Buchtipps

Mehr Matsch! (Buchbesprechung)

von Lara Mallien, erschienen in Ausgabe #9/2011
Photo

Die meisten Oya-Leserinnen und -Leser dürften der Meinung sein, dass Kinder auf Bäumen viel besser aufgehoben sind als beim Videospiel. Dass Kinder Abenteuer in der Natur brauchen und Zeit, in und mit ihr zu spielen, ohne kontrollierende Erwachsene, die einen von Termin zu Termin hetzen. Ist es also überflüssig, hier das neue Buch von Andreas Weber zu empfehlen? Aber nein. In »Mehr Matsch!« steckt viel mehr als ein Ratgeber für Eltern oder Pädagogen.
Warum sind Kinder derart fasziniert von allem, was kreucht und fleucht und wächst? Warum gehört es zu ihren Lieblingsspielen, sich in wilde und zahme Tiere zu verwandeln? Das sind Leitfragen des Autors, und er beantwortet sie als Philosoph ganz anders als die konventionelle Entwicklungspsychologie. Diese sieht in der Faszination der Kinder für Natur etwas Unreifes, einen kindlichen Animismus, der auf dem Weg zu einem freien Kulturwesen abgelegt werden müsse. Nein, meint Weber: Die Erfahrungen und die Identifikation mit Natur sind bedeutsam, weil sich Kinder so als fühlende Wesen in einer Welt voller anderer fühlender Wesen begreifen lernen. Das abendländische Vorurteil von der Natur als ein zu beherrschendes Ungeheuer spiegele sich in der verbreiteten Angst vor der unmittelbaren kindlichen Lebendigkeit und der fixen Idee, Kinder seien »von Natur aus« egoistisch, sie müssten erst zu mitfühlenden Menschen erzogen werden. Aber die Natur ist nicht das Böse, sondern schlicht die Welt, die Körper und Geist ernährt. Es gehört zu den schönsten Erin­nerungen, irgendwo allein in der Natur das Leben in sich einzusaugen, sich in der Welt zu verlieren und zugleich voll Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu sein.
Diese Perspektive ist entscheidend, sie stellt alles vom Kopf auf die Füße. Zum Beispiel erscheint das Spielen der Kinder dann nicht mehr als Vorbereitung für den Ernst des Lebens, sondern das Spiel ist das Eigentliche, worum es im Leben geht. Kind sein bedeutet, leuchtend lebendig sein, schreibt Weber, und dieses Leuchten spricht aus den vielen wunderbaren Geschichten, die er über sich und seine beiden Kinder Max und Emma in allen Kapiteln des Buchs erzählt.
Kein Wunder, dass Webers Kritik an der Schule radikal ausfällt. Wie müsste eine Schule gestaltet sein, die nicht auf Lernerfolge und objektivierbare Tatsachen einer zu verwertenden Welt zielt, sondern auf sinnliche Erfahrung, die Entfaltung von Subjektivität und auf unmittelbares Lebensglück? Schule müsste »Leben vertiefen«, schreibt Weber, und genau das könnte doch ein zukunftsweisendes, gesamt­gesellschaftliches Ziel sein: das Leben vertiefen.
Spätestens jetzt ist wohl klar, warum »Mehr Matsch!« unbedingt zur Lektüre empfohlen sei: Das Buch ist ein leidenschaftliches, poetisches und kluges Plädoyer für einen Kulturwandel – für den beherzten Sprung in die Lebendigkeit ­dieser Welt.


Mehr Matsch!
Kinder brauchen Natur.
Andreas Weber
Ullstein Verlag, 2011, 256 Seiten
ISBN 978-3550088179
18,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #9

Kunstvon Lara Mallien

Musik sehen, Bilder hören

Mary Bauermeister ist eine Pionierin der Fluxus-Bewegung, eine der (r)evolutionären künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. »­Fluere« heißt »fließen«, und um den freien Fluss der Inspiration, der schöpferischen Handlung, der

Die Kraft der Visionvon Paul Hawken

Immunsystem der Erde

In den 1960er Jahren begann Sir James Lovelock zu untersuchen, ob die Erde ein einziges großes Lebewesen sein könnte. »Die Gaia-Hypothese«, wie er sie später nannte, ist Ökologie in Reinform. Diese Hypothese besagt, dass die Erde über Merkmale natürlicher

Aktion & Widerstandvon Erik Meininger

Kraft der Irritation

Ob ironisch-entlarvende Verfremdungen von Werbeplakaten, politisch motivierte Flashmobs, Aktivisten, die mit Dauer-Jubel Reden stören, oder auch Internet-Plattformen wie WikiLeaks – das alles und vieles mehr gehört zu den vielfältigen Formen des Medienaktivismus.

Ausgabe #9
Über-Lebens-Kunst

Cover OYA-Ausgabe 9Neuigkeiten aus der Redaktion