enkeltauglich leben

Gemeinschaftsland

Die Genossenschaft »Kulturland« geht neue Wege.
von Titus Bahner, erschienen in Ausgabe #35/2015
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Sich mit der Erde, mit Grund und Boden, zu verbinden – das ist für uns virtuelle Zeitgenossen keine leichte Aufgabe. Die Entfremdung vom täglichen Essen und Trinken, von den Lebensgrundlagen, von der Natur ist in der komplexen Industriegesellschaft der Normalzustand. Der Basilikumtopf auf dem Küchenbrett und das ­Urban Gardening zum Mitmachen sind erreichbar, aber eigentlich doch nur ein Ersatz für die »echte« Landwirtschaft, für den verantwortlichen Umgang mit Tieren, Pflanzen, Böden und der Erde. Der ist in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft sehr effizient den Landwirten überlassen. Nur 1,6 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung produzieren Getreide, Käse und Biosprit, und auch wenn viele Auswüchse dieser Arbeitsteilung beklagt werden, stellt kaum jemand das Grundprinzip in Frage.

Sollten wir dieser kleinen Minderheit das Monopol im Umgang mit unseren gesamten Nutzflächen und Nutztieren überlassen? Nicht der Bauer produziert schließlich Milch, sondern seine Kuh, die womöglich unter fragwürdigen Bedingungen im Stall steht. Immer mehr Menschen spüren heute eine Mitverantwortung gegenüber dem Leben, ein Bedürfnis nach Fürsorge für die umgebende und ernährende Mitwelt, und suchen daher nach einer neuen Verbindung zur Landwirtschaft, zum Grund und Boden.
Was im marktwirtschaftlichen System nur als Versorgungsfrage konzipiert ist, ist für diese Menschen eine Frage des guten Lebens: Satt zu sein, macht nicht glücklich, wenn die Tiere und Pflanzen, die der Ernährung dienen, nicht artgemäß gehalten und respektvoll angebaut worden sind!

Landwirtschaft als Gemeingut
Landwirtschaft kann sich in diesem Kontext nicht mehr durch das »Wir machen euch satt« legitimieren. Die Anbau- und Haltungsweisen werden zum Thema, und darüber hinaus viele weitere Gemeingüter: vom Landschaftsbild über die Biodiversität bis zum Grundwasser, von der Transparenz der Erzeugung über die Erlebbarkeit der Tiere bis zur Sozialstruktur in den Dörfern. In allen diesen Aspekten begegnet uns Landwirtschaft als Gemeingut.
Der Wunsch nach Fürsorge entspringt dem tiefen Bewusstsein der Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur. Die Erfahrung, vom Land genährt zu werden, macht eine Auszeit auf dem Bauern­hof mit seinen regelmäßigen Arbeitsabläufen oder eine tiergestützte Therapie, die durch schlimmste Krisen hindurchführen kann, so heilsam. Sie erinnert an unsere Quellen, unser Eingebundensein. Diese Kraftquellen sind ebenso wie gesunder Boden und gesunde Nahrungsmittel weder in der Agrarwüste noch in der Massentierhaltung zu finden.
Nach meinem Verständnis ist es aber nun nicht so, dass irgend­jemand diese Agrarwüste wirklich will. Bestenfalls wird sie billigend in Kauf genommen. Sie entsteht aus dem, was Michael Ende das »Nichts« genannt hat, einem allgemeinen, achselzuckenden »Ich bin nicht zuständig!« im Rahmen eines verhängnisvoll fehlkonstruierten Systems. Politiker werden von der Mehrheit gewählt, die Mehrheit ernährt sich billig, der Handel verkauft billig, der Bauer produziert billig, die Kuh stirbt mit jungen Jahren, das Grundwasser wird ungenießbar. Gibt es einen Ausweg aus diesem System? Gesucht werden konkrete Möglichkeiten, wie Menschen – über den Kauf von Bioprodukten hinaus – Verantwortung übernehmen und dort Oasen schaffen können, wo ein geschwisterliches Landwirtschaften mit Tieren und Pflanzen möglich wird.
Ein wichtiger Pionieransatz in diesem Bereich – nicht nur der Biolandwirtschaft, sondern auch einer entsprechenden sozialen Gestaltung – geht auf Rudolf Steiner zurück, der schon in den 1920er Jahren ausgeführt hat, dass die Verkäuflichkeit von Grund und Boden, von Arbeit und von Kapital eine Hauptursache für gesellschaftliche Fehlentwicklungen ist. Auf dieser Grundlage entstanden in den 1970er Jahren die ersten »gemeinnützigen Träger« für landwirtschaftliche Betriebe. Die Grundidee ist quasi eine Umstülpung der herkömmlichen Eigentumsverhältnisse: Nicht die Bauersfamilie ist Eigentümer des Hofs, sondern eine Gemeinschaft, die diesen trägt und der Familie das Land zur Verfügung stellt. Diese Gemeinschaft entsteht aus den Menschen, die der Hof ernährt. Sie übernehmen Verantwortung für die Pflege von Grund und Boden, jede und jeder ungefähr für einen Morgen Land – ein Viertel Hektar; das ist die Fläche, die sie oder ihn ernährt. Die Bäuerin oder der Bauer auf der anderen Seite erhält einen lebenslangen Pachtvertrag, hat also ein eigentumsähnliches Nutzungsrecht für den Hof – mit der Einschränkung, ihn nicht an die Kinder vererben zu können. Die Herausnahme des Bodens aus dem »Erbstrom« ist ein zentrales Anliegen, denn die Familiengebundenheit des Berufs ist heute nicht mehr zeitgemäß. Selbstverständlich kann ein Hofkind die Landwirtschaft weiterführen; dies ist dann aber eine Entscheidung der Gemeinschaft und kein Automatismus.

