enkeltauglich leben

Eins ist alles

Johannes Heimrath porträtiert den Einzeller Bifid Bakt.von Johannes Heimrath, erschienen in Ausgabe #39/2016
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© A.Dowsett, public health england/science photo library

Bifid Bakt in persona zu treffen, ist gar nicht so einfach. Wo soll ich suchen – zwischen meinen Zähnen? In welchem Darm­abschnitt? Noch schwieriger dürfte sich der Dialog gestalten: Wie können wir miteinander reden? Ich sehe mir nochmals das Por­trätbild an: Die Elektronenmikroskop­­aufnahme zeigt in 16 500-facher Vergrößerung den Y-förmigen Leib des einzelligen Wesens, das wir »Bifidobacterium bifidum« nennen. Ich kann kein Sprechwerkzeug erkennen. Überhaupt – was ähnelt mir wenigstens so weit, dass ich minimale Verwandtschaft fühle?

Es geht schon mit dem Genus los: Wie soll ich Bifid ansprechen – ist er männlich? Ist sie weiblich? Ist es ein Neutrum? »Weder noch!«, empfange ich plötzlich Bifids Antwort – eine Kaskade von Botenstoffen tief aus meinem Bauch bringt die Neuronen in meinem Gehirn zum Feuern. Und dann, ein wenig säuerlich: »Ich bin jenseits eurer Gender-Debatte – und gar ein Neutrum? Ich bin keine Sache, kein Ding, ich bin lebendig, bin Leben!« So geht es weiter: ­Leben sei Leben, es sei typisches Menschendenken, den Wert von Leben an der Zahl der Zellen zu messen, die sich im launischen Spiel der Evolution zu Fleischklopsen zusammengeballt hätten und nun stolz »mein Körper« zu sich sagten. Dabei gehörten sich die Zellen noch immer selbst. Beschlössen sie, sich wieder zu vereinzeln, dann könne mensch noch so sehr greinen, sie »gehörten« doch »ihm« – er veschwände, pfft! Wer sei das überhaupt – »Mensch«, »Ich«? Seien nicht die einzelligen Lebewesen die einzigen, die mit vollem Recht »Ich« zu sich sagen dürften? Müssten nicht all diese Vielzeller »Wir« sagen, wenn sie ihren Klopskörper meinen?
»Ich bin vollständig! Die Erfindung des Geschlechts war eine dumme Sache. Wir Einzeller waren dagegen. Es war doch klar, dass es nicht ohne uns gehen würde.« Erst als ich beteuere, dass ich das Gespräch mit Bifid gesucht habe, um meine Dankbarkeit für die unausgesetzte Sorge um mein Wohl auszudrücken, lenkt er – sie? es? – ein. Immerhin wacht sie – er? es? – über das perfekte Säure­milieu in meinen Eingeweiden, transformiert die Leiber der von mir gegessenen Lebewesen in Nahrung für meine Körperzellen und dämpft den Übermut gewisser bakterieller Verwandter, die »meinen Körper« – also »uns« – sonst am Leben hindern könnten. »Es hat lange gedauert«, seufzt Bifid, »bis ich ein angenehmes Habitat in den Schleimhäuten und Milchdrüsen deiner Mutterlinie gefunden habe.« Bifids Biografie ist mit meiner aufs engste verknüpft – und weit darüber hinaus: Bei der Geburt übersiedelt Bifids große Verwandtschaft aus der Vaginalschleimhaut der Mutter auf das Neu­geborene, und beim Stillen gelangt sie in sein Gedärm. Von Mutter zu Mutter geht Bifids Lebensfaden. Doch wie hat alles angefangen?
Das sei eine lange Geschichte, meint Bifid. Sie beginne mit der ersten Zelle, die das Prinzip der Teilung entdeckt hatte. Alle Zellen, die heute existierten, seien letztlich mit ihm – oder ihr? – verwandt. Sie – es? er? – kenne keine Kindheit, keine Jugend und kein Alter. Ich suche nach Bifids Äquivalent zu dem, was ich als Schicksal erfahre. Doch damit kann Bifid nichts anfangen. Ihm – oder ihr – scheint so ein Konzept völlig fremd zu sein.
