enkeltauglich leben

Sin Patrón – Herrenlos (Buchbesprechung)

von Elisabeth Voß, erschienen in Ausgabe #34/2015
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Die argentinische Verlagskooperative Lavaca hat 2004 unter dem Titel »Sin Patrón« zehn Betriebe vorgestellt, die von ihren Arbeiterinnen und Arbeitern übernommen wurden, darunter die bekannte Fabrik Zanon, die Kacheln herstellt, das Textilunternehmen Brukman, Metallfabriken, Druckereien, eine Zeitung und eine Klinik. Die eindrucksvollen Schilderungen und Interviews aus den Zeiten der argentinischen Krise zeigen die Entschlossenheit und den Mut, aber auch die Ängste und Zweifel der Menschen, die nur die Wahl haben, sich entweder mit Arbeitslosigkeit und Armut abzufinden oder um ihre Arbeitsplätze zu kämpfen, nach dem Motto »besetzen, Widerstand leisten, weiterproduzieren«. Sie übernehmen die Betriebe, die von den Eigentümern verlassen wurden, auch wenn sie brutalen Angriffen durch die Polizei ausgesetzt sind. Sie geben nicht auf, kampieren teils monatelang vor dem Betrieb, demonstrieren und produzieren dann in Selbstverwaltung. Unterstützt werden sie von Netzwerken instandbesetzter Betriebe und von solidarischen Nachbarinnen und Nachbarn. Hilfe von Gewerkschaften bekommen sie nur selten; die Unterstützung durch Parteien ist oft zwiespältig, weil die ihre eigenen Interessen verfolgen. Viele selbstverwaltete Unternehmen haben – neben der Produktion – soziale Einrichtungen aufgebaut und betreiben zum Beispiel Schulen, Kulturzentren oder medizinische Einrichtungen für ihre Nachbarschaft.
In der nun erschienenen deutschen Ausgabe sind knappe aktuelle Informationen zu jedem Betrieb hinzugefügt. Der Übersetzer Daniel Kulla erläutert in einem umfangreichen Vorwort, in das er auch Gedanken zur Situation in Deutschland einstreut, die Veränderungen der politischen Rahmenbedingungen von damals bis heute. Während in den Besetzungsjahren die Polizei oft gewalttätig gegen diejenigen vorging, die um ihre Arbeitsplätze kämpften, agiert der Kirchnerismus (politische Richtung der argentinischen Regierung unter Néstor bzw. Christina Kirchner seit 2003) scheinbar sanfter. Jedoch sind etliche Alteigentümer noch nicht endgültig enteignet, obwohl sie die Firmen systematisch heruntergewirtschaftet haben. Den Arbeitenden fehlt oft das Geld für die Übernahme nach der Insolvenz und für notwendige Investitionen; auch zugesagte Kredite werden von der Regierung mitunter nicht ausgezahlt.
In manchen der Lavaca-Texte sieht Kulla »nationalistische und moralistische Diskurse«, was er mit Zitaten belegt. Diese Kritik wäre vielleicht am Ende des Buchs nachvollziehbarer gewesen. Ein Interview zur Bewegung instandbesetzter Betriebe und ein aktueller Einblick in offene Fragen und die Ergebnisse kritischer Forschung runden das spannende Buch ab. ◆ 

Sin Patrón – Herrenlos
Arbeiten ohne Chefs
Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle – Das argentinische Modell: besetzen, Widerstand leisten, weiterproduzieren.
Kollektiv Lavaca (Hrsg.)
AG SPAK, 2015, 254 Seiten
ISBN 978-3940865649
19.00 Euro

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