enkeltauglich leben

Die Intelligenz der Pflanzen (Buchbesprechung)

von Claus Biegert, erschienen in Ausgabe #35/2015
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Vorweg: Nach der Lektüre dieses kleinen Bands wird man große Veränderungen in der eigenen Haltung gegenüber all den grünen Wesen um uns herum wahr- nehmen. Wenn ich jetzt aus dem Haus trete, grüße ich sie, die zuverlässig immer am selben Platz verweilen und gemeinsam unser Überleben sichern. Beim Gang durch die Natur fühle ich mich in großer Gesellschaft.
Stefano Mancuso, Professor an der Universität Florenz, leitet das »Laboratorio Internazionale de Neurobiologia Vegetale« und ist Gründungsmitglied der »International Society for Plant Signaling and Behavior«. Wir haben es hier also mit einem Botaniker der besonderen Art zu tun. Damit das ganz besondere Werk »Die Intelligenz der Pflanzen« auch für Laien griffig wird, hat sich Mancuso die Wissenschaftsjour- nalistin Alessandra Viola als Autorin dazugeholt.
Pflanzen gelten normalerweise nicht als intelli- gent; darin zeigt sich gleich die Begrenztheit unserer eigenen Intelligenz. Wir sprechen ihnen außerdem alle Sinne ab, über die wir verfügen: Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören. Sie können jedoch all
das – und verfügen noch über »15 weitere Sinne«, derer wir uns nicht bedienen können. Wir sind zum Beispiel nicht in der Lage, die Entfernung zu einer Wasserquelle abschätzen. Pflanzen können zudem die Schwerkraft erkennen, denn dorthin wachsen die Wurzeln; Zweige und Stengel wählen die entgegenge- setzte Richtung. Dennoch enthält unser Wortschatz den abfälligen Begriff »dahinvegetieren«, wenn unsere typisch menschlichen motorischen und sensorischen Fähigkeiten verkümmern.
Die Fotosynthese ist ein großer Zauberakt: Son- nenlicht und Kohlendioxid aus der Luft werden in Zucker umgeformt. Pflanzen haben die Sonnenener- gie für uns verwandelt und während verschiedener geologischer Zeitalter unterirdisch gespeichert. Ihnen verdanken wir Kohle, Erdöl und Erdgas. Wir sind also nicht nur beim Atmen des Sauerstoffs sowie bei Nah- rung und Medizin von unseren grünen Mitbewohnern abhängig, sondern auch das große Fundament unse- rer Zivilisation entstammt ihrem Reich. Allein deshalb müssten wir eigentlich alles, was auf dem Boden und im Wasser wächst und blüht, vergöttern.
Es mag kühn erscheinen, die Vorstellung der Würde, die unsere Menschheitsgeschichte geprägt hat, auf Pflanzen zu übertragen. Doch sei dies – so Mancuso in seiner Schlussfolgerung – »ein erster Schritt, um den grünen Erdbewohnern Rechte zuzu- billigen, die von menschlichen Interessen unabhängig sind.« Zu diesem provozierenden Paradigmenwechsel leistet Mancusos Schrift einen gewichtigen Beitrag, denn sie lässt sich wie Science-Fiction lesen: Wir rei- sen zu einem grünen Planeten, auf dem die Pflanzen- welt 99,5 Prozent der gesamten Lebewesen stellt und sich in raffinierten Erscheinungsformen in millionen-
facher Vielfalt zeigt – zu unserer Mutter Erde! 

Die Intelligenz der Pflanzen
Stefano Mancuso, Alessandra Viola
Kunstmann 2015
165 Seiten
ISBN 978-3956140303
19,95 Euro


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