Freigesetzte Kräfte
In diesem Sinn wurden gemeinnützige Bodeneigentumsträger entwickelt, meist in der Form des eingetragenen Vereins, manchmal auch der gemeinnützigen GmbH oder Stiftung, mit denen die Gemeinschaft als »Rechtsperson« Grundeigentümer werden konnte. Das Ergebnis überraschte wohl auch viele der Beteiligten. Die Verlagerung des Eigentums auf die Gemeinschaft setzte Kräfte frei, die der gesamten Betriebsentwicklung neuen Schwung und eine ganz neue Richtung gaben. Mit Unterstützung des Umkreises kamen Kinder und Schulklassen auf die Höfe, Führungen wurden angeboten, Streuobstwiesen gepflanzt und Biotope angelegt, Erntedank- und Hoffeste gefeiert, betreute Menschen integriert, Altenwohnungen gebaut. Der Anwalt, die Architektin, der Steuerberater aus dem Umkreis standen dem Bauern bei der betrieblichen Entwicklung ehrenamtlich zur Seite. Familienbetriebe entwickelten sich zu Betriebsgemeinschaften aus Familien und einzelnen Mitarbeitern, die Vielfalt der Betriebszweige nahm zu und nicht mehr ab, Käserei, Bäckerei, Fleischerei wurden integriert. Der Umkreis gewährte Spenden und Privatdarlehen, um die anstehenden Investitionen zu finanzieren. Alle Beteiligten erlebten diese Entwicklung als Befreiung. Die Gemeinschaftsmitglieder erhielten die Möglichkeit, die Bewirtschaftung ihres Lands zu verantworten und mitzugestalten. Die Bauern und Bäuerinnen bekamen vom Umkreis eine Garantie für den langfristigen Bestand ihres Hofs. Von den Bauerskindern wurde der Druck genommen, dass ­eines von ihnen, koste es, was es wolle, den Hof weiterführen muss. Nicht zuletzt bekamen viele junge Menschen, die keinen Hof geerbt hatten, plötzlich die Freiheit, in die Landwirtschaft einzusteigen.
Der Übergang der Landwirtschaft vom Privateigentum zum Gemeingut im beschriebenen Sinn ist keine Enteignung. Die Bäuerin, die diesen Weg gehen möchte, gewinnt dabei sogar an Freiheit und Entwicklungsfreiraum. Viele Bauern auf gemeinnützigen Höfen erfahren es als unschätzbaren Gewinn, dass sie in der Verantwortung für das von ihnen gepflegte Land nicht mehr alleine dastehen. Menschen aus dem Umkreis organisieren plötzlich Dinge, die der sein Land liebende Bauer immer gerne tun wollte, aber in seiner wirtschaftlichen Einsamkeit nie schaffen konnte: Schönheit, Vielfalt und Pflege können auf dem Hof wieder Einzug halten, und Gespräche in der Gemeinschaft öffnen die Augen für das Wesentliche, das im Alltag so leicht unter die Räder kommt.
Die Höfe in gemeinnütziger Trägerschaft, heute zusammengefasst im Netzwerk »Landwirtschaft ist Gemeingut«, entwickelten sich großenteils prächtig. Heute existieren bundesweit rund 180 solcher Betriebe. Sie sind verschiedenen Anbauverbänden, überwiegend Demeter, angeschlossen, wo sie 10 Prozent der Unternehmen und 15 Prozent der bewirtschafteten Fläche stellen. Viele haben sich zu großen Einheiten entwickelt, etliche sind Demonstrationsbetriebe für Ökolandbau des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Neue Entwicklungen
Die meisten gemeinnützigen Träger wurden in den 1980er und 1990er Jahren gegründet. Seit dem Jahr 2000 sind die Gründungszahlen rückläufig. Die ersten der in der Regel ehrenamtlich geführten Träger kommen in den Generationswechsel, und es zeigt sich, dass es schwierig ist, für die fachlich zum Teil anspruchsvolle Vorstandsarbeit Nachfolger aus der jungen Generation zu finden. Gleichzeitig nimmt die Notwendigkeit, Anbauflächen vor dem Zugriff von Spekulanten zu schützen, seit der Weltfinanzkrise 2008 stark zu. Nicht nur stagniert der Bioanbau in Deutschland auf einem Niveau weit unterhalb der Nachfrage, selbst gut eingeführte Biobetriebe drohen sogar Flächen an Biogaserzeuger und Massentierhalter zu verlieren, da sie am Bodenmarkt nicht mehr mithalten können. Die ehemalige Pioniersituation hat sich verändert: Landwirtschaft als Gemeingut wird heute zur existenziellen Notwendigkeit – schon allein, um das Erreichte zu bewahren.
Ein Team um Landwirt Thomas Schmidt, Berater Matthias ­Zaiser, Banker Alexander Schwedeler, Demeter-Vorstand Stephan Illi und mich selbst als Projektentwickler machte sich daher 2012 daran, vor dem Hintergrund der veränderten Zeitsituation die bisherigen Erfahrungen zu einer neuen Organisationsform für Bodeneigentum weiterzuentwickeln. Wir wollten die bisherigen Ansätze für Betriebe aller Rechtsformen einschließlich traditioneller Familienbetriebe erreichbar machen und ihnen im Sinn eines möglichen »Quantensprungs« zu gesellschaftlicher Breitenwirkung verhelfen. Die neue Form sollte niederschwelliger, einfacher, flexi­bler und dabei zugleich professioneller als die einzelbetrieblichen gemeinnützigen Träger sein und zu diesen eine Brücke bilden.
Wir konnten dabei auf langjährige Praxiserfahrungen im landwirtschaftlichen Bereich wie auch im Vorstand der Stiftung »Aktion Kulturland« in Hamburg zurückgreifen, die seit 25 Jahren Biohöfe im Stiftungseigentum an Betriebsgemeinschaften verpachtet und die Entwicklung der Höfe langfristig begleitet.

