enkeltauglich leben

Refugees welcome (Buchbesprechung)

von Elisabeth Voß, erschienen in Ausgabe #36/2016
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Der Einstieg in »Refugees Welcome« zeigt, wie es nicht sein soll: trostlose Gebäude, abgelegen, eingezäunt – abschreckende Beispiele von Flüchtlingsunterkünften in Hannover. Dem möchten Architektinnen und Architekten sowie Studierende der Leibniz Universität Hannover etwas entgegensetzen. Unter Leitung von Professor Jörg Friedrich haben sie in einem Forschungs- und Entwurfsexperiment Vorschläge ausgearbeitet, wie Flüchtlinge schnell und kostengünstig untergebracht werden können.
Die Entwürfe beziehen sich unterschiedlich auf Bestehendes. Die einen setzen Aufbauten auf das Flachdach der Universität oder auf den ungenutzten niederländischen EXPO-2000-Pavillon; andere bauen in ihn hinein oder in leerstehende Parkhäuser. Bau­lücken im Stadtbild werden mit flexiblen Wohnraummodulen versehen oder mit Kleinsthäusern gefüllt, die sich funktional aufeinander beziehen und so einen ständigen Austausch mit der Umgebung sicherstellen. Auf Hinterhöfen werden modulare Minihäuser errichtet. Unter der denkmalgeschützten Dachkonstruktion des verwaisten Güterbahnhofs von Hannover stehen Häusermodule oder als Wohnungen umgebaute Eisenbahnwaggons mit Vorgärten zwischen den Schienen. Ein Flüchtlingsheim wird auf einem Boot angesiedelt, und vereinzelt wohnen Flüchtlinge in Gartenkolonien. Eher für dauerhaftes Wohnen angelegt ist ein Neubau für gemischte Gruppen von Bewohnerinnen und Bewohnern.
Manche dieser Ideen werfen Fragen oder Zweifel auf, jedoch überwiegt der Impuls: Oh ja, fangt doch endlich an, und baut das! Denn besser als die würdelose Unterbringung in Hallen oder lieblosen Erstaufnahmeeinrichtungen sind diese Vorschläge allemal. Sie beeindrucken durch ihre Fantasie und das deutlich spürbare humane Engagement. Auch die einleitenden inhaltlichen Beiträge lassen keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass es hier um ernstgemeinte Versuche geht, Flüchtlingen eine neue Heimat zu ermöglichen. Dass Kay Wendel vom Flüchtlingsrat Brandenburg einen Beitrag beisteuert, schafft zusätzlich Vertrauen.
Jedoch irritiert der Hauch des Temporären, der sich durch das Buch zieht. Hat nicht eine menschenwürdige Architektur – ebenso wie eine ernstgemeinte Willkommenskultur – auch mit Dauer zu tun? Warum ist eine besondere Flüchtlingsarchitektur nötig, ­warum gibt es nicht einfach gutes Wohnen für alle? 

Refugees Welcome
Konzepte für eine menschen­würdige Architektur.
Jörg Friedrich, Simon Takasaki und andere (Hrsg.)
Jovis, 2015, 256 Seiten
ISBN 978–3868593785
28,00 Euro

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