Also wie nun – er, sie, es? Es klingt, als würde Bifid lächeln: »Ach, ihr Vielzeller – in wievielen Varianten von euch habe ich schon gehaust! Ihr könnt euch das Eine nur als Verschmelzung von Zweien vorstellen. Mein Leben kommt aus dem Ersten und Einen und verlässt diesen Zustand bis in Ewigkeit nicht.« Wie soll ich Mensch Wörter für etwas finden, das jenseits meiner physischen Verfasstheit liegt? Wörter, die eigentlich Nicht-Wörter sein müssten, um mein Denken in ­Gefilde zu geleiten, die ich höchstens in Zuständen von Flow, Versenkung, Ekstase und dergleichen erahne?
Was schlägst du vor, Bifid, denn offenbar fällt es dir leichter, dich in meine Realität einzubinden, als mir, die deinige nachzuvollziehen? Bifid ­erklärt das mit der Symbiose zwischen uns – nicht ohne nochmals zu erwähnen, dass ohne die Vermittlungsarbeit der Einzeller kein »höheres« Leben – wie es die Biologen nennen – existieren könne. Bifid scherzt: »Daneben schuftet unsereins auch für Sauerkraut, Brot, Wein und Bier, und jetzt zwingt ihr uns sogar zum Plastik­machen! – Willst du aus dem Kolonistengeist aussteigen, so solltest du meinesgleichen nicht in deine Kategorien nötigen. ­Kreiere ein ungewöhn­liches Pronomen für mich! ›Do‹ zum Beispiel. Do Bakter für unsere Gattung, nicht Mann, nicht Frau, nicht Neutrum. Dos Bakters für den Plural – spiel damit!« Mein Blick kehrt sich um: ­Bifid ist nicht »geschlechtslos« – das ist aus meiner Realität gedacht und impliziert, dass dom (ihm? ihr?) etwas fehle. Von dom (ihr? ihm? ihrihm?) zu mir geschaut, fehlt vielmehr mir etwas: das Eine, das unerhört Ganze, das Immerwährende. Bifid behauptet, unsterblich zu sein. Wie das? »Wir Bakts klonen uns. Wir sind immer dieselben, ich bin immer ich.« Aber man sagt, Bifid, du lebtest nur 20 Minuten … Bifid – was ist mit dir? Hallo?!
Bifids Signal wird rapide schwächer. »Keine Sorge, bin gleich wieder da«, kommt gerade noch bei mir an. Beim Versuch, sich aus der Vielheits­realität in die Einheitswirklichkeit hineinzudenken, verzwirbelt sich mein Verstand wie die berühmte »Brezel«, von der Bernard Lietaer meint, dass sich unser Gehirn in eine solche verwandle, wenn man über unser Geldsystem nachdenke.
Klonen? Was Bifid ist, kopiert sich samt doser (seiner? ihrer?) Persönlichkeit in die nächste Hülle, wird stets dosselbe sein, morgen, in einem Jahr, in Millio­nen Jahren, wie damals bei der ­ersten Mutation, die aus dosem Vorfahren eine neue Art gemacht hat.
Kein griffiges Bild stellt sich ein bei meinem Versuch, Bakts unendliche Lebensjahre dem Verstand nahe­zubringen. Ich muss auf eine andere Wahrnehmungs-, ja Seinsebene wechseln: Musik vielleicht? Da höre ich etwas in mir, einen Klang ohne Anfang und Ende – es ist kein einzelner Ton, vielmehr ein reicher Klang voller Farben, immer gleich und doch ständig changierend. Ein Klang, als hätte jemand bestimmte Tasten einer Orgel für alle Zeiten gedrückt, und das ganze Kirchenschiff resonierte, die Frequen­zen millionenfach brechend, gewaltig und doch unendlich fein, so fein, dass mir die Trommelfelle fast platzen vor Sehnsucht, noch den höchsten Oberton zu erlauschen, ganz hoch, kaum noch vernehmbar über dem äonentief erschütternden Bass. – »Bin ­wieder da!«, lacht Bifid. »Wo waren wir stehengeblieben?« •

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