enkeltauglich leben

Pionierin solidarischer Kultur

Maria König porträtiert die »ufaFabrik«-Mitbegründerin Sigrid Niemer.
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© Samantha Dietmar

An einem sonnigen, warmen Julitag treffe ich Sigrid Niemer in der »ufaFabrik« in Berlin-Tempelhof. Auf dem fast zwei Hektar großen Areal der ehemaligen UFA–Kopierwerke sorgen heute ein Kultur- und Nachbarschaftszentrum, eine Biobäckerei und ein Bioladen, das Café Olé, ein Gästehaus, eine freie Schule, ein Kinderbauernhof und Wohnräume für pralles Leben. Wir schlendern die gemütlichen Wege einer real gewordenen ­Utopie entlang, betreten einen Erlebnisraum erträumter Ideale. Warum sind hier Träume Wirklichkeit geworden?

Vielleicht ist der Fuchs ein guter Einstieg. So wie andernorts Katzen oder Hunde gemütlich auf der Veranda liegen, räkelt sich hier eine Füchsin ungezähmt und ungefüttert genüsslich in der Nachmittagssonne. Unter der Terrasse eines Wohnhauses zieht sie in ihrem Bau sechs Junge groß. Mit ebenso großer Selbstverständlichkeit ­haben Sigrid und ihre Freunde in den 1970er Jahren das UFA-Gelände erobert und verwandelt. Sigrids Lebensweg ist auch die Geschichte der ufaFabrik. Das souveräne Ich verschmilzt mit dem kollektiven Wir und erhält gerade darin seine ganz eigene Kontur.

