthias das Präparieren von Nachtfaltern. Um sich vor dieser Arbeit zu drücken, hielt er sich gerne beim Wildfleischer auf, wo er den Tieren die Haut abzog. Nach seinem Studium zog der 36-Jährige in die Märkische Schweiz östlich von Berlin mitten in den Wald, wo er – neben dem Gerben – die Schulklassenprogramme und Feriencamps der Wildniswissen-Schule koordiniert.

Techniken prägen Kultur
[Bild-2]Am folgenden Tag sitze ich mit zwei anderen Lernenden im Kreis. In ein tiefes Gespräch über das Leben in Gemeinschaft versunken, dehnen wir drei Frauen eine Rohhaut. Ähnlich gesellig muss es zugegangen sein, als die Fettgerbung bei den Indigenen Nordamerikas noch gängige Kulturpraxis war. Dort war Gerben Frauensache. Felle und Leder gab es zu vorindustriellen Zeiten im Überfluss, ja so viele, dass sie sogar Tauschmittel waren – bis gewebte Stoffe wie Levi Strauss’ Blue Jeans sie ablösten. Geblieben ist der »Buck«, abgeleitet von dem englischen Wort »buckskin« für eine hirngegerbte Hirschhaut. Damit bezeichnen die US-Amerikaner noch heute umgangssprachlich ihren Dollar, denn eine solche Hirschhaut war einen Dollar wert.
Könnten komplexe handwerkliche Fähigkeiten wieder Teil unseres Alltags­wissens werden? »Das Gerben beruhigt meinen Verstand und lässt mich fühlen, sehen und riechen, wozu ich in der Lage bin: etwas Unansehnliches, Vergängliches in etwas Samtweiches und Wohlriechendes zu verwandeln, das meinen Körper wärmt und schützt«, erklärt Matthias, als er die weiche und trockene Rohhaut – zu einem Ballon zusammengenäht – über den qualmenden Eimer mit morschem Holz hängt. Das ist das eigentliche Gerben: Rauch dient als Gerbstoff. Er imprägniert die Kollagenfasern der Haut und macht sie haltbar. Nach einer Stunde ist die helle Rohhaut zu ockerfarbenem Leder geworden, wie man es aus den Winnetoufilmen kennt. »Etwas ganz selber zu machen, drückt für mich Wertschätzung gegenüber der Natur aus«, meint er. »Das bedeutet auch, alle Auswirkungen eines Vorgangs zu kennen.«
Erste Pläne zur Weiterverarbeitung werden geschmiedet. »Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich eine Schere angesetzt habe«, erinnert sich Matthias. Seine Lederhose aus Hirschleder – selbstgegerbt versteht sich – ließ er sich von einer Schneiderin nähen. Die Hose sei nun zehn Jahre alt, Alterserscheinungen zeigt sie keine.
Die Wildnismode von Lynx Vilden fällt uns ein: Die in Schweden aufgewachsene Lynx lebt heute in den Wäldern der Rocky Mountains und leitet dort Steinzeitprojekte. Sie sei eine wahre Meisterin des Herstellens von Kleidern aus Wildleder, meint Matthias’ Kollegin Klara Schulke, die bei Lynx in die Lehre ging. Selbst aus ihrem abgetragenen Lederkleid habe Lynx noch ein neues für ihre Tochter genäht. Leder überdauert Generationen. Wie kostbar. •


Anja Humburg (30), Umweltwissenschaftlerin und Journalistin, ist Co-Chefredakteurin des Magazins »Was zählt«, einem lokalen Kompass für den Wandel. humburgÄTposteo.de

Natürliches Gerben lernen?
Kommenden September finden in Österreich und im Oktober in Brandenburg wieder Seminare zur Naturgerbung statt.
www.dreichen.de
www.wildniswissen.de

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