Die Beziehung zum Land steht hier im Mittelpunkt
Das Ergebnis dieses Prozesses war die Genossenschaft »Kulturland« mit Sitz im wendländischen Hitzacker, die seit August 2014 eingetragen ist und derzeit ihre ersten Projekte umsetzt. Unter dem Motto »Dein Land für morgen!« beteiligen sich hier Mitglieder mit unverzinsten Anteilen von 500 Euro an der Genossenschaft, die damit für bestehende, regional eingebundene Biohöfe Flächen ankauft und sie an diese langfristig verpachtet. Im Mittelpunkt steht dabei die Beziehung der Mitglieder zum erworbenen Land und zum Hof. Sie interessieren sich nicht für die Rendite ihrer Geldanlage, sondern für das, was ihre Einlage ermöglicht.
Die Genossenschaft verschickt regelmäßig Rundbriefe über das Geschehen auf den Höfen. Die sind alle öffentlich zugänglich, veranstalten Hoffeste und Führungen und engagieren sich über die landwirtschaftliche Erzeugung hinaus ebenso wie die Höfe in gemeinnütziger Trägerschaft für ihre Region. Anders als beim gemeinnützigen Modell, das mit Spenden und Zustiftungen arbeitet, ist bei der Genossenschaft auch eine vorübergehende Beteiligung möglich. Die Einlagen sind nach fünf Jahren jährlich kündbar. Ebenso kann die Einlage jedoch auch zu einem beliebigen Zeitpunkt in eine Spende weiterverwandelt und einem kooperierenden gemeinnützigen Träger geschenkt werden. Hierzu arbeitet die Genossenschaft unter anderem mit der Schweisfurth-Stiftung zusammen. So entsteht eine Brücke, über die sich Menschen an ein verbindliches Bodenengagement her­antasten können – es lässt sich ausprobieren, wie sich das anfühlt: für ein Stück Grund und Boden verbindlich einzustehen.
Die Genossenschaft wirtschaftet bewusst nicht selbst; die Verantwortung liegt bei den Bäuerinnen und Bauern. Als Bodeneigentümerin ist sie ein »Ruhepol«, die Menschen beteiligen sich mit »langsamem« Geld, das – vorübergehend – nicht für den Konsum vorgesehen ist. Anders als bei einem Investmentfonds geht es hier um eine Synergie der Bedürfnisse beider Seiten: Bäuerinnen und Bauern erhalten Zugang zu Grund und Boden, die Genossenschaftsmitglieder finden einen Weg zur sinnvollen Wertaufbewahrung.
Die Genossenschaft hofft, über die nächsten drei bis fünf Jahre bundesweit zunächst 500 Hektar Land für 50 Biobetriebe zu sichern. Die ersten Rückmeldungen vor allem von Seiten der Höfe sind erfreulich. Es gibt viele qualifizierte Anfragen und über die Republik verteilt bereits eine Reihe konkreter Projekte, von der kleinen, solidarisch wirtschaftenden Gärtnerei bis zum großen Milchvieh- und Naturschutzbetrieb, jeder auf seine Weise in das regionale Umfeld eingebunden. Nun sucht die Genossenschaft viele regionale und überregionale Mitglieder, um weiteres Land zu sichern. •


Titus Bahner (54) machte nach der Schule Zivildienst und Straßenmusik, studierte dann Landwirtschaft in Hohenheim, Oregon/USA, sowie in Kiel. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten-Herdecke. Heute lebt und arbeitet er als Freiberufler im Wendland.

Landwirtschaft als Gemeingut neu denken?
www.kulturland-eg.de
www.aktion-kulturland.de

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