enkeltauglich leben

Rundveraltet

Alles andere als bieder: Ein Biedermeier-Pfarrhof wird wiederbelebt und bespielt.
von Jochen Schilk, erschienen in Ausgabe #36/2016
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© Jochen Schilk

Es ist ein Dutzend Jahre her, da machte die sechsköpfige Familie Büchel einen Umzug innerhalb von Sachsen-Anhalt. Aus dem von Jahrhunderten des Kupferschieferbergbaus geprägten Benndorf im flachen Mansfelder Land zog es sie 35 Kilometer weiter hinauf in den Unterharz nach Neudorf bei Harzgerode, wo schöne Wälder und ein großes, altes Pfarrhaus lockten. Damals mit im Gepäck: viele Wagenladungen voll historischer Baustoffe. Familenvater Jörg brauchte ein Vierteljahr, um alle seine Material-Schätze zu überführen, zum Beispiel einen im Keller zwischengelagerten Haufen Schlackensteine aus den 1930er Jahren.

»Jäger und Sammler bin ich schon seit meinem fünften Lebensjahr«, bekennt Jörg. Er meint damit: auf der Jagd nach allem Sammelnswerten. Mineralien; Versteinerungen; Antiquitäten; Horn, Bein und Zahn wilder Tiere – solche Sachen. Ein Teil ­seiner Sammlung alter Baustoffe stammt aus Funden in den 1980er Jahren, als Jörg eine Weile als Hausmeister im thüringischen Ilmenau arbeitete. »Damals half ich unter anderem beim Abbau einer alten Scheune mit Rundbogen-Fachwerk. Jahre später begegnete sie mir in einem Bildband über meisterhafte Fachwerkbauten wieder«, erzählt der heute Fünfzigjährige. Die Verwandtschaft habe für seine Sammelleidenschaft lange Zeit bestenfalls ein Kopfschütteln übrig gehabt. Was wollte er nur mit all dem »Edelschrott« anfangen?
Als äußerst sinnvoll erwies sich der Fundus an altem Plunder erstmals bei der Wiederherstellung des vormaligen Fami­liensitzes, eines auf das Jahr 1864 datierten Bergarbeiterhauses in Benndorf. Dort hatten die Büchels nach der Wende 13 Jahre lang ausführliche Erfahrungen mit der Verarbeitung historischer Baustoffe gesammelt, was ihnen sehr zugute kam, als sie sich nach dem Umzug nach Neudorf an die »Rundveraltung« ihres neuen Heims machten – von »Renovierung« im Sinn von »wieder neu machen« kann, wie noch zu sehen sein wird, hier nicht die Rede sein. 
Weil die Familie nicht noch einmal jahrelang in einer Baustelle leben wollte, schliff Jörg diesmal schon vor dem Einzug die ­Böden ab und strich die Wände.[Bild-2]

Hausseele gerettet dank Organspenden
Das Pfarrhaus, ein teilweise in Fachwerkbauweise errichteter, schlicht gehaltener Bau mit Klinkerfassade bzw. verputzten Außenwänden aus ungebrannten Lehmsteinen, stammt aus dem Jahr 1839.
Als die Büchels das am Dorfrand – nicht neben der Kirche – gelegene Anwesen vom Pfarrer übernahmen, stand dieses unter Denkmalschutz. Doch das heißt nicht, dass alles im Originalzustand gewesen wäre: Der architektonische Pragmatismus der DDR-Ära hatte deutliche Spuren hinterlassen, auch am rückseitig stehenden Stall- und Scheunengebäude. Beispielsweise waren in Zeiten des Mangels an einigen Stellen die historischen Fenster durch damals eben gerade verfügbare sprossenlose Formate ersetzt worden. So ging es an vielen Stellen zunächst einmal um den Rückbau von Bausünden, um das »Entblättern« und »Freilegen«, wie Jörg sich ausdrückt. »Außerdem haben wir versucht, dem Gebäude sein harmonisches Aussehen wiederzugeben, indem wir den ursprünglichen Biedermeier-Stil mit seinen spätklassizistischen Elementen nachempfanden. Das gilt auch für die Gestaltung des Vorgartens mit Kugelbäumen aus Buchs oder Buche.« Wo immer möglich, setzten die Büchels ihre gesammelten ­alten Materialien ein. Man könnte sagen, die anderen Gebäuden entnommenen »Spenderorgane« wurden dem bedürftigen Pfarrhof erfolgreich »eingepflanzt«, um seinen eigentlichen Ausdruck zu retten. Ein Beispiel: Die dem Wetter ausgesetzte Westgiebelseite erhielt von dem aus gesundheitlichen Gründen erwerbsunfähigen Bauarbeiter Jörg eine neue, vertikale Boden-Deckel-Holzverschalung. Fünf Wochen benötigte er ­dafür; täglich zwei Stunden physische Arbeit, mehr machen seine Knochen nicht mit. Das verwendete Holz entstammt größtenteils den Fußbodendielen aus den an Fundstücken reichen, ehemaligen Gusswerken im benachbarten Harzgerode; die schmaleren »Deckel«-Leisten, die die Lücken zwischen den »Boden«-Brettern überdecken, schnitt und fräste er aus den besseren Resten der alten Schalung. Beim Stuck an den Fenstereinfassungen auf der Hausrückseite und am Stall kam hingegen kein Altmaterial zum Einsatz. Deren Profile – aus Zementputz – hat Jörg mittels Blechschablonen angebracht und dann mit Eisenpigmentfarbe vom Ockeranstrich der übrigen Wand abgehoben. Es ist verblüffend, wie positiv solch kleine, handgemachte Eingriffe eine zuvor unbelebt wirkende Fassade verändern.
Ein zu DDR-Zeiten errichteter, an ein Treibhaus erinnernder Vorbau aus Stahl und geriffeltem Glas trug wesentlich zum vormals eher tristen Eindruck der rückseitigen Hauswand bei. Die Büchels kaschierten den Kasten teilweise mit jener 100-­Prozent‑­­Recycling-Terrassenüberdachung, die sich heute fast über die gesamte Breite der Hofseite zieht – und die dank der Pflanzen­berankung sowie all der wiederverwendeten Balken, Sparren, Dachlatten, Dachrinnen, Ziegel und Nägel so wirkt, als wäre sie immer schon da gewesen. Jörg überlegt, ob sich der dennoch etwas unharmonische Anblick des alten Vorbaus durch eine Verglasung und zusätzliche vorgeblendete Sprossen weiter mildern ließe.

