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Leitwölfe sein (Buchbesprechung)

von Anke Caspar-Jürgens, erschienen in Ausgabe #38/2016
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Für sein Buch »Leitwölfe sein«, in dem es Jesper Juul um Beziehung in der Familie geht, hätte wohl kaum ein provozierenderer Titel gefunden werden können. Auch der Untertitel »Liebevolle Führung in der Familie« reicht nicht für eine Entkräftung des Verdachts, dass es hier um eine autoritäre Pädagogik ginge. Wer andere Bücher von Jesper Juul kennt, ahnt allerdings etwas anderes. Wölfe, so informiert Juul seine Leserinnen und Leser, lebten in einer Art klassischer Großfamilie und seien, konträr zu ihrem Image als böse und gefährliche Tiere, sehr familienorientiert. Für ihre Gruppe sei es eine Frage des Überlebens, ob sie durch Beziehungen und Vertrauen miteinander verbunden sind und von fähigen weiblichen und männlichen Mitgliedern geleitet werden. Diese Leitungsrollen hätten nichts mit autoritärem Gehabe zu tun, sondern mit Umsicht und Verantwortung für das Ganze. In diesem Sinn schreibt Jesper Juul: »Das Wohl von Kindern hängt davon ab, wie es allen in der Familie geht – als Einzelpersonen und als Gemeinschaft.«
Systemisch eingebunden, so heißt es weiter, entfalten sich junge Menschen gemäß den Bedingungen ihres jeweiligen Zusammenhangs. Im Rückblick auf die Werte und Normen traditionell autoritär geprägter Familien stellt Jesper Juul einen Paradigmenwechsel hin zu einem demokratisch orientierten Lebensstil fest, der auch junge Menschen in ihrer Individualität ernstnehmen will. Seine Analyse gesellschaftlicher Veränderungen im Verständnis von Familie während der letzten 200 Jahre kann daher auch für »moderne« Zusammenhänge hilfreich sein.
Selbst wenn junge Eltern es heute anders machen wollen als ihre eigenen Eltern – in der Praxis sehen sie sich nicht selten damit konfrontiert, dass ihnen die traditionellen Verhaltensweisen noch in den Knochen stecken. Was ihnen fehlt, um ihre neuen Werte umzusetzen, sind sowohl Leitbilder als auch Erfahrungen. Zwar scheint eine üppige Ratgeberliteratur diese Lücke zu füllen, aber allzu oft verfestigt sie lediglich die Abhängigkeit von Expertenwissen. Jesper Juul hingegen bietet mit seinem Buch die Chance, sich erst einmal selbst – den eigenen Einstellungen, Werten und Verhaltensweisen – auf die Spur zu kommen, um sich dann bewusst für oder gegen etwas Neues entscheiden und danach handeln zu können. Selbst noch autoritär erzogen, weiß der Autor nur zu gut, dass eine Auseinandersetzung mit sich selbst nur selten »so nebenbei« gelingen kann. Seine »Family Lab«-Seminare gibt es inzwischen in vielen europäischen Ländern. 


Leitwölfe sein
Liebevolle Führung in der Familie.
Jesper Juul
Beltz Verlag, 2016, 216 Seiten
16,95 Euro

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