Von einer, die auszog, das Leben zu lernen
Sigrid wird 1954 in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein geboren. Sparsamkeit und ein enger gesellschaftlicher Rahmen waren für ihre Eltern notwendig, um nach den Erfahrungen aus der Kriegszeit ein Gefühl von Sicherheit wiederzuerlangen. Diese Enge weckte in Sigrid den großen Wunsch nach Freiraum: »Ich war ein Kind mit vielen Interessen, aber mir fehlte der Raum zum Forschen. Meine Energie wollte sich zeigen; ich dachte: ›Da muss noch mehr möglich sein.‹« Die Sehnsucht nach diesem »Mehr« zog sie als Kunststudentin nach Westberlin. In den Nachwehen der 68er-Bewegung wurde hier vieles in Frage gestellt: Wie können sich Leben und Arbeiten menschenfreundlich gestalten? Was bedeutet ein neues Miteinander für das Bildungs- und Gesundheitswesen? Die jungen Menschen waren bereit, sich bedingungslos auf gemeinsames Experimentieren einzulassen.
Sigrid schloss sich verschiedenen Arbeitskollektiven an – der kleinen Offset-Druckerei »Contrast« und dem Handwerkskollektiv »Wir sind überall auf der Erde«. »Nach außen waren wir eine normale Firma, aber wir wollten kein Chef-Angestellten-Verhältnis; was und wie wir arbeiteten, bestimmten wir gleichberechtigt«, erzählt Sigrid voller Stolz. Das Handwerkskollektiv bildete auch eine Wohngemeinschaft, das verdiente Geld floss in eine gemeinsame Kasse. Wichtiger als ein hohes Einkommen war den Freundinnen und Freunden das gemeinschaftliche Tun.
Im Frühjahr 1976 gründete der Kreis um dieses Kollektiv in Schöneberg die »Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk«, ein selbst­organisiertes Freizeitzentrum; zwei Jahre später keimte bei der Ausrichtung des ersten Berliner Ökologie-Festivals »Umdenken, Umschwenken« der Wunsch nach einem permanenten, gemeinschaftlichen Lebens- und Arbeitsort für viele Menschen. Die Pioniergruppe bewarb sich vergeblich um leerstehende Gebäude, bis das verwaiste UFA-Gelände in ihr Blickfeld geriet. Sigrid erinnert sich: »Der Ort reizte uns mit seinen verschieden großen Räumen. Durch die gute Erfahrung mit dem Freizeitzentrum waren wir zuversichtlich, dass wir auch so ein gewaltiges Anwesen wiederbeleben könnten.« Rund 100 Menschen besetzten das Gelände, ein größerer Unterstützerkreis förderte das Vorhaben von außen. Die Besetzung war wohldurchdacht und von kreativen Aktionen geprägt. Dennoch bedurfte es eines zähen Ringens mit der Stadt unter zeitweiligen Räumungen der einsturzgefährdeten Gebäude, um die Behörden von der Ernsthaftigkeit des Vorhabens zu überzeugen. Im Herbst 1979 wurde ein erster Mietvertrag mit der Stadt geschlossen, und 45 Menschen begannen das gemeinsame Leben vor Ort.
Wie schon zu Zeiten des Handwerkskollektivs lebte die Gemeinschaft der frühen ufaFabrik aus einer gemeinsamen Kasse. »Wenn ich zum Beispiel Geld für ein Geburtstagsgeschenk brauchte, ging ich zum Kassenwart und erhielt die benötigte Summe«, erläutert sie die Handhabung. »Wir vertrauten darin, dass sich langfristig Gerechtigkeit einstellt: heute brauche ich mehr Geld und morgen ein anderer.« Neben dem solidarischen Einkommen übernahm der Freundeskreis auch die partizipativen Entscheidungsstrukturen nach dem Konsensprinzip aus den vo­rangegangenen Projekten. »Wir arbeiteten tagsüber, und nach dem Abendessen wurde bis in die Nacht hinein diskutiert.« Das Zusammenwirken auf dem Gelände war vom engen Miteinander geprägt und wurde von Euphorie, Leidenschaft und Engagement getragen.
Für Sigrid wurde insbesondere der »ufaFabrik Cirkus« zum ersehnten reichen Experimentierfeld, um sich künstlerisch auszuprobieren. Sie stand als Geigerin auf dem Zirkuswagen, trat als Zauberin auf, steppte als Badenixe, Huhn oder Zitronenbonbon auf der Bühne, spielte Gitarre, komponierte und präsentierte Kinderlieder, probierte sich im afrikanischen Trommeln und in der Samba-Band. Daneben gestaltete sie Plakate und Flyer, renovierte Gebäude, übernahm Büroarbeiten, half, wo es sich gerade ergab – und liebte gerade diese Vielfältigkeit ihrer Aufgaben. Für ihren 1983 in der Gemeinschaft geborenen Sohn Johannes freute sie sich, dass er mit sozialen Geschwisterkindern aufwuchs und im unmittelbaren Lebensumfeld die freie Schule besuchen konnte.
Diese Lebensqualität gemeinsam zu erreichen, erforderte eine hohe Leidensfähigkeit aller Beteiligten. Ohne ein solidarisches Wirtschaften und einen bescheidenen Lebensstil in den Anfangsjahren hätte das Projekt nicht finanziert werden können. Viele Entscheidungsfindungen mussten in langen Auseinandersetzungen errungen werden. Immer wieder gab es Phasen von Streit, die ein Sich-Einlassen und Aushandeln erforderten: Was brauche ich? Was brauchst du? Neugierig bleiben! Sigrid bejaht diese Prozesse ausdrücklich: »Wir waren bereit, diesen Weg zu gehen, und hielten an der Überzeugung fest, dass Meinungsverschiedenheiten grundsätzlich lösbar sind. Als wir auf das UFA-Gelände kamen, waren wir eine innig verbundene, starke und entschlossene Gruppe mit einem klaren Ziel. Wir waren diszipliniert und wollten nichts umsonst. Alles, was wir brauchten, war Raum, uns auszuprobieren.«
16 Jahre lang stand Sigrid in der ufa­Fabrik auf der Bühne und wirkte im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als sie sich nach dieser Zeit die Frage stellte, ob sie sich als Künstlerin weiter professionalisieren oder das gesamte Projekt begleiten wolle, entschied sie sich für Letzteres. Heute arbeitet sie hauptsächlich im organisatorischen Management und ist nach wie vor für die Kommunikation nach außen verantwortlich – während das Singen zu ihrem liebsten Hobby geworden ist.

Im Prozess bleiben
Sigrid und ich sitzen im Café Olé. Der Wind rauscht in den Bäumen, Spatzen hüpfen um uns herum, am Nachbartisch unterhalten sich ein paar ältere Frauen über vegetarische Ernährung, auf der anderen Seite spielt eine junge Frau ein kleines Kreisspiel mit ein paar Kindern. Sigrid schildert den weiteren Werdegang der ufaFabrik: Heute ist diese als Dachverband von 13 verschiedenen Vereinen und Unternehmen organisiert. Mehr als 30 Menschen leben dauerhaft auf dem Gelände, und gut 200 Menschen sind insgesamt in den einzelnen Bereichen tätig.
In der Pionierphase sah sich das Finanz­amt außerstande, den Kollektiv-Wildwuchs ohne klare Gehälter, Einkommen und Ausgaben steuerlich einzuordnen. So folgte nach langen internen wie externen Verhandlungen eine Gliederung des gesamten Organismus in gemeinnützige Vereine und Wirtschaftsbetriebe. Sigrid bedauert, dass die organisatorischen Abläufe dadurch komplizierter geworden sind. So müssen der Theaterbetrieb, das Café, das Gästehaus etc. untereinander mit Hilfe von Anträgen und Rechnungen interagieren. »Wir fragen uns ständig, wie wir trotz dieser Strukturen unser Miteinander und die damit verbundenen Synergien erhalten können. Aber in mancher Hinsicht haben klare Organisa­tionsformen auch etwas Beruhigendes. Ich sehe das als Prozess, als Teil einer Entwicklung. Genauso wie in der Anfangsphase des Projekts spüre ich noch heute in mir eine lebendige Kraft, die ich jederzeit aktivieren kann, um bei Bedarf etwas zu verändern.«
Die Wohngemeinschaft vor Ort besteht mittlerweile zu jeweils einem Drittel aus Gründungsmitgliedern, aus in den Anfangsjahren hinzugekommenen Menschen und aus Menschen, die in den letzten Jahren dazugezogen sind. Während sich die Gemeinschaft anfangs täglich traf, wurden die Plenen mit der Zeit schrittweise reduziert. Heute gibt es nur noch Bedarfsplenen. ­Sigrid genießt diese Einfachheit: »Wir sind im Austausch und haben den Anspruch, über die Gesamtentwicklung im Bild zu bleiben, müssen aber nicht mehr alle über jedes Detail Bescheid wissen. Uns trägt ein großes Vertrauen, dass andere sinnvolle Entscheidungen treffen, auch wenn ich sie vielleicht nicht auf Anhieb verstehe.«

Auf dem Weg zum Generationenwechsel
Inzwischen lebt Sigrid schon 36 Jahre lang in der ufaFabrik. »Alle paar Jahre frage ich mich: ›Wie geht’s mir hier, und was will ich hier?‹ Bis jetzt bin ich dabei immer zu dem Schluss gekommen, dass es sich weiterhin lohnt. Es ist für mich wichtig, zu spüren, dass ich hier freiwillig bin.« Als sie vor 15 Jahren ihren heutigen Mann Lothar kennenlernte, war sie kurz davor, mit ihm an einen anderen Ort zu ziehen – doch ihre Freunde in der ufaFabrik wünschten sich ihr Bleiben, und nun lebt auch Lothar in der Gemeinschaft. Dieses Im-Prozess-Bleiben, das beständige Fragen und die vielfältige Kommunikation nach innen und außen haben Sigrids Weg stark geformt. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Mediatorin und begleitet seit einigen Jahren Einzelpersonen sowie Gruppen und Gemeinschaften in Wandlungs- und Entwicklungsprozessen. Dabei betont sie: »Wichtig ist die Auseinandersetzung: die Gruppe und ich. Inwieweit bin ich bereit, mich zur Verfügung zu stellen? Was brauche ich, damit es mir in der Gruppe gut geht?«
Ihr Sohn Johannes ist mittlerweile ebenfalls in der ufaFabrik involviert und möchte Verantwortung übernehmen. Sigrid, für die es essenziell war, sich von der Lebensgestaltung ihrer Eltern zu lösen, brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass es für ihn bedeutsam ist, in dem Projekt, in das er hineingewachsen ist, mitzuwirken.
Der Generationenwechsel in der ufa­Fabrik ist in vollem Gange. Sigrid weiß, dass dieser großer Achtsamkeit bedarf – was von den Älteren Offenheit und von den Jungen Geduld erfordert. Auch dabei zeigt sie sich gewohnt optimistisch: »Wenn uns der Generationenwechsel gelänge, mit Leuten, die hier aufgewachsen sind, und vielen anderen – das wäre grandios!« •


Maria König (29) lebt in Berlin, steht kurz vor dem Absprung aus dem Lehramtsstudium und engagiert sich in einer Berliner Gemeinschafts­initiative.

Gemeinschaft, Konzerte, Kiezkultur:
www.ufafabrik.de

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