Das Feuer lebendig halten
Gar keine sichtbaren Hinzufügungen benötigte das Dach. Dort lagen – und liegen wieder – im Jahr 1935 gebrannte Ziegel, ungefähr 3000 an der Zahl. Sie abzunehmen, zu säubern und umzulegen, stellte die aufwendigste Renovierungsmaßnahme am Anwesen dar – wie gut, dass der rückenkranke Hausherr wenigstens hierbei professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat!
Nicht nur außen, sondern selbstverständlich auch in seinem Inneren gleicht der überall mit Fundstücken verzierte und angefüllte Pfarrhof einem Museum – allerdings einem, das Jörg und Kirstin mit Sohn Simon bewohnen und mit viel Leben füllen. Die drei älteren Kinder sind schon aus dem Haus.
Jörgs Motto ist ein Spruch, der verschiedenen Urhebern zugeordnet wird: »Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren des Feuers.« Will sagen: Er lässt sich gerne von erjagten alten Werkzeugen und Artefakten dazu inspirieren, selbst schaffend tätig zu werden. Dann probiert er Techniken aus oder gibt so manchem Sammelgut einen neuen Sinn. Ein altes Kinderbett wird etwa zur Sitzbank, alte Schrauben schmiedet er zu Nägeln um. Schaffensdrang, Experimentierfreude, Handfertigkeit, Kunstsinn und Vorstellungskraft sind dabei ganz offenbar reichlich vorhanden. Wenn seine Physis ihre Grenzen signalisiert, greift der Mann zum Zeichenstift oder Aquarellpinsel: »Die kann ich immer noch halten, auch wenn Knie und Rücken ächzen.« Zur Zeit nutzt Jörg alte Türfüllungen als Malgrundlage.
Ihr gemeinsames Interesse an alten Dingen, Formen und Techniken haben Kirstin und Jörg irgendwann zum Beruf gemacht. Inspiriert unter anderem durch die einschlägigen Kultbücher von John Seymour, eigneten sie sich autodidaktisch traditionelle Handwerke wie das Korbflechten, Besenbinden, Schmieden, Töpfern, Spinnen, Filzen, Gerben, Holzmollen-Hauen und andere Künste an. »Das Korbflechen zum Beispiel«, erzählt Jörg, »hat mir wirklich durch Zeiten von Krankheit und Depression geholfen. Altes Handwerk wirkt manchmal wie eine Beschäftigungstherapie, das hab ich auch von anderen schon gehört.« Gerade hat er zu drechseln angefangen, und auch in so unterschiedlichen Herausforderungen wie der Sandsteinbearbeitung und der steinzeitlichen Klingenherstellung aus Flint versuchte er sich schon. Mit einigen dieser seltenen Künste tritt das Ehepaar Büchel auf Mittelaltermärkten auf, gibt Volkshochschulkurse und veranstaltet Projekttage an Schulen – und immer wieder werden Neugierige durch Haus und Hof geführt.
Was die Besucher entdecken, wirkt nicht ausgestellt-gekünstelt, sondern sehr authentisch, denn die Büchels pflegen in mancherlei Hinsicht auch einen »altertümlichen« Lebensstil, der mit der gegenwärtigen Überflussgesellschaft hart kontrastiert. Kleinbäuerliche Selbstversorgung nimmt in der Überlebensstrategie der Familie einen wichtigen Platz ein. Da sind etwa die Obstbäume und die Kisten mit in der Sonne trocknenden Walnüssen, der große Gemüsegarten, der hofeigene Brunnen, das Hühnergehege, Bock, Zicklein und Ziege – hier wird auch eigener Käse gemacht! – sowie die kleine Herde Kamerunschafe. Das Heu, das die Familie jeden Sommer in tagelanger Arbeit mit Sense und Rechen macht und in den stilvoll wiederhergerichteten Stall einfährt, wird für die Tiere gebraucht. Diese wiederum ernähren eine Familie, die über nur wenige monetäre Einkommensquellen verfügt. Ähnliches gilt für die Aufbereitung der jährlich benötigten 15 Festmeter ­Brennholz oder für die Eigenleistung an der Wohnung. »Wir machen auch keine großen Flugreisen«, sagen die Büchels. »Wir reisen lieber zu Hause durch die Zeiten.«

Muster allüberall
Auf den ersten Schritten ins Haus-innere fällt sofort die Wandgestaltung ins Auge. Eine mehr oder weniger knallige Tapete leuchtet den Besuchern aus jedem Raum entgegen. Aber der Schein trügt: »Seit drei Jahren renovieren wir mit großer Begeisterung mit alten Malerwalzen«, beginnt Jörg seine Erklärung. »Diese vielseitige, preiswerte Malertechnik macht geradezu süchtig!« Der Rollstempeldruck wurde 1879 entwickelt; die sogenannte Bauerntapete löste bald darauf die teuren, seidengewebten Tapeten und die bis dahin übliche Schablonentechnik ab und war bis weit ins 20. Jahrhundert en vogue, bis Billigtapeten aufkamen. Jörg jagt unter anderem auf Ebay nach den alten, in Weichgummi gegossenen Walzen. In einer Dachkammer hat er mehr als 200 zusammengetragene Exem­plare nach Motiven geordnet: florale, neutrale, abstrakte und geometrische Formen, Streifen, Küchenmuster mit Früchten oder Aquarienmotive fürs Bad. Beim Betrachten der Wände wird das Suchtpotenzial verständlich, denn je nach Farben und Mustern ergeben sich unterschiedliche Wirkungen, mitunter beim leicht verschobenen Überein­anderlegen von Farbstreifen sogar 3D-Effekte, die sich wohl erst beim Ausprobieren zeigen. Faszinierend, wie beim Abrollen der Walzen die komplexesten Muster auf der Wand entstehen, ohne dass am Ende Stöße zu erkennen wären! »Unsere heutige Kultur ist ausdruckslos geworden«, kommentiert Jörg. »Bei uns bekommt das Auge im ganzen Haus etwas zum Spielen.«
Das stimmt. Doch dürfte so mancher Betrachter die Gestaltung auch als arg bunt, dunkel oder wild empfinden. Heutige Augen sind, vermutlich anders als in früheren Zeiten, bereits in allzu vielen Lebensbereichen mit Grellheit konfrontiert.[Bild-3]
Durfte sich Jörg auch in den Räumen der Kinder austoben? Dem stark Abhängigen müssen ja bald die Wandflächen ausgegangen sein! Als Antwort hält der Rollenspieler kurz zwei weitere Türen auf: Simon hat sich selbst eine Schablone mit einem beliebten Pflanzenmotiv gefertigt und seine Dachkammer mit einer geschmackvollen Bordüre verziert; Tochter Anna wählte für ihr Jugendzimmer ebenfalls eine hübsche Zierleiste mit »afrikanischem« Muster. Diese dezenten Designs überfordern das Auge nicht, sie schmeicheln ihm.

Neuwand in Sicht
Wie geht es weiter, Jörg? Das Anwesen macht einen ziemlich runden, fertigen Eindruck. Das Gros der Kinder ist gerade erst flügge geworden und in urbane Umgebungen gewechselt; sie werden wohl frühestens dann das Erbe antreten, wenn sie eine Weile auf eigenen Beinen standen. Was gibt es neben den tausend Anforderungen des Selbstversorgeralltags nun noch zu tun?
»Es würde mich wirklich freuen«, antwortet Jörg, »meine Erfahrungen und Fähigkeiten an andere weitergeben zu können!« Gibt es vielleicht Oya-Leserinnen oder -Leser mit einer bedürftigen Altbau-Immobilie? Neuwand ist allerdings auch ganz in der Nähe in Sicht: Der Mann strahlt, als er von dem Projekt erzählt, das derzeit in der seit zwanzig Jahren leerstehenden Lungenheilanstalt Harzgerode entsteht. Er ist in Kontakt mit jener Gruppe mutiger Pioniere, die das Anwesen kürzlich erstanden hat, um dort ein ambitioniertes Gemeinschaftsprojekt ins Leben zu rufen. Nur zehn Autominuten entfernt ist der 1928–30 im Bauhaus-Stil errichtete Komplex mit 22 Hektar Wald- und Wiesenflächen – eine gigantische Herausforderung nicht nur in baulicher Hinsicht. »Ich kann mir vorstellen, mich dort einzubringen. Ja, es juckt mich schon in den Fingern«, verrät Jörg.
Wie viele tausend Quadratmeter Wandfläche wohl so eine Klinik hat? •


Den historischen Kunsthandwerkerhof besuchen:
Offen nach Absprache, Telefon (03 94 84) 7 